Berliner Perlen

Vor allem weich und flauschig muss es sein

In ihrem Fachgeschäft „Wollreich“ in Charlottenburg bietet Anke Alvarez Campos alles an, was Strickfans begehren.

Alles, was es zum Stricken braucht: Anke Alvarez Campos in ihrem Fachgeschäft „Wollreich“ in Charlottenburg

Alles, was es zum Stricken braucht: Anke Alvarez Campos in ihrem Fachgeschäft „Wollreich“ in Charlottenburg

Foto: Massimo Rodari

Zwei links, zwei rechts im Wechsel – und schon bald hält man einen selbstgemachten Kuschelschal oder ein edles Plaid in den Händen. Manche stricken, um den eigenen Kleiderschrank mit persönlich gestalteten, hochwertigen Unikaten aufzupeppen, andere, weil es unglaublich beruhigend ist. Es soll sogar der gefürchteten Altersdemenz vorbeugen. Längst gilt Stricken als das neue Yoga und liegt voll im Trend, greifen doch nicht nur Normalos, sondern auch Stars wie Julia Roberts oder Madonna zu den Stricknadeln. So verwundert es wenig, dass seit einigen Jahren immer mehr Handarbeits- und Wollgeschäfte eröffnen. Ein besonders schönes liegt im Charlottenburger Danckelmann-Kiez: das "Wollreich" von Anke Alvarez Campos.

Das riesige Schaufenster lockt mit ungewöhnlichen Schals, Stulpen, Mützen und hauchzarten Tüchern. Alles sieht nach hoher Strickkunst aus. "Das täuscht", lacht die Chefin. "Ich mache nur Sachen, die mich selbst nicht quälen." Dabei findet man durchaus aufwendigere Arbeiten von ihr im Geschäft. Wie einen extrem schicken Strickmantel in Blau- und Grüntönen. Erstaunlicherweise nicht aus reiner Wolle. "Das wäre zu schwer. Dafür nimmt man ein Kunstfaser-Wollgemisch. Das ist auch formstabiler", erklärt sie.

Wichtig beim Selbermachen ist vor allem, im Vorfeld genügend Wolle zu kaufen. Andernfalls kann man das Pech haben, dass die nächste Farbpartie der vorangegangenen nicht genau entspricht. Im "Wollreich" ist es übrigens möglich, die überzähligen Knäuel zurückgeben. Ein besonderer Service, der gern angenommen wird.

Blau-, Beeren- und Fliedertöne liegen im Trend

Anke Alvarez Campos schätzt es sehr, wenn die überwiegend weiblichen Kunden anschließend mit den fertigen Handarbeiten vorbeikommen. "Das sind häufig richtige Kunstwerke. Für mich eine echte Inspiration", sagt sie. Persönlich strickt sie am liebsten modisch effektvolle Accessoires. Eine unangefochtene Meisterin schöner Tücher und Schals. Flugs erklärt sie, wie man aus einem Knäuel Garn mit buntem Farbverlauf etwas tolles in simplen Mustern ohne großen Aufwand stricken kann. Okay, ein bisschen zählen muss man dabei schon. Aber insgesamt klingt es wirklich entspannend, und das Ergebnis sieht klasse aus.

Das liegt auch an den besonderen Strickgarnen, für die sich Anke Alvarez Campos entschieden hat. Die findet man kaum sonst in der Stadt, was sich mittlerweile herumgesprochen hat. Darunter viele Garne mit einem raffinierten Farbverlauf. Wie die Opal-Sockenwolle "Hundertwasser", benannt nach dem für seine außergewöhnlichen Farbgestaltungen weltberühmten österreichischen Maler und Architekten.

Oder Edles aus Merino von Lamana. "Auch Alpakagarne sind wieder im Kommen. Was wir kaum haben, sind reine Kunstgarne. So etwas wollen die Kunden nicht", betont die 58-Jährige. Beliebt sind hingegen hochwertige Materialmischungen etwa aus Kaschmir und Seide. "Früher hat man gestrickt, weil es günstiger war. Heute, weil es schöner ist und eine bessere Qualität hat", weiß Anke Alvarez Campos.

Im Laden entdeckt man individuelle Handarbeitsbeispiele

Im Trend liegen Blau-, Beeren- und Fliedertöne. Jüngere und Anfänger greifen dabei gern zu großen Nadeln und dicker Wolle, um einen schnellen Erfolg zu sehen. Gewalkte Wolle, die für ein schönes Hautgefühl bekannt ist, eignet sich für Strickneulinge besonders gut. "Wenn man etwas wieder aufmachen muss, fällt es dabei kaum auf", verrät Anke Alvarez Campos. Walken besitzt eine lange Tradition. Durch diese Technik bei der Verarbeitung wird Wolle sehr widerstandsfähig gemacht.

Geübte Strickerinnen arbeiten indes lieber mit dünnen bis mittelfeinen Garnen. Die Bandbreite der Möglichkeiten und Muster ist bei Nadeln der Stärken drei bis sechs entschieden größer. Auch die Alltagstauglichkeit der Strickarbeiten ist höher. Sieht man sich im hellen, freundlichen Laden von Anke Alvarez Campos weiter um, entdeckt man viele individuelle Handarbeitsbeispiele. Darunter raffinierte Oberteile, einen Mantel und jede Menge Socken, die ebenso gern gestrickt werden wie Mützen in allen Variationen.

Das Angebot ändert sich ständig, denn die fertigen Teile sind für Anke Alvarez Campos lediglich Nebenprodukte. Etwa, wenn sie etwas neues ausprobiert, um zu wissen, wie es geht. Das fließt dann gleich in ihre nächste Beratung ein. Sie hilft bei Strickanleitungen, von denen viele auch im "Wollreich" eingesehen werden können, gibt praktische Tipps und nach Anmeldung auch Kurse. Hilfreich ist auch die offene Strickrunde jeden Donnerstag ab 16 Uhr.

Strickfans mögen es nicht, wenn der Pullover kratzt

Dass sich das Stricken bei Alt und Jung einer ständig wachsenden Beliebtheit erfreut, liegt auch an den Wollgarnen selbst. Längst schon bedarf es keiner Handwäsche mehr bei Selbstgestricktem. "Man muss auch keine Angst mehr davor haben, dass die Wolle kratzt", versichert Anke Alvarez Campos. "Wenn es kratzt, dann soll es so sein. Wie bei Islandpullovern." Aber die sind eh etwas für kernige Naturburschen, weniger für urbane Strickfans. Die mögen es weich und flauschig.

Wollreich Knobelsdorffstr. 43, Charlottenburg, Tel. (030) 30 20 43 87, Öffnungszeiten Mo. 10.30-18.30 Uhr, Di. 10-18 Uhr, Mi. & Do. 10.30-18.30 Uhr, Fr. 10.30-19 Uhr, Sbd. 11-15 Uhr, Infos im Internet unter www.wollreich-berlin.de

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