Es ist ein warmer Sommerabend in Schöneberg und alles läuft gut für Alice Phoebe Lou. Die Südafrikanerin nimmt auf der Bühne Platz. 19 Jahre alt ist sie. Sie streicht sich das Haar aus der Stirn. Dann singt sie. So schön und klar, dass man fast schockiert ist. Der ganze Raum schrumpft auf die kleine Lichtinsel zusammen in der sie spielt. Die junge Frau mit der Gitarre, der das Publikum gebannt zuhört, ist auf Einladung von Leonard Lott da. Er entdeckt Talente und verkauft Gitarren.
Es sieht hier nicht immer so aus. Normalerweise befinden sich Hunderte von Gitarren dort, wo jetzt das Publikum steht. Auf dem Boden, im Schaufenster, an den Wänden. Der Laden ist eine Gitarrenhöhle. Er riecht sogar so. Nach Lack und Holz, nach dem Öl, mit dem die zarten Holzkörper gepflegt werden. Draußen hängt ein orangefarbenes Schild. Notenlinien sind darauf zu sehen und ein weißes G im schwarzen Kreis. Berlin Guitars.
Wer in die Hocke geht, um in die etwas staubigen Schaufenster zu gucken, sieht leicht vergilbte Zeitungsartikel am Fenster. Sie berichten von Konzerten, die hier stattfanden, von Menschentrauben, die den Eingang verstopften und natürlich von Leonard Lott.
1972 kam der Amerikaner nach Berlin. Ein „Hippie mit Backpack“ war er, wie er sagt. Im Radio lief T-Rex’ neuester Song „Metal Guru“. Rauf und runter. Es ist eine Weile her. Der Zeitraum von drei Gitarrengeschäften und ebenso vielen Ehen für Leonard Lott. Trotzdem: „Ich liebe Berlin nach wie vor. Ich gehöre hier hin“, sagt er.
Risse im Körper
Khaled Hassan, der nur Moe genannt wird, ist um die Ecke aufgewachsen. Er hat mit 15 Jahren angefangen, Gitarre zu spielen. „Ein klassisches Alter dafür“, sagt er. Als er feststellte, dass Musikmachen nicht unbedingt oder gar schnell reich macht, stieg er bei Lott ein. Seitdem sind sie ein eingespieltes Team. Leonard ist der PR-Mann des Ladens, der Musikfreak, Hassan ist der wahnsinnige Bastler.
„Ich habe eine Weile gebraucht, um die richtigen Werkzeuge zu finden“, sagt er. Hinter seiner Werkbank hängen gitarrenlose Hälse. Saiten müssen neu gespannt, Instrumente restauriert werden. „Hier“, sagt er und deutet auf einen Gitarrenkorpus, über den sich feine Risse ziehen, „ist jemand hineingetreten.“ Stück für Stück hat er den Körper zusammengefügt. Er benutzt Leime, die er lange variiert hat, Lacke, die auf das jeweilige Instrument abgestimmt sind. „Viel Arbeit“ sagt er. „Die meisten stellen sich den Job romantischer vor. Mädels, Musik, Kreativität.“ Zumindest das mit den Mädels stimmt. Moe hat hier seine Frau kennengelernt. Ein Bild von ihr hängt an einer Lampe.
Mit Lott verkauft Hassan täglich vier bis fünf Gitarren. Vom 200 Euro Anfänger-Instrument bis zum teuren Liebhaberstück für 15.000 Euro, so sagen sie, behandeln sie alle Gitarren mit Respekt. Das sei wichtig. Ihr Produkt sei schließlich nichts, was man im Internet kaufen sollte. Erst angeschafft, verändern viele Stücke je nach Klima der Wohnung ihre Stimme.
Manchmal dauert es Wochen, bis ein Kunde die richtige Gitarre gefunden hat. Jede braucht einen bestimmten Gurt. Der Hals braucht Saiten mit der richtigen Stärke. Die Saiten müssen mit dem richtigen Plektrum angeschlagen werden.
Spanische Schönheiten
60 Prozent der bei Berlin Guitars angebotenen Instrumente sind Western Gitarren, also akustische Instrumente mit Stahlsaiten. Das Angebot umfasst zudem E-Gitarren und Bässe, Klassik- und Flamenco-Instrumente, Gitarren für Linkshänder.
Alhambra heißt einer der Hersteller, mit denen Berlin Guitars eng zusammen arbeitet. Die kleine Fabrik in Spanien ist bekannt für den warmen Klang ihrer Instrumente und für faire Preise. „Für viele Anfänger ist das die perfekte Gitarre“, sagt Hassan. Was nicht heißt, dass Profis desinteressiert an den spanischen Schönheiten wären. „Neulich war Ken Hensley von der Band Uriah Heep hier“, erzählt Leonard. Der britische Hardrock-Musiker spielte eine der Alhambra Gitarren an und nahm gleich einige mit. So etwas passiert auch.
Inzwischen ist dass Konzertpublikum fort. Alice Phoebe Lou packt ein. Leonard ist sichtlich begeistert vom Talent seiner Entdeckung. Das ist der Unterschied zwischen ihm und Moe. Leonard kommuniziert, überzeugt, konsumiert Musik wie eine Droge. „Hier geht es ums Geschäft“ hatte dagegen zuvor Moe Hassan gesagt. Die Mischung machts bei Berlin Guitars.
Berlin Guitars Motzstraße 9, Schöneberg, Mo.–Fr. 10–19 Uhr, Sbd. 10–18 Uhr, Tel. 23 63 06 37





