Man fühlt sich sofort wie zu Hause. Eine kleine Bank mit Kissen hier, ein Blumenstrauß da. Und ganz viel Marmelade. Es duftet nach frischen Früchten und aromatischen Kräutern, eine zarte Süße liegt in der Luft. „Möchtest du probieren?“, fragt Gabriele Kutzborski eine Kundin und reicht ihr einen Teelöffel mit Rhabarbermarmelade. Im hinteren Teil des Ladens steht Lillevi Hansen in der Küche und rührt mit einem Holzlöffel in einem großen Topf Marmelade.

„Bols & Hansen“ nennt sich das kleine Geschäft an der Obentrautstraße 64 in Kreuzberg. Hier kochen und verkaufen Gabriele Kutzborski und Lillevi Hansen seit 2010 ihre selbstgemachten Marmeladen. „Ich esse gerne Marmelade, und Lillevi kocht sie sehr gut“, sagt Gabriele Kutzborski, deren Mädchenname Bols ist. „So ist die Idee damals entstanden.“ Die zwei Frauen kennen sich seit 25 Jahren. Gabriele Kutzborski ist Agraringenieurin mit Schwerpunkt auf ökologischen Landbau. Sie hatte schon immer den Traum, ein eigenes Bioprodukt zu verkaufen. Lillevi Hansen ist gelernte Hotelfachfrau und hat jahrelang in der Gastronomie gearbeitet, unter anderem für den schwedischen Botschafter.

„Wir haben diese Marmelade vermisst“, sagt Lillevi Hansen. Eine leckere, individuelle Marmelade aus frischem Obst der Umgebung, 100 Prozent Bio und keine Fabrikware. Erstklassige Qualität sollte es sein, keine exotischen Früchte wie Mango oder Ananas verwendet werden. Das Konzept hat gefruchtet.

Es gibt süße Varianten wieErdbeere mit weißer Schokolade

Im Laden gibt es alles, was das Herz des Marmeladenfans höher schlagen lässt: Quitte, Apfel, Ingwer, Orange, Feige, Birne, Erdbeere, Rhabarber, Sauerkirsche, Zwetschge – oft in Kombination mit Gewürzen. Etwa 60 Sorten zählt das Sortiment zur Zeit. Lillevi Hansens Favorit ist Erdbeere mit Zimt und Koriander. Es gibt auch süße Varianten wie Erdbeere mit weißer Schokolade. Sanddorn gibt es übrigens nicht, das mögen die beiden nicht. Und gekocht wird nur das, was ihnen selbst schmeckt.

Vor fünf Jahren lief das Geschäft allerdings noch nicht so gut wie heute. „Damals hieß es für uns fast täglich: Probierpakete packen, Löffel einstecken und ab in die U-Bahn“, erinnert sich Lillevi Hansen. Damit ging es dann in Bioläden und andere Geschäfte, um Marmelade zum Probieren anzubieten. „Wenn einen noch keiner kennt, muss man erstmal Vertrauen schaffen.“ Schwierige Momente gab und gibt es aber immer, sagt Gabriele Kutzborski. „Da stellt man sich schon das ein oder andere Mal die Frage: Lohnt sich das? Ist es wirklich das, was wir wollen?“ Ja, da sind sich die zwei Frauen einig.

Man braucht einen langen Atem, meint Lillevi Hansen, aber aufgeben sei noch nie eine Option gewesen. Inzwischen beliefern die Kreuzbergerinnen ganz Deutschland. Bioläden, Feinkostgeschäfte, Frühstückscafés und sogar Hotels geben Bestellungen bei „Bols & Hansen“ auf. Zwischen 30 und 600 Gläser sind das dann.

Durch das große Schaufenster scheint die Sonne in den kleinen Laden, in dem früher einmal eine Kreuzberger Bäckerei war, und durchflutet ihn mit hellem Licht. Weiße Schränke sind voll gestellt mit unzähligen Marmeladengläschen. In der Mitte liegt ein pinkfarbener Teppich, auf dem Tisch auf einer rosa gemusterten Tischdecke stehen weitere Gläser. Die gehäkelten Topflappen und Holzherzen, die am Schrank hängen, wirken alle selbstgemacht. „Sind sie aber nicht“, sagt Gabriele Kutzborski schmunzelnd.

„Ausschlaggebend für uns war die große Küche, die es im hinteren Teil des Geschäfts gibt“, erzählt sie. Somit eignete sich der leerstehende Raum hervorragend als Marmeladenmanufaktur – mit Küche und Verkaufsstelle in einem. Lillevi Hansen kocht, Gabriele Kutzborski verkauft. Dabei ist es geblieben. Mitarbeiter hatten die beiden Besitzerinnen auch schon. „Das war uns dann aber doch zu kompliziert und fühlte sich irgendwie nicht mehr richtig an“, meint Lillevi Hansen.

Gemäß dem Oscar-Wilde-Motto „Man nehme von allem nur das Beste“ kocht Lillevi Hansen seit sechs Jahren Marmelade für den Verkauf. Bevor es losgeht, wäscht sie die leeren Gläser gründlich ab und erhitzt sie im Ofen. Dann schneidet sie Orangen und Blutorangen, die Feigen werden in Orangensaft eingeweicht. „Das Obst bekommen wir frisch von regionalen Höfen oder vom Bio-Großhändler“, sagt sie.

Blutorange wird mit getrocketen Feigen kombiniert

Momentan sind das Rhabarber und Orangen, wobei die Orangenzeit bald vorbei ist. Mit der Blutorange kombiniert Lillevi am liebsten getrocknete Feigen. Sie füllt zuerst frischgepressten Orangensaft in einen großen Topf und erhitzt das Ganze. Dazu kommen die Feigen und wenig Rohrzucker, die Feigen püriert sie. Weder Aromen, noch Farb- oder Konservierungsstoffe kommen hinein. Zum Gelieren verwendet Lillevi Hansen reines Apfelpektin. Wenn die fruchtige Flüssigkeit zu kochen anfängt, kommen die feinen Orangenfilets, ein Schuss Zitronensaft und etwas geriebene Orangenschale dazu. „Sobald sie zäh und dickflüssig ist, ist die Marmelade fertig“, sagt Lillevi Hansen.

Fünf Mal am Tag steht Lillevi Hansen am Herd. Aus einem Topf gibt es etwa 25 Gläschen. Ein Glas kostet einheitlich 4,50 Euro. Jedes Glas wird von Gabriele Kutzborski eigenhändig mit einem Etikett beklebt – und auf Wunsch mit einer Schleife verziert.

Bols & Hansen, Obentrautstr. 64, Kreuzberg, Tel. 68 32 40 44, Di.-Fr. 10-16, Sbd. 12-16 Uhr, mail@biomarmelade-berlin.de