Die „Yes Men“ haben Humor. Auf die Frage, wann man sich zum interkontinentalen Skype-Interview zwischen New York und Berlin, zwischen Eastern Daylight Time und Central European Summertime treffen wollte, da sagten sie nur: „Heute.“ Eine Zeitangabe so präzise, dass ich kurz davor war, ihnen zu erklären, dass sie es hier mit einer Deutschen zu tun haben. Also mit einem Menschen, der eher wenig Humor hat und feste Termine mag.
Dennoch ließ ich mich auf das Spiel ein, dass die Amerikaner „play it by ear“ nennen – auf Abruf erreichbar sein. Um 22:15 Uhr Central European Summertime, und vielen Stunden des Wartens, waren die „Yes Men“ bereits zu meinen persönlichen „No Go Men“ geworden. Als dann aber doch noch der Skype-Klingelton erhallte, setzte ich mich statt ins Bett vor den Computer-Bildschirm.
Er zeigte mir Mike Bonanno Lippen bewegend vor einer Schrankwand in seinem Büro im Rensselaer Polytechnischen Institut in Troy, New York. Gehört habe ich den 43-jährigen, der im wahren Leben Igor Vamos heißt und Professor für Medienkunst ist, aber leider nicht. Kein Ton. Nachdem Skype endgültig gescheitert ist, fragt mich der „Yes Man“ schreibend von einer Google-Mail-Adresse, ob wir einen Google-Hangout wagen wollen ...
Berliner Morgenpost: Google? (fragen ich wenig Minuten später, per Mobiltelefonie zurück) Mathias Döpfner, der Vorstandsvorsitzende einer der größten deutschen Medienunternehmen, der Axel Springer SE, hat dem Google Vorstandsvorsitzenden Eric Schmidt kürzlich in einem offenen Brief gestanden: Er hat Angst vor Google.
Ja? (lacht) Unsere Strategie ist es vor nichts Angst zu haben.
Google hat in Deutschland aktuell 91,2 Prozent Suchmaschinen-Marktanteil. Bereits 2010 hat Eric Schmidt gesagt, er weiß, wo wir sind, weiß, wo wir waren, und weiß mehr oder weniger auch, was wir denken.
Es ist schon erstaunlich, dass gerade wir, die Yes Men, diesem Großkonzern all unsere Daten anvertrauen, wo wir doch eigentlich am allerbesten wissen, dass man Großkonzernen nicht trauen kann. Aber letztlich ist es wohl einfach nur Faulheit. Wir haben schon versucht für unsere Projekte ausschließlich Open Source Software zu verwenden. Aber wenn du mit mehreren Parteien zusammenarbeitest ist das eben nicht immer möglich. Auch nicht, dass jeder PGP (Anmerk. d. Red. Pretty Good Privacy – ein Programm zur Datenverschlüsselung) nutzt. Dann greift man eben doch auf die Google-Produkte zurück, weil die alle haben, weil es einfach ist. Es ist heimtückisch.
Ihr gebt Euch als Sprecher von „Dow Chemical“ aus, versprecht den Opfern von Bhopal 12 Milliarden Dollar und die BBC glaubt Euch. Ihr gebt Euch als Bushs Wahlhelfer aus und bringt die Patrioten dazu einen Schwur zu unterschreiben, der sie verpflichtet, Nuklearabfall im Garten aufzubewahren. Ihr seid Meister, wenn es darum geht in fremde Identitäten zu schlüpfen. Wie schützt Ihr Eure Netzidentität?
Wir googeln einfach jeden Tag Dinge, die wir normalerweise nicht googeln würden, nur um den Algorithmus zu verwirren.
Was habt Ihr zuletzt gegoogelt, um von Euch abzulenken?
Zum Beispiel Dampfkochtopf, Nägel, und Kaliumnitrat. Google muss jetzt denken, dass ich eine Bombe im Stil von al-Qaida bauen will (lacht). Wir haben uns gefragt, was passiert eigentlich, wenn man das häufiger sucht. Wird man dann gesucht? Irgendwo abgeholt? Aber im Endeffekt passiert nicht mehr, als dass mir überall Werbeanzeigen für Dampfkochtöpfe angezeigt werden.
Ach.
Und wenn Sie jetzt großer, haariger Hund googlen dann … (tippt)
Ja?
Oh, dann kommen wirklich nur große, haarige Hunde. Aber ich werde jetzt mal was suchen, wo die Bildersuche Uneindeutiges ausspuckt und Ihnen den Screenshot schicken. Dann können die Leser raten, was ich gegoogelt habe. Das Spiel spielen Andy und ich häufiger. Denn so kann man spielerisch lernen, wie der Algorithmus funktioniert.
Wann müssen Google, Facebook, Apple und all die anderen Datenkraken mit einem „Yes Men“-Streich rechnen?
Momentan setzten wir uns für den Klimaschutz ein. Wir sind da auch gerade an eine Sache dran – aber das ist alles noch streng geheim. Weil wir eben nicht überall sein können, haben wir auf unserer Netzpräsenz, dem Yeslab.org, jetzt das „Action Switchboard“ gegründet. Das ist eine Online-Plattform, auf der sich Aktivisten vernetzen können. Also quasi „The Yes Men 2.0“. Und da gibt es auch einen Unterpunkt zum Thema Datenschutz im Netz. Darüber wollen wir auch in unserer Re:publica-Keynote reden.
Was war denn Eure letzte Aktion?
Letztes Jahr im Sommer haben wir als russische „Gazprom“ den Niederländern von „Shell“ einen Eisbären geschenkt. Einen echten Eisbären, auf einem Floß in einem Käfig. Die Leute sollten realisieren, dass „Shell“ jetzt mit „Gazprom“ zusammenarbeitet, um im nördlichen Polarkreis zu bohren.
Habt Ihr mit Euren Aktionen jemals irgendwas verändert, oder ist es beim bloßen Erregen von Aufmerksamkeit geblieben?
Als wir als US-Handelskammer ankündigten, dass wir unsere Haltung zu der Klimagesetzgebung geändert haben, und jetzt für eine Reduzierung der Emissionen sind, da war die echte Handelskammer erst sauer. Zwei Wochen später hat sie ihre Meinung dann aber tatsächlich geändert. Nicht, weil sie das wollte, sondern weil wir und andere Aktivisten den Klimaschutz so publik gemacht hatten, dass sie zum Kurswechsel gezwungen waren.
Vor 15 Jahren habt Ihr eine Website der WTO gefälscht, über die Ihr Euch drei Jahre lang als WTO Sprecher zu Konferenzen und Interviews habt einladen lassen. Bis Ihr 2002 die Auflösung der WTO verkündet habt. Wäre das heute immer noch möglich? Oder würde ein Betrug der Art durch Facebook, Twitter und Co. heute viel schneller auffliegen?
Social Media hat unsere Arbeit weder erleichtert, noch erschwert, sondern sie einfach verändert. Vermutlich würde man heute keine Website mehr basteln, sondern einfach Video oder einen anderen Inhalt kreieren und hoffen, dass er in den Netzwerken geteilt wird. Zu dem Gazporm-Eisbären haben wir beispielsweise so ein Video gemacht. Tageszeitungen verlieren in den USA zunehmend an Bedeutung. In den letzten Jahren haben viele Journalisten ihren Job verloren. Und die, die es jetzt noch gibt – das ist zumindest unser Gefühl – arbeiten nur noch Aufträge ab. Die wenigsten trauen sich in dieser Situation noch was. Da ist es nur logisch, dass man sich andere Strategien sucht, um Aufmerksamkeit zu generieren.
In einem älteren Interview habt Ihr mal gesagt, dass Ihr für Eure Aktionen bisher nie verklagt worden seid, Euch aber wünschen würdet, mal verklagt zu werden, einfach weil das Eurem Anliegen noch mehr Aufmerksamkeit verschaffen würde.
Mittlerweile sind wir verklagt worden. Die US-Handelskammer hat uns eine Woche nach unserem Stunt zu der Klimagesetzgebung verklagt. Letztes Jahr hat sie die Klage fallen gelassen. Sie wollten nicht mit uns vor Gericht ziehen. Das war gut für uns. (macht eine Pause) Und jetzt hab ich nur noch fünf Minuten. Ich muss gleich eine Seminar halten. Wir bauen ein Radio.
Sie führen ein Leben wie Clark Kent (Der Tarnname von Superman, Anm. der Red.). Wissen Ihre Studenten eigentlich, dass Sie in ihrer Freizeit Yes Men sind?
Ja, das wissen die.
Haben die Ihnen jemals einen Streich gespielt?
Die Studenten bisher nicht, nein. Aber „Dow Chemical“ hat uns nach unserem BBC Interview zur Bhopal-Katastrophe Jahre lang ausspioniert. Das könnte man vielleicht als Streich bezeichnen. (lacht) Eigentlich ist das aber gar nicht witzig.
Wie habt Ihr das herausgefunden?
Anonymous hat Ende 2011 die Emails des Geheimdienstes „Startfor“ gehackt, dabei ist denen aufgefallen, dass Dow sie beauftragt hat, Informationen über uns zu sammeln. Nach unserer Falschmeldung war „Dows“ Aktienkurs um 3,2 Prozent eingebrochen. Seitdem hatten sie offenbar Angst vor uns.
Und da sind wir wieder bei der Angst. Gibt Euch die Angst Eures Gegners ein gutes Gefühl?
Sie hat uns ermutigt, genauso weiterzumachen.





