Berliner Bestatter

Der Handel mit Pässen von Toten ist eine völlig neue Masche

Ein Neuköllner Bestatter soll mit Komplizen Pässe von Toten an organisierte Schleuserbanden verkauft haben – pro Ausweis bekam er 2000 bis 5000 Euro. Selbst Ermittler sind baff.

Foto: Paul Zinken / dpa

Donnerstagmorgen, 6 Uhr. Der Berufsverkehr rollt durch die Stadt. Weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit warten 120 Beamte der Berliner Polizei und der Bundespolizei auf ihren Einsatz. Ziel der Ermittlungen ist ein islamisches Bestattungsunternehmen in Neukölln. Der Besitzer steht gemeinsam mit mehreren Komplizen im Verdacht, die Pässe von Toten für die Einreise illegaler Flüchtlinge an organisierte Schleuserbanden verkauft zu haben.

Ihm wird auch vorgeworfen, selber Kopf einer Schleuserbande zu sein. Dann gibt der Einsatzleiter den Befehl „Zugriff“. Zeitgleich beginnt die Durchsuchung von insgesamt 19 Objekten in drei Bezirken. Dabei wird auch eine Frau aufgegriffen, deren Aufenthaltsstatus derzeit noch ungeklärt ist. In den Geschäftsräumen des Bestattungsunternehmens an der Blaschkoallee 79 in Rudow wird ein Aktenkoffer mit ungefähr 50 Pässen beschlagnahmt. Auch Computer werden bei den Durchsuchungen sichergestellt.

„Wir haben Wohn- und Geschäftsräume einer Gruppierung durchsucht die im Verdacht steht, Ausländer einzuschleusen“, sagte der Sprecher der Bundespolizei, Jens Schobranski. „Der Kopf der Bande, der Betreiber eines Bestattungsunternehmens, wird hier verdächtigt, Urkundenfälschung sowie gewerbs- und bandenmäßiges Einschleusen von Ausländern begangen zu haben.“ Nach Angaben der Bundespolizei habe der Verdächtige Personen mit Pässen der Toten ausgestattet. So sollten die Männer nach Deutschland gebracht werden. „Einschleusen auf dem Ähnlichkeitsprinzip“, nannte das die Bundespolizei. „Das Besondere ist sicherlich der etwas sonderbare Modus Operandi – dass mit den Pässen von Verstorbenen die Personen nach Deutschland gebracht wurden.“

Die Pässe seien offenbar für die illegale Einreise solcher Ausländer genutzt worden, die dem Passfoto des Verstorbenen ähnlich sahen. Die Dokumente der Verstorbenen seien Familienangehörigen vorgelegt worden, die Personen nach Deutschland bringen wollten, erklärt Schobranski. Dann hätten sie sich einen Pass mit größtmöglicher Ähnlichkeit der Personen aussuchen können.

Ein anonymer Hinweis brachte die Ermittlungen ins Rollen

„Das ist eine ganz neue Methode, die bundesweit bislang noch nicht aufgefallen ist“, sagte Frank Worm, der Leiter der gemeinsamen Ermittlungsgruppe von Landes- und Bundespolizei mit dem Namen „Schleuser“ beim Landeskriminalamt 22. Dort ermitteln die Fachleute in Sachen Schleuser- und Dokumentenkriminalität. „Die Ermittlungen in diesem und auch in den anderen Fällen werden noch eine ganze Weile in Anspruch nehmen.“

Hintergrund für die Durchsuchungen ist ein Ermittlungsverfahren der Berliner Staatsanwaltschaft, das unter dem Namen „Bestatter“ geführt wird. Aufgrund eines anonymen Hinweises sei das gesamte Ermittlungsverfahren um den Betreiber des Bestattungsunternehmens und die international tätige Bande ins Rollen gekommen, heißt es. Mindestens neun Fälle sind der Ermittlungsgruppe „Schleuser“ mittlerweile bekannt. Dabei nahmen vornehmlich Staatsbürger aus Syrien die Identitäten der Verstorbenen an und reisten mit den Dokumenten der Toten illegal nach Deutschland ein. Nach bisherigen Ermittlungen soll ein Pass zwischen 2000 und 5000 Euro gekostet haben.

Das Bestattungsinstitut sei offenbar über ein Rundumangebot an die Hinterbliebenen in den Besitz der Pässe gekommen: Es habe angeboten, die gesamten Behördengänge in Zusammenhang mit dem Sterbefall zu erledigen, sagte der Polizeisprecher. Die Hinterbliebenen hätten dem Institut dann „vertrauensvoll“ die Pässe übergeben. Mit diesen seien auch eine Aufenthaltserlaubnis und eine Arbeitsgenehmigung in Deutschland nachgewiesen worden, erklärte ein Sprecher.