Berliner Perlen

Im "Bunte Fetzen" wird das Nähen zum Erlebnis

Petra Jordan verkauft nicht nur edles Tuch, sie bringt den Kunden auch bei, wie sie ihre Lieblingsstücke selbst anfertigen können.

„Bunte Fetzen“ ist Laden und Label zugleich: Petra Jordan in ihrer vierten Filiale an der Grünberger Straße

„Bunte Fetzen“ ist Laden und Label zugleich: Petra Jordan in ihrer vierten Filiale an der Grünberger Straße

Foto: Amin Akhtar

„Nähen macht glücklich!“ steht über dem Eingang. Wer möchte sie nicht öffnen, diese Tür? „Bunte Fetzen“, eine Kombination aus Stoffladen und Nähschule, ist ein Blickfang im Friedrichshainer Kiez. Originelle Stoffkreationen wecken Experimentierlust. Die hippe Wende-Umhängetasche selber herstellen, wie geht das? „Kommen Sie doch in unseren Nähkurs“, schlägt Inhaberin Petra Jordan vor und erklärt: „Die Tasche ist die ultimative Abschlussarbeit unserer Schüler. An ihr üben sie schwierige Techniken und Details wie Geheimfächer und unsichtbare Nähte.“

Für die gebürtige Friedrichshainerin ist die Eröffnung ihrer vierten Filiale an der Grünberger Straße eine Rückkehr in den Heimatkiez, „wo sich viel zum Positiven verändert hat“. Auch hier möchte sie – so ihr Konzept – ihre Kunden für die Nähkunst begeistern. Nähen als Erlebnis, als Event. Event? Ein plötzlicher Einfall wurde zur Geschäftsidee. Seit Anfang April ist Berlins erster Näh-Event-Laden Realität. In der Langhans­straße in Weißensee können die 50 Quadratmeter der ersten Filiale privat gemietet werden – samt Schneidertisch und bis zu zwölf Computer gesteuerten Nähmaschinen: für Jubiläumsfeiern, kreative Treffs mit Freunden, Kindergeburtstage. Bis zu zwölf Kids können unter Anleitung drei Stunden lang aus selbst gewählten Stoffen Lieblingsstücke zaubern. Erwachsene zahlen für die Unterstützung einen Aufpreis.

Die Premiere gehörte Petra Jordans Tochter, ohne die es „Bunte Fetzen“ nicht gäbe. Da war jene mütterliche Nähberatung Anfang 2011, zwei Stunden lang per Telefon. „Als sie auflegte, habe ich Petra empfohlen, eine Nähschule zu eröffnen“, erinnert sich Ehemann Gerd. „Ich wollte sowieso nach zehn Jahren als Leiterin einer Textilabteilung zurück in die Selbständigkeit“, erzählt die gelernte Herrenmaßschneiderin, die sich schon nach dem Fall der Mauer als Händlerin für selbst gefertigte Kinderkleidung – Konfektion war in der DDR Mangelware – selbstständig machte.

Vier deutsche Großhändler liefern die Ökostoffe

Für ihr neues Projekt fand die 55-Jährige schon nach vier Wochen einen Vermieter. Der nächste machte 2014 für die 800 Meter entfernte Herbert-Baum-Straße ein günstiges Angebot, bald folgte eine weitere Filiale in Köpenick. „Unsere Kindersachen gibt es schon auf Secondhand-Plattformen. Besser geht Werbung nicht“, sagt Gerd Jordan. Der 60-jährige gebürtige Wolfsburger, seit 2001 Wahlberliner, lernte seine Frau vor 14 Jahren hier kennen. Eine Patchwork-Familie, für die es keine Mauer in den Köpfen gibt – mit insgesamt vier Kindern und ebenso vielen Enkeln. Inzwischen ist „Bunte Fetzen“ ein eigenes Label und lizenzierter Händler von Brother-Nähmaschinen, beschäftigt acht Mitarbeiterinnen. Gerd Jordan hat seinen Beruf als Koch aufgegeben und hält seiner Frau als „Papier-Tiger“ den Rücken frei, auch als Einkäufer. Vier deutsche Großhändler liefern Qualitäts- und vor allem zertifizierte Ökostoffe: Baumwolle, Leinen oder Jersey.

Aktuell steht ein Sortiment von 2000 hochwertigen Stoffen zur Auswahl: zu fairen Preisen, von fünf bis 24,90 Euro pro Meter. Die nötigen Kurzwaren sind im Angebot, Näh-Tipps beim Kauf gehören zum Service und können schon mal eine Stunde dauern. Die Kundinnen genießen es – sind doch ihre Kinder derweil in den Spielecken gut aufgehoben. Käufer aus dem Bundesgebiet und dem Ausland kommen lieber persönlich vorbei, als online zu bestellen, und sind überrascht vom Sortiment ausgefallener, pfiffiger Kreationen: kuschelige Baby-Tragetaschen-Cover für 69,90 Euro, „Wunderkissen“, mit wenigen Handgriffen zur Kuscheldecke transformiert, Handytaschen, Verstecker-Kissen oder Stoff-Enten mit Geheimfächern.

Zwei Stickmaschinen verleihen bestellten Maßanfertigungen einen individuellen Touch. „Unsere Unikate haben einen hohen Wiedererkennungswert“, sagen die Jordans. Das gefragte Einschulungs-Set etwa. Eine Kombination aus festlicher Kleidung und Stoff-Schultüte, die später in ein Kuschelkissen verwandelt werden kann. Beides auf Bestellung oder selbst gefertigt in einer der drei Nähschulen.

Die Verkäuferinnen sind zugleich auch Lehrerinnen

Denn die Verkäuferinnen, professionelle Maßschneiderinnen, sind zugleich Lehrerinnen. 18 Euro kostet eine Unterrichtseinheit je zwei volle Stunden. Bis zu sechs Schüler pro Gruppe erstellen unterschiedliche Produkte. Ein Grundlagen-Lehrplan, moderne Nähstationen und Fachliteratur ermöglichen professionelle Ausbildung. Der 22-jährigen Profi-Schneiderin Annika macht es großen Spaß, „einem absoluten Neuling etwas beizubringen und den Erfolg zu sehen“. Die bisher jüngste Schülerin ist neun Jahre alt, die älteste begann mit 83. Auch Herren begeistern sich für die Kurse – vom Arzt bis zum Rechtsanwalt.

Und wenn kein Kunde, kein Nähschüler vor Ort ist? Dann verwandelt sich der Nähmaschinen-Platz im Verkaufsraum in ein Kreativ-Labor. In solch magischen Stunden entwarf Annika ihre Fabelwesen: den Kiwi und den Igel. Die Kuscheltiere wurden zum Renner. Wichtiger Motivationsschub für Annika und Bestätigung für die Strategie der Chefin. „Ideen-Freiheit gehört zum guten Betriebsklima, und das spüren die Kunden“, sagt Petra Jordan.

Bunte Fetzen Grünberger Straße 24, Friedrichshain, Tel.: 0176/ 42 03 53 97, Öffnungszeiten Mo.-Fr. 10-19, Sbd. 10-14 Uhr, Onlineshop: www.buntefetzenshop.de

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