Um kaum ein Instrument ranken sich so viele Mythen wie um die Harfe. Orpheus erweckte mit ihr seine geliebte Eurydike. Bei den Kelten zupften Feen und Elfen die Saiten und selbst höchste Götter sollen auf ihr gespielt haben. Ganz irdisch indes kommt das einstige Lieblingsinstrument mittelalterlicher Minnesänger beim Berliner Harfenbauer Pepe Rasmus Weissgerber daher. Wer seine Werkstatt betritt, muss gewappnet sein. Das hochfrequente Kreischen der alten Kreissäge aus den fünfziger Jahren wird nämlich nur noch getoppt vom Höllenlärm der riesigen Bandsäge aus den Sechzigern. Von Weissgerber auch liebevoll „Bandtosaurus“ genannt. „Ich bevorzuge die Schnittqualität der alten Maschinen. Das Gros ist allerdings Handarbeit“, sagt er.
Manchmal baut er die Instrumente auch nach alten Gemälde
Beim Harfenbau beginnt alles mit einer Zeichnung. Dafür hängen Schablonen im Maßstab 1:1 an den Wänden. Ziemlich gigantisch. Wenngleich Weissgerber keine Konzertharfen baut. Die haben meist 47 Saiten mit einem Klangumfang von sechseinhalb Oktaven und erreichen eine Höhe von bis 1,80 Meter. Weissgerber indes fertigt historische und keltische Harfen bis zu 1,60 Meter Höhe. Im besten Fall kann er dafür historische Instrumente als maßstabsgetreues Vorbild nutzen. Wie eine barocke Reiseharfe aus dem Jahr 1738, die er im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg vier Tage lang aus allen erdenklichen Winkeln akribisch ausgemessen hat. Oder er baut die Instrumente nach alten Gemälden. Wie etwa Hieronymus Boschs weltberühmtem Triptychon „Garten der Lüste“. Auf dem Renaissance-Wimmelbild befindet sich tatsächlich rechterhand eine Harfe mit Schnarrhaken, in der sogenannten „Musikalischen Hölle“.
Ein mechanisches Meisterwerk mit bis zu 1600 Teilen
Besonders an der historischen Bauweise ist der Resonanzkörper, der aus nur zwei verleimten Teilen besteht. Für neuere Harfen werden mehrere Teile verleimt. Früher einmal war das Instrument, das bereits vor mehr als 3000 Jahren von Ägyptern gespielt wurde, ein einfacher Holzkasten mit aufgespannten Saiten. Heute ist die Harfe ein mechanisches Meisterwerk mit bis zu 1600 beweglichen Teilen. Wer bei Pepe Rasmus Weissgerber ein Instrument in Auftrag gibt, kommt oft mit ganz genauen Vorstellungen. „Das fängt bei der Wahl der Holzart an. Andere wünschen sich Schnitzereien oder Perlmutteinlagen. Berufsmusiker wollen auch schon mal die gleiche Harfe mit vier Saiten mehr und größerem Klangvolumen“, erzählt der Harfenbauer.
Dass er einmal ein so exotisches Instrument bauen würde, hätte Pepe Rasmus Weissgerber sich wohl nicht träumen lassen. Dabei hat der 36-Jährige eine durchaus ungewöhnliche Biographie: 1979 in Oberfranken geboren, wuchs er in einer fahrenden Handwerkerkommune mit allerlei Gewerken auf. Später ließ sich die Familie erst im Bayerischen Wald, dann im norddeutschen Wendland nieder. Nach der Mittleren Reife begann Weissgerber mit einer Tischlerlehre. „Die habe ich aber abgebrochen als ich hörte, dass es in dem Dorf, in dem mein Bruder gewohnt hat, einen Harfenbauer gab“, erinnert er sich. „Ich wollte immer schon Instrumentenbau machen und habe vorher bereits gedrechselt.“ Er ging bei Frank Sievert in die Lehre, die auch mathematisch-physikalisch äußerst anspruchsvoll war. „Da ging es auf einmal um hunderstel Millimeter“, erinnert er sich.
Vor acht Jahren eröffnete er seine eigene Werkstatt
Es hat drei Jahre gedauert, bis Weissgerber seine erste Harfe gebaut hat. Zwei weitere, bis er ein eigenes Instrument entwickelte. 2005 kam er schließlich nach Berlin und erweiterte seine Kenntnisse zunächst bei Andreas Hermert, einem Spezialisten für frühe Tasteninstrumente. Vor acht Jahren dann hat Weissgerber seine eigene Werkstatt für Harfenbau und die Restaurierung von Harfen eröffnet, die sich schnell selbst getragen hat.
Nicht nur Profis zählen heute zu seinen Kunden. Auch Musikschulen gönnen sich gern eine maßgeschneiderte Harfe statt eines Standardinstruments aus der Fabrik. Natürlich bestellen auch Eltern schon mal ein Instrument für ihr Kind. Weissgerber fährt zudem auf Festivals und Messen für Harfen. „Das wichtigste ist aber, dass die Musiker die Harfe anspielen, den Klang mögen und sich mit dem Instrument wohl fühlen“, sagt er.
Die Wartezeit für eine Harfe beträgt bis zu einem Jahr
Seine Harfenbauerfähigkeiten sind mit den Anforderungen und Bedürfnissen der Musiker gewachsen. „Mit ihnen zusammen etwas zu entwickeln, ist das Beste für mich“, schwärmt er. Die Wartezeit für eine Harfe beträgt momentan bis zu einem Jahr. Dafür bekommen die Musiker aber auch ein Instrument der Extraklasse. Fünf wunderschöne Harfen stehen aktuell im Showroom über der Werkstatt. Quasi to go. Allerdings wahrhaft kein preiswerter Spaß. Eher ein sehr teurer. Los geht es nämlich bei 1600 Euro. Seinen Stundenlohn ausrechnen will Pepe Rasmus Weissgerber dennoch lieber nicht. „Es könnte frustrierend sein, wenn man das runterrechnet. Ich zähle die Arbeitsstunden daher nie“, lacht er und fügt hinzu: „Aber man baut Harfen ja auch deshalb, weil man es liebt.“
Harfenbauer Pepe Rasmus Weissgerber, Wartenbergstr. 28-32, Lichtenberg, Tel.0174-1722228, Mi. 11-18 Uhr und nach Vereinbarung. Infos im Internet unter www.weissgerber-harfen.de





