Berliner Perlen

Der Charme der Erinnerung im "Stil1900" in Charlottenburg

Jugendstil ist gefragt: Björn Sandner in Charlottenburg widmet sich in seinem Geschäft "Stil1900" der Wohnkultur der Jahrhundertwende.

Poster, Lampen, Gobelins: Björn Sander widmet sich in seinem Geschäft „STIL1900“ der Vielfalt des Jugendstils

Poster, Lampen, Gobelins: Björn Sander widmet sich in seinem Geschäft „STIL1900“ der Vielfalt des Jugendstils

Foto: Reto Klar

Schlichte Buchstaben, knapper Name. "STIL1900.de" steht auf dem Ladenschild – Konzept, Motto und Philosophie gleichermaßen. Heute trifft Gestern, Retro-Design trifft Künstler der Gegenwart. Seit September 2015 verkauft Björn Sandner, einen Steinwurf vom Jugendstilmuseum Broehan und dem Schloss Charlottenburg entfernt, "neue Ware im klassischen Stil". Alles ist Retro in seinen drei Verkaufsräumen, die wie eine Ausstellung anmuten.

Das fängt beim Schreibtisch an: Computer-Arbeitsplatz, Verkaufstresen und Präsentierfläche für Lieblingsstücke in einem. Ein prähistorischer Telefon-Apparat als Blickfang, eine dezent getönte französischen Retro-Lampe der Ecole Nancy als Überraschung. Die Wände sind tapeziert mit Gobelins meist belgischer und französischer Herkunft. Sie sind ab 119 Euro erhältlich und machen das Kerngeschäft aus, überwiegend mit Motiven der Jugendstil-Künstler Alfons Maria Mucha, Gustav Klimt und des Briten William Morris, der als Mitbegründer der Arts-and-Crafts-Bewegung gilt. Aus dem französischen Lyon bezieht Sandner bedruckte Seidenschals und Krawatten.

Entsprechende Hersteller sind nicht so leicht zu finden

Zu den Kunden-Favoriten gehören nostalgische Messinglampen mit gewölbten farbigen Schirmen und Verzierungen ab 149 Euro. Erinnerungen an alte Fernseh-Krimis wecken Messing-Klingelschilder, made in Germany, nach historischer Vorlage neu hergestellt und samt Holzbrett für je 136,85 Euro zu haben. Gefragt ist auch Jugendstil-Schmuck: Broschen, Ohrringe, Colliers. Für kleinere Geldbeutel gibt es bedruckte Kaffeetassen, Kladden, Aschenbecher und Etuis aus Wien. Die Strategie des 53-Jährigen: Kunstverständnis wecken zu erschwinglichen Preisen.

"Doch entsprechende Hersteller sind nicht so leicht zu finden", sagt Sandner. Er legt Wert auf handgefertigte Ware. Er findet sie hauptsächlich in Österreich, Belgien und natürlich Frankreich. Denn seine Frau hilft mit Kontakten, sie ist gebürtige Französin. Die beiden Töchter Clara (18) und Alice (16) wuchsen zweisprachig auf. Vor knapp 16 Jahren zog die Familie aus dem Rheinland nach Berlin. Hier kam der gelernte Bauhandwerker und Elektromeister bei Altbau-Sanierungsarbeiten mit der Jugendstil-Architektur in Berührung. Und war sofort fasziniert.

Sandners besondere Sympathie gehört dem floralen Jugendstil

Die Linienführung an Außenmauern, die hohen Räume, der filigran-kunstvolle Stuck begeisterten ihn. Diese Baukunst, die um 1910 ihren Höhepunkt erreichte und mit der Abdankung des letzten deutschen Kaisers 1918 ihr jähes Ende fand, hatte er in seinem Heimat- und Arbeitsort Köln kaum gesehen. Dort sei der Altbaubestand im Zweiten Weltkrieg zu 90 Prozent zerstört worden. "Doch Jugendstil ist mehr als Architektur", sagt er. Jugendstil sei die ganzheitliche Inneneinrichtung – Möbel, Bilder, Wand-Teppiche, Tapeten, Geschirr. Dabei unterscheide man zwischen geometrischem und floralem Jugendstil. Letzterem gilt Sandners besondere Sympathie.

Initialzündung für die Geschäftsidee war eine Brüssel-Reise vor knapp acht Jahren. Mit Frau und Kindern besuchte Sandner das Jugendstil-Museum – ehemals Haus und Werkstatt des wohl bekanntesten belgischen Jugendstil-Architekten Victor Horta (1861-1947). Durch diese Begegnung ist der Jugendstil für Sandner eine regelrechte Passion geworden. Sie sollte ihn nicht mehr loslassen – bis er mit "STIL1900" seinen Traum wahr machte. Hier, in Berlin.

Die Räume des ehemaligen Blumenladens hat er selbst saniert

Zunächst musste er aber noch viel lernen: neben kunsthistorischen Kenntnissen kaufmännische Buchführung und Programmieren für den Internet-Auftritt. Der Unternehmer managt alles allein. Die Räume des ehemaligen Blumenladens in der Seelingstraße 18, einem Altbau von 1885, hat er selbst saniert, hergerichtet, mit feinem Stuck dekoriert.

Voller Neugier sei seine Neueröffnung im Kiez angenommen worden. "So ein Geschäft wie meines gab es in Berlin noch nicht", sagt Sandner. "Hier wohnen einfache, normale Bürger, die Mieten sind fair." Eine gemütliche, charmante Ecke. Neuerdings kommen auch Besucher aus ganz Berlin und Touristen, Interessenten aus Süddeutschland haben die Homepage entdeckt und ordern per Versand. Die Auslage im Schaufenster wechselt einmal im Quartal, aktuelles Thema sind Klimt-Motive.

Originalausgaben der illustrierten Wochen-Zeitschrift "Jugend"

Seine unverkäuflichen Schätze bewahrt Sandner in seiner Bibliothek auf: Hochglanz-Bildbände und Künstler-Biografien. Als Kenner der Entstehungsgeschichte hat er sich auch mit einer Reihe von Originalausgaben der il­lus­trierten Wochen-Zeitschrift "Jugend", die 1896 erstmals in München erschien und der Stilrichtung den Namen gab, eingedeckt und bietet sie zu 47,50 Euro zum Verkauf an, ebenso Plakat-Nachdrucke mit Rahmen zu 60 Euro.

Der Chef hat noch viel vor. Geplant ist ein Online-Vertrieb ebenso wie neue Angebote – Jugendstil-Fliesen und Kleinmöbel etwa. Sandners große Vision: Jugendstil-Kunst, speziell Ölbilder – neue Originale nach historischem Vorbild. "Ich suche noch Künstler, die Berlin, vor allem Berlin-Bauten, so malen können, wie man es zu Beginn des 20. Jahrhunderts tat", sagt Sandner. Wohin sein Experiment mit dieser Zeitreise noch führen wird? Sandner ist zuversichtlich – und orientiert sich an Meinungen und Tipps seiner Kunden. Ein neues Traditionsbewusstsein mache sich bemerkbar. Der Jugendstil sei eben nicht aus der Zeit gefallen, sondern wieder gefragt und begehrt.

STIL1900.de Seelingstraße 18, Charlottenburg, Tel.: 23 92 98 08 Öffnungszeiten: Mo.-Fr. 12-18 Uhr

© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.