Das Kresseöl glänzt in einem zarten Hellgrün auf dem Teller, es riecht ein wenig nach Rettich. Mit einem Brotwürfel aufgestippt, schmeckt es scharf und pfeffrig. Ganz anders dagegen das dunklere Hanföl, das eher nussig und mild daher kommt. Besucher der „Ölmühle an der Havel“ können sich durch knapp zwei Dutzend Ölsorten probieren. Die meisten von ihnen wurden aus frischen Biosaaten aus dem Umland gewonnen. Regionale Klassiker wie Leinöl und Rapsöl stehen auf weißen Regalbrettern neben ungewöhnlichen Sorten wie Senföl und Schwarzkümmelöl.
Der Star des Sortiments ist das Drachenkopföl. Die rare Spezialität wird aus den Samen des iberischen Drachenkopfs gewonnen. Die Pflanzen dazu werden eigens für die Ölmühle auf speziell kalkhaltigen Böden angebaut. Spätestens, wenn man zu dem dritten Brotwürfelchen greift, um Chiaöl oder Mohn-Vanille-Öl aufzutunken, freut man sich, dass die Zeiten vorbei sind, in denen Haushalte mit einer einzigen Flasche Sonnenblumenöl auskamen.
„Auch für mich gibt es beim Thema Öl noch eine Menge zu entdecken“, sagt Sabine Stempfhuber, die gemeinsam mit ihrem Mann Frank Besinger die „Ölmühle an der Havel“ betreibt. Der Laden liegt allerdings etliche Kilometer von der Havel entfernt mitten im Bergmannstraßen-Kiez. „Wir wohnen in Kladow in der Nähe der Havel, dort haben wir ursprünglich mit dem Ölpressen angefangen“, erklärt Sabine Stempfhuber. „Den Namen haben wir in Kreuzberg beibehalten.“
Auch die Ölpresse selbst verbreitet wenig romantisches Flair. Es ist ein schnödes, modernes Gerät aus mattem Metall, das in einem Hinterzimmer zwischen allerlei Säcken mit Saatgut steht. Brummend wird das Öl aus Samenkörnern und Nüssen gepresst. Zurück bleibt eine dunkle, schimmernde Paste: der sogenannte Presskuchen. „Gerade bei Nussölen wäre es viel zu schade, den Presskuchen wegzuwerfen“, sagt Sabine Stempfhuber. Und deshalb werden die Reste zu Kuchen oder Pralinen verarbeitet und im Laden als Mehl verkauft. Außerdem stehen auf den mattweißen Regalbrettern auch Tees und Gewürzmischungen aus eigener Produktion, Essig, Marmelade und Honig aus kleinen Manufakturen.
Esskultur und ökologischesBewusstsein werden gefördert
Frank Besinger und Sabine Stempfhuber geht es nicht nur um den Verkauf der Produkte. Sie wollen mit ihrem Laden auch die Esskultur und das ökologische Bewusstsein ihrer Kunden fördern. Wer all die angebotenen Ölsorten zwar interessant findet, aber nicht so recht weiß, was mit ihnen anzufangen ist, bekommt Tipps und Rezepte für Salate, Pestos oder Mayonnaisen mit auf den Weg. Und auch die exakte Zusammensetzung der Fettsäuren können alle Mitarbeiter zu jedem Öl auf Anhieb nennen. Neben begeisterten Hobbyköchen gehören auch viele gesundheitsbewusste Esser zu den Kunden.
„Das Thema Essen und Genuss hat mich schon immer interessiert und bewegt“, sagt Sabine Stempfhuber, die in Aschaffenburg geboren wurde. Sie lernte zunächst Restaurantfachfrau, arbeitete aber später als Controllerin bei einer Softwarefirma in München. Neben ihrer Arbeit stellte sie als Hobby Tees und Gewürzmischungen zusammen. Als sie vor acht Jahren zu ihrem Mann nach Berlin zog, verkaufte sie unter dem Namen „Teanova“ ihre Tees und Gewürze zunächst auf Märkten. Bereits damals gab es viele kleine Produzenten und Manufakturen, die erfolgreich Bio-Produkte auf den Markt brachten.
Was nach Sabine Stempfhubers Meinung aber fehlte, waren gute native Speiseöle aus regionalem Anbau. „Danach hatte ich gesucht und nichts gefunden, was mir gefiel“, sagt Sabine Stempfhuber über ihre Geschäftsidee. „also habe ich meinen Mann überredet, dass wir uns eine Ölpresse zulegen.“ Frank Besinger, der sich genau wie seine Frau seit vielen Jahren für gutes Essen begeistert, konnte sich schnell für die Idee seiner Frau erwärmen. Außerdem brachte er als studierter Maschinenbauingenieur das nötige technische Know-how mit. Mit einem Sack voll Sonnenblumenkernen wurde der erste Versuch gestartet. Das frischgepresste Öl begeisterte, weil es eindeutig nach Sonnenblumenkernen schmeckte. Die ersten Öle wurden auf Märkten verkauft. Ende 2014 eröffnete das Ehepaar ihr Geschäft in Kreuzberg.
Seit 1964 ist Ölmüller kein Ausbildungsberuf mehr
Bis 1964 war Ölmüller noch ein offizieller Ausbildungsberuf. Wer heute Speiseöl pressen will, muss sich das Handwerk selbst beibringen – durch zugucken und experimentieren. „Die Herausforderung besteht darin, dass nicht zu viel Hitze auf das Öl einwirken darf“, sagt Sabine Stempfhuber. „Nur so bleiben die Aromen, Vitamine und andere Inhaltsstoffe erhalten.“ Alle Ölsorten werden in kleine, dunkle Flaschen abgefüllt. Das braune Glas verbirgt zwar die Farbe der Öle, dafür werden die kostbaren Flüssigkeiten vor Sonnenstrahlen geschützt.
Mittlerweile ist auch Frank Besinger Vollzeit in das Geschäft seiner Frau eingestiegen. „Er kennt sich mit dem Pressen jetzt viel besser aus als ich“, sagt Sabine Stempfhuber. Um Öle zu gewinnen sei außer Sachverstand auch Muskelkraft nötig: „Das Einzige was ich am Ölpressen wirklich unterschätzt habe, ist das Gewicht der Säcke. Einige kann ich alleine überhaupt nicht hoch wuchten.“
Ölmühle an der Havel Bergmannstraße 104, Kreuzberg, Tel. 50 56 71 15, Mo.-Sbd. 10-19 Uhr, www.oelgenuss.de





