Es hat weh getan. Dieses Testbild mit bunten Kästchen, die so grell auf dem Fernseher flimmerten, dass sie in den Augen schmerzten. Das Testbild hat den Zuschauer aufgefordert, abzuschalten, wenn nichts mehr lief. Sendepause, so etwas gibt es nicht mehr. Der Rundfunk läuft rund um die Uhr, aber besser verfügbarer sind Inhalte ohnehin im Netz. Folgerichtig wirbt die Media Convention, die früher den strengeren Namen Internationaler Medienkongress trug, nun im Logo mit einem zerstörten Testbild. Es ist in seine Einzelteile zersprengt. Die alte Ordnung, so muss man es interpretieren, ist dahin.
Das öffnet Grenzen. In diesem Jahr findet der Medienkongress nicht im Rahmen der Internationalen Funkausstellung, sondern in räumlicher und inhaltlicher Nähe zur Konferenz re:publica in der Station-Berlin in Kreuzberg statt. Ungefährlich ist das für die Profile beider Veranstaltungen nicht, denn früher standen sie für getrennte Welten. Ein Branchenkongress mit Vertretern aus der Wirtschaft auf der einen Seite.
Auf der anderen Seite die re:publica, eher Festival als Kongress, das sich dem Jahr 2007 um die Digitale Gesellschaft dreht. Web 2.0, so hieß der erste Sammelbegriff für eine Welt, in der jeder Bürger zum Sender werden kann, er war Antithese zum etablierten Geschäft, mit teils anarchistischen Zügen und hat Geschäftsmodelle ins Wanken gebracht. Längst haben Medienprofis die Sozialen Netzwerke entdeckt. Sie wissen, dass Technologien, über die früher nur Blogger geschrieben haben, ihre Zukunft sind. Es verwundert also nicht, dass sie immer stärker ihre Nähe suchen.
Umgekehrt öffnet sich die re:publica für die Welt der Firmen und Vertreter. Denn es gibt aus ihrer Sicht Probleme, die alle gemeinsam lösen müssen. Auch das Festival wirbt mit einem Design, das eine neue Ordnung suggeriert: Einem wuchernden Wald. Die Digitale Welt ist demnach unübersichtlich geworden. Sie bietet Abenteuer und Erholung, aber auch Gefahren. Die Designerinnen Céline Keller und Paula Spagnoletti von der Agentur NenaTV haben eine Stimmung entworfen, in der sich rätselhafte Organismen durch den Wald bewegen, von denen man nicht weiß, ob sie analog oder digital sind. Ob eingebildet oder echt.
Orientierung im Netz
Das ist eine Seite der Gegenwart: Spione und Konzerne, die Daten sammeln. Menschen, die zu viel von sich preisgeben, die zunehmend schwerer unterscheiden können, was virtuell ist und was lebendig. Aber die Botschaft des Designs soll eine positive sein. „Es gibt keinen Grund, in Angst zu versinken“, sagt Designerin Keller. Die re:publica ist wie eine Lichtung angelegt, auf der sich Wanderer versammeln, um sich zu orientieren. „Unsere Veranstaltung ist nicht das Ziel, sondern der Anfang der Reise.“
Mit der wuchernden Digitalen Welt ist auch die re:publica gewachsen. Damals, am Anfang, so erinnert sich Geschäftsführer Andreas Gebhard, trafen sich dort erstmals die deutschen Blogger persönlich. Viele kannten sich nur aus dem Netz. Diese „Sternstunde“, wie Gebhard sagt, werde sich nun wiederholen, aber in größerem Maßstab: Blogger aus 50 Nationen werden sich in der Wirklichkeit begegnen. Besonders freue er sich auf Aktivisten aus Afrika, wo eine Digitale Gesellschaft heranwächst, über die etablierte Medien kaum berichten. Auch wenn Gebhard davon spricht, dass sich die re:publica auf ihre Wurzeln besinne, stellt er fest: „Wir sind inzwischen in der Mitte der Gesellschaft angekommen.“ Erstmals werden Interessierte nicht nur über die Kanäle des Web 2.0 informiert, sondern die re:publica sendet in die ganze Stadt. Alle Berliner können auf den Bildschirmen in den U-Bahnen die Inhalte des Festivals verfolgen.
Der gemeinsame Nenner
Das ist wohl das deutlichste Zeichen, dass die Nischenveranstaltung im Hauptfluss der Aufmerksamkeit ankommen soll. Auch Unterstützer wie Microsoft sind dabei. So ein Konzern stand für das Gegenteil der Open Source, der frei verfügbaren Technologien, die solidarisch entwickelt werden. Entwicklungspolitik in diesem Sinne war immer Thema der re:publica. Aber dafür braucht man auch Geld. Aus dieser Sicht macht die neue Nähe zur Wirtschaft wohl Sinn.
Die hohe Einschaltquote der neuen Medien wird zum gemeinsamen Nenner. Die Zahl der Smartphone-Nutzer in Deutschland ist seit 2009 von rund sechs auf mehr als 40 Millionen Euro gestiegen. Nicht die Krise der Branche will die Media Convention thematisieren, sondern die größere Verbreitung von Medien überhaupt. „Media Rules!“ ist das Motto.
Da geht es selbstbewusst um mehr Einfluss, zugleich in der englischen Doppelbedeutung um die Forderung nach neuen Regeln. Nicht nur Datenschutz, sondern auch Urheberrechte. Die Designerinnen Vivian Schlömer und Wibke Murke von der Agentur Supersynchron nennen das Design der Media Convention „jünger und frischer.“ Ging es 2013 um „All You can watch“, das vor allem nach Konsum klang, haben sie nun mit dem zersprengten Testbild das Ende einer Ära bildhaft umgesetzt.
Berührungsängste abbauen
Das klingt ungewöhnlich kritisch für einen Branchenkongress. Wie authentisch kann das sein? Elmar Giglinger, Medienboard Geschäftsführer und Veranstalter der Media Convention, spricht von einer neuen Macht der Medien. „Erst seit wenigen Jahren sind Inhalte und Bewegtbilder auf mobilen Geräten verfügbar und können überall und jederzeit konsumiert werden“, sagt er. Man dürfe nicht vergessen, wie schnell sich dieser Wandel vollzogen habe. Nun gehe es ihm darum, die unterschiedlichen Welten zusammen zu bringen.
Die schillernsten Gäste der Media Convention sind die Yes Men. Das ist erstaunlich, nutze diese Aktivisten doch trickreich die Mechanismen der Medien, um den globalen Kapitalismus zu kritisieren. Giglinger sieht in solchen Gästen aber die Chance, Berührungsängste abzubauen. „Da kommen uns Aktivisten wie die Yes Men gerade recht.“ Dass sein Kongress ein jüngeres Publikum anspricht als in den Jahren zuvor, ist eine bewusste Entscheidung. Der Medienbetrieb habe sich schon immer bemühen müssen, auf der Höhe der Zeit zu bleiben.
„Ich kann mich nicht erinnern, dass die Öffentlich-Rechtlichen sich jemals gebrüstet hätten, dass der Altersschnitt ihrer Zuschauer eher hoch ist“, sagt Giglinger. Man sei zu dem neuen Konzept nicht gezwungen gewesen, auch im Vorjahr seien viele Besucher gekommen. In einem Punkt werde sich die Media Convention aber nicht verändern. Die re:publica widme sich vielen Gesellschaftsthemen, sagt Giglinger. „Wir bleiben ein Medienkongress. Eben doch mehr Business als Wanderung im tiefen Wald.





