Ein Bier mit 9,7 Prozent Alkoholgehalt lässt sich nicht einfach wegtrinken wie eines mit den sonst handelsüblichen gut fünf Prozent. Zumal, wenn es einzigartig im Geschmack ist und mit Aromen den Gaumen kitzelt, die man vom massentauglichen Einheitsbier gar nicht mehr kennt. Kaltgehopftes dieser Art muss man in aller Ruhe genießen. Der perfekte Ort dafür ist das Bergschloss.

Im Schankraum der Brauerei Berliner Berg kann man nicht nur die hausgebrauten Biere verkosten, sondern auch nationale und internationale Bierspezialitäten. „Es gibt über hundert Bierstile auf der Welt. In Deutschland ist die Sicht darauf aber generell eingeschränkt. Hier stellen wir unsere Idee von Bier vor“, erklärt Robin Weber, der Geschäftsführer der Brauerei, die er 2015 mit Uli Erxleben und Finn Age Hänsel gründete.

Die Belgier schätzen Champagner- oder Kirschbier

In Deutschland wird vor allem Bier Pilsener Brauart und Helles getrunken sowie ein kleiner Anteil Weizen. Andere Länder sind da aufgeschlossener. Die Belgier etwa schätzen Champagner- oder Kirschbier. Die Drei vom Berliner Berg kommen aus dem Start-up-Bereich und haben viel Auslanderfahrung. Sie kennen auch die Craft-Beer-Bewegung in den USA und schätzen deren Geschmacksvielfalt.

Gebraut wird in großen Kesseln mit Milchsäurebakterien und wilder Hefe
Gebraut wird in großen Kesseln mit Milchsäurebakterien und wilder Hefe© Glanze | Sergej Glanze

Andererseits sind sie große Fans des deutschen Biers. Was also lag näher als eine Brauerei zu gründen, die die alte deutsche Tradition des vorindustriellen Bierbrauens mit der Experimentierfreude des Craft-Beer-Gedankens verbindet? „Als wir dann noch Braumeister Richie Hodges kennenlernten, traf unsere Idee auf seine Kompetenz“, erinnert sich Robin Weber.

Hodges kommt aus den USA. Während des Studiums in Texas begann er mit dem Bierbrauen. Aus dem Hobby wurde bald mehr. Er ging nach Deutschland, schrieb sich an der Technischen Universität (TU) in Weihenstephan ein, machte seinen Meisterbrief an der Doemens Akademie in München-Gräfelfing. „Bierbrauen ist für mich ein bisschen Kunst, ein bisschen Wissenschaft und ganz viel Leidenschaft“, verrät der Amerikaner sein Erfolgsrezept.

Die echte Berliner Weiße trinkt man ohne roten oder grünen Sirup

Noch geht es für Hodges in befreundete Brauereien, um das Berliner Berg herzustellen. Pale Ale und Lager sind bereits zu haben in ausgewählten Getränkemärkten, Bars, Spätis, Kneipen und natürlich im eigenen Schankraum. Bald soll auch die Berliner Weiße zum Kernsortiment gehören. Dafür wird eifrig an der hauseigenen Brauerei in den Kellerräumen gearbeitet. Gebraut dann nach traditioneller Art mit Milchsäurebakterien und wilder Hefe. „Die Mikroorganismen gelten ansonsten in Brauereien als Schädlinge. Momentan braut nur noch BrewBaker im Prenzlauer Berg nach traditionellem Verfahren“, weiß Robin Weber.

Die echte Berliner Weiße trinkt man ohne roten oder grünen Zuckersirup. Das Aroma ist einmalig. Nicht ohne Grund nannte Napoleon das Sauerbier einst „Champagner des Nordens“. 2014 nahm die Slow-Food-Stiftung für Biodiversität die Berliner Weiße in die „Arche des Geschmacks“ für bedrohte, regionale Lebensmittel auf. Demnächst kann man das Getränk im Bergschloss genießen. Im Sommer auch im hauseigenen Biergarten im Hof.

Hausgebraute und importierte saisonale Spezialitäten

Ebenfalls ausgeschenkt werden hausgebraute und importierte saisonale Spezialitäten. Eine große Bandbreite an geschmacksintensiven Bieren mit unterschiedlichen Aromen ist damit garantiert. Für Robin Weber hängt es von der Stimmung ab, welches Bier er trinkt. „Ich mag ausgewogene Biere, die geschmacklich außergewöhnlich sind, aber vom Charakter her zu einem zweiten Glas einladen“, lautet seine Lieblingsvorstellung eines guten Biers.

Im Neuköllner Bergschloss wird selbstgebrautes Bier ausgeschenkt und verkauft
Im Neuköllner Bergschloss wird selbstgebrautes Bier ausgeschenkt und verkauft© Glanze | Sergej Glanze

Bei leckerem Gerstensaft verweilt man schließlich nur zu gern. Wie auch im liebevoll restaurierten Schankraum. Der erinnert an alte, gemütliche Kneipen. Allerdings ohne die überquellenden Aschenbecher von früher. Denn geraucht wird nicht, geht es doch um uneingeschränkten Biergenuss. Ende des 19. Jahrhunderts beherbergten die Räume eine Schmalzfabrik, später eine Metzgerei. Robin Weber hat das Bergschloss in mühevoller Kleinarbeit selbst renoviert und dabei Reste einer alten Wandmalerei freigelegt.

Sein Bruder hat den Tresen gebaut. Der sieht aus, als würde er schon Generationen als Ort gepflegter Getränke und wüster Kneipenplauderei dienen, dabei hat der Schankraum erst im vergangenen November eröffnet. Auch das restliche Sitz-Mobiliar wirkt, als hätte es eine Jahrzehnte alte Patina. Insgesamt viel Holz und unverputzte Wände mit genau dem richtigen Quäntchen angesagter, cooler Shabby-Chic-Optik. Schließlich ist man im trendigen Rollbergkiez.

Im Bergschloss wird die Lust am Handgebrauten zelebriert

Der Name Berliner Berg stammt übrigens von Robin Webers Mutter und hat sogar einen lokalen Bezug. „Der Berg war früher der Ort, an dem sich Brauereien angesiedelt haben. Man konnte ihn unterkellern und das Bier besser kühlen“, erklärt der 30-Jährige. Deshalb gab es im 19. Jahrhundert viele Brauereien im Prenzlauer Berg und in eben in Neukölln am Rollberg. Einst schadeten die Trinkgelage der Brauerei-Gäste jedoch dem Ruf des Viertels. Heute aber wertet die Brauerei die Gegend auf. Zudem wird die Lust am Handgebrauten im Bergschloss wesentlich gediegener zelebriert. Dazu dürfte auch der hohe Alkoholgehalt mancher Spezialität beitragen. 9,7 Prozent muss man nämlich erst mal ganz langsam sacken lassen.

Das Bergschloss & Brauerei Berliner Berg, Kopfstraße 59, Neukölln, Tel. 64 43 59 06, Ausschank Do.-Sbd. 19-1 Uhr, Infos unter berlinerberg.com