Am Tragegriff des hölzernen Nähkastens baumelt ein von Hand beschriftetes Etikett. „Ich stamme von der lieben Dörte und bin gespannt, wo ich bald lande. Ich habe stets meine Dienste geleistet“, ist darauf zu lesen. Ulrike Rosenthal hat vieles, was sie in ihrem Vintage-Wohn- und Dekorationsgeschäft „Miss Peacock“ verkauft, mit solch kleinen Zetteln versehen.
„Ich liebe es, wenn Dinge eine Geschichte haben – und die gebe ich gern an meine Kunden weiter.“ Denen erzählt die 42-Jährige dann auch all das, was nicht mehr aufs Etikett passte. So wie bei dem Nähkasten aus den 1970er-Jahren, auf den Ulrike Rosenthal bei einer Wohnungsauflösung im holländischen Roermond stieß – der Wohnung der besagten Dörte, die nun in einer Seniorenresidenz lebt. „Sie nutzte das Kästchen erst für ihre eigenen Nähutensilien. Später verstaute sie darin Bastelsachen für ihre Enkel“, berichtet Ulrike Rosenthal.
Gerade hat sie ihren Laden neu dekoriert, farblich und inhaltlich entsprechend der Jahreszeit – so wie sie es immer macht, seit sie vor sechs Jahren ihren Interieur-Shop eröffnete. Lackiert in sattem Senfgelb passe der Nähkasten perfekt in die Frühjahrsdeko, sagt Ulrike Rosenthal.

In Holland und Dänemark sind noch viele „Schätze“ zu finden
Vieles von dem, was sie in ihrem Laden verkauft, ist noch älter als der Nähkasten. „Mein Herz schlägt vor allem für Originale aus den 1940er- und 1950er-Jahren“, sagt sie. Das können Kleinmöbel wie Kommoden oder Nachttische sein, die sie aufwendig restauriert. Das können aber auch alte Emaille-Siebe sein, die sie zu Küchenlampen umfunktioniert. Dass ein Sieb schon mal Rost angesetzt hat, stört sie dabei nicht – im Gegenteil. „Alte Liebe rostet manchmal. So manches Original bekommt dadurch erst seinen Charakter“, hebt die Geschäftsinhaberin hervor.
Gern haucht sie Dingen nicht nur ein neues, sondern ein anderes Leben ein. Aus Ginflaschen werden Seifenspender. Aus Sammeltassen von anno dunnemals, die heutzutage keiner mehr haben will, macht Ulrike Rosenthal Etageren – kleine Kunstwerke „für Kekse oder als Schmuckablage“.
„Schon als Kind fand ich alte Sachen spezieller“, erzählt die 42-Jährige. „Wenn ich in alten Häusern war, hat mich immer der Geruch fasziniert. Da roch es nach Menschen, die darin gelebt, geliebt, gefeiert haben.“ Nach der Schulzeit absolvierte Ulrike Rosenthal eine Ausbildung im Einzelhandel, arbeitete als Fotografin, später im Marketing. Nebenbei frönte sie immer ihrer Vintage-Leidenschaft, restaurierte Kisten und Kästchen, schuf Dekorationsartikel. Zunächst für die eigene Wohnung, dann für Freunde und Bekannte.

Ihre Kreationen kamen gut an. Also beschloss sie, sie auch auf Kreativmärkten zu verkaufen. Zehn Jahre lang machte sie das und sparte während der Zeit eisern jeden Cent, um sich ihren Lebenstraum zu erfüllen – einen eigenen Laden. „Als ich zufällig von dem freiwerdenden Ladenlokal am Richardplatz erfuhr, bin ich ins kalte Wasser gesprungen“, erzählt Ulrike Rosenthal.
Noch mehr besondere Läden in Berlin:
Es gibt auch selbstgemachte Marmeladen und Chutneys
Selbst die Einrichtung ihres Geschäfts zeugt von ihrer Kreativität – der riesige, selbst gebaute Edison-Glühbirnen-Kronleuchter an der Decke, das aufgearbeitete Buffet von Oma Charlotte, der Tisch aus recycelten Schiffsbohlen, auf dem sie ihre kleinen „neuen“ Schätze drapiert.
Viele ihrer Basismaterialien findet sie in Holland oder Dänemark, in Second-Hand-Läden und bei Wohnungsauflösungen. Anders als in Deutschland sei dort auf den Dachböden noch vieles aus Vorkriegszeiten erhalten. Auch in England sei sie auf „Scheunen voller Geschichten“ gestoßen, ebenso in Südfrankreich. Neben ihren Vintage-Kreationen führt „Miss Peacock“ auch neue Wohnaccessoires, vornehmlich von skandinavischen Labels. „Die haben einen tollen Stil“, schwärmt sie.
Übrigens verkauft Ulrike Rosenthal auch Marmeladen und Chutneys. Fast überflüssig zu erwähnen, dass die selbst gemacht sind, mit Früchten aus dem Garten ihres Vaters im Brandenburgischen. Immer wieder probiert sie Neues aus – wie das Zucchini-Chutney auf indische Art, den Pfirsich-Aufstrich mit wildem Thymian oder die Sauerkirsch-Marmelade mit dunkler Schokolade und Espresso,
Miss Peacock Vintage & Crafts – Interieur & Concept Store, Richardplatz 7, Neukölln, Di.–Sbd. 12–19 Uhr, Tel. 54 87 97 22, www.misspeacock.de
Manufakturgeschäfte in Berlin (Auswahl)
- Manufactum Warenhaus Hardenbergstr. 4, Charlottenburg, Tel. 24 03 38 44, Mo.–Fr. 10–20 Uhr, Sbd. 10–18 Uhr, www.manufactum.de
- Wohnzimmer 36 Paul-Lincke-Ufer 44, Kreuzberg, Tel. 61 62 38 72, Mo.–Fr. 11–19 Uhr, Sbd. 11–18 Uhr
- Goodshaus Kastanienallee 101, Prenzlauer Berg, Tel. 35 12 68 96, Mo.–Sbd. 11–18 Uhr, www.goodshaus.com
- Hetti. & The Conscious Club Reuterstr. 62, Neukölln, Tel. 0176/22 52 25 77, Öffnunsgzeiten über 0176/22 52 25 77, hettiberlin.com
- Lilo Berlin Steifensandstr. 9, Charlottenburg, Tel. 70 08 25 25, Di.–Fr. 12–18.30 Uhr, Sbd. 12–18 Uhr, www.lilo-berlin.de
- Kunstschule Hufelandstr. 13, Prenzlauer Berg, Tel. 29 77 93 61, Mo.–Fr. 10.30–19 Uhr, Sbd. 10.30–18 Uhr, kunstschule.net
- Polli Überall Körtestr 3, Kreuzberg, Tel. 0179/370 37 93, Di.–Fr. 12–19 Uhr, Sbd. 11–16 Uhr, www.polli-ueberall.com
- Lieberfilz Mariannenplatz 22, Kreuzberg, Tel. 60 03 12 84, Mo.– Fr. 10–18 Uhr (meistens), Sbd. 11–17 Uhr, www.lieberfilz.com Elisabeth Schwarz fertigt wunderbare Accessoires ausschließlich aus Filz.
- Bohei Weserstr. 43, Neukölln, Mo.–Sbd. 12–19 Uhr, Tel. 80 93 27 57, umfangreicher Onlineshop: www.bohei-shop.com


