Berliner Perlen

Feine Düfte aus dem Souterrain in Mitte

In einem denkmalgeschützten Haus in Mitte hat sich Jens Poenitsch mit seinem Parfum-Geschäft „The Different Scent“ etabliert.

Foto: Massimo Rodari

Man muss schon wissen, wo man hin will, sonst läuft man an diesem außergewöhnlichen Geschäft nämlich mit ziemlicher Sicherheit vorbei. Ein hell getünchter Altbau, ein Späti an der Ecke – und das war’s, denkt man. Doch im Souterrain des Eckhauses Krausnickstraße/Große Hamburger Straße liegt von außen kaum sichtbar eine magische Welt verborgen, eine Welt edler Düfte, seltenster Parfums oder exklusiver handgemachter Rasierseifen.

Das Ladenschild aus fein poliertem Stahl, auf dem dezent ein Schriftzug leuchtet, musste Inhaber Jens Poenitzsch nach drinnen verbannen, der Denkmalschutz wollte selbst das nicht an der Außenwand haben. Poenitzsch nimmt das sportlich. „Im Endeffekt hilft uns die Situation, unseren Ruf als Geheimtipp zu kultivieren“, sagt er. Auf Vorträgen der Branche wird „The Different Scent“ tatsächlich als „Underground-Parfumerie“ gehandelt, und neben der versteckten Lage ist damit vor allem das Sortiment gemeint.

Massenproduktion wird nicht angeboten

Hier gibt es keine Düfte von Chanel, Hugo Boss oder Dior. Keine kommerzielle Mainstreamware, keine Massenproduktion, wie sie weltweit in Ketten vertrieben wird. „Das hier ist die richtige Welt der Düfte“, sagt Inhaber Poenitzsch, und mit jeder Duftprobe, die er versprüht, klingt sein Satz überzeugender. „Wer einmal hier angekommen ist, geht nicht mehr zurück.“

Das mag vermessen klingen, ist aber nur zu wahr. Man sei gewarnt: Nur eine Stunde in Poenitzschs Laden kann reichen, um an Drogeriemärkten fortan naserümpfend vorbeizugehen. Und diese Stunde vergeht schnell, das ist bei einem Besuch von „The Different Scent“ normal. „Unser Laden ist ein Treffpunkt, die Kunden bleiben mitunter sehr lange da, man unterhält sich, und wir beraten in aller Ruhe. Auch da sind wir nicht marktkonform.“

Unter den Herstellern finden sich mitunter schräge Typen

Die Kundschaft kommt aus aller Welt, denn Kennern ist das Geschäft ein Begriff. „In ganz Deutschland spielen vielleicht drei, vier Geschäfte in dieser Liga, und wir haben auf jeden Fall die größte Auswahl an Nischendüften in Berlin“, sagt Poenitzsch. Von Prominenten bis hin zu Liebhabern, die sich ihr Lieblingsparfum für 130 Euro erst mühsam zusammensparen müssen, sind die Kunden im „Different Scent“ so bunt gemischt, wie das Angebot.

„Die Welt der Parfumerie ist eine ganz eigene, und die Parfumeure sind echte Künstler“, sagt Poenitzsch. Unter den Herstellern fänden sich mitunter schräge Typen, aber das gehöre eben auch dazu. Zum Beweis stellt er zwei Parfums des Pariser Meisters Stephane Humbert Lucas auf den Tisch, „Peau de Bête“ das eine genannt, „Mortal Skin“ das andere. „Das muss man sich erst einmal trauen, ein Parfum ‚Haut der Bestie’ zu nennen“, freut sich Poenitzsch, „und es riecht auch wirklich sehr speziell, manch einer entdeckt Noten von Motorradöl oder alten Gummireifen darin.“

Hier gibt es die echten James-Bond-Biere

Nicht jeder Duft allerdings verlangt den Geruchsnerven gleich so viel ab. Im Sortiment finden sich die herrlichsten Kreationen, Klassiker und Insidermarken. Wer nicht auf die Kinowerbung
hereinfällt, bekommt zum Beispiel die echten, in London hergestellten James-Bond-Parfums: „Eucris“ von Geo. F. Trumper und „89“ von Floris. In den Romanen von Ian Fleming trägt James Bond diese beiden Marken, alles andere sind Marketing-Gags. Und natürlich steht auch das 1709 von Johann Maria Farina erfundene Kölnisch Wasser im Regal, wohl der größte Klassiker überhaupt. „Das ‚echte’ 4711 ist nur ein Lizenzprodukt, aber diesen Flacon hier hatte auch schon Goethe im Waschschrank stehen.“

Das Pfund, mit dem in „The Different Scent“ gewuchert wird, sind aber hauptsächlich viel unbekanntere kleine Marken. Parfums aus privaten Manufakturen und von Parfumeuren, die Poenitzsch alle irgendwie persönlich kennt. „Man lernt sich kennen, bekommt Tipps und baut so kontinuierlich sein Sortiment aus. Wir machen da absolut unser Ding.“ Die Aufteilung in Männer- und Frauendüfte gibt es hier übrigens nicht, „das ist eine reine Marketing-Erfindung der neueren Zeit und hat in der wahren Parfumerie nie existiert“. Das Angebot in „The Different Scent“ ist trotzdem in zwei Bereiche geteilt, denn neben den Düften gibt es eine große Auswahl an klassischem Rasurbedarf. Handgeschmiedete Rasiermesser aus Solingen oder Japan zum Beispiel. Dünn geschliffen wie Papier sind die glänzenden Klingen, die teuersten aus Damaszener Stahl können um die 1000 Euro kosten.

Die schottische Rasierseife riecht nach schottischem Whisky

Da sollte es dann auch schon eine besondere Rasierseife dazu sein, wie Mitarbeiterin Ann-Kathrin Schwan eine hervorholt. Marke „Sweet Gale“, „die wird in einer kleinen privaten Waschküche in Schottland zusammengerührt und riecht natürlich nach Whisky“. Und welchen Duft trägt Inhaber Jens Poenitzsch eigentlich? „Nicht immer denselben, ich habe ja hier große Abwechslung“, sagt er. Allerweltsware kommt selbstredend nicht in Frage, „Mainstreamdüfte müssen möglichst vielen Menschen gefallen, da fehlt es eigentlich immer an Kraft und Charakter.“ Für Poenitzsch muss ein Parfum schon das gewisse Etwas haben: „Ich möchte, dass ein Duft mich herausfordert.“ Mit Düften ist es im Grunde wie beim Essen: Natürlich kann man sich eine Tütensuppe warm machen. Oder aber man geht ins Sternerestaurant.

The Different Scent, Krausnickstraße 12, Mitte, geöffnet Montag bis Freitag 11-19 Uhr, Sonnabend 12-18 Uhr, Tel. 35 12 29 25, www.thedifferentscent.de