Berliner S-Bahn

Neue S-Bahn-Züge auf dem Berliner Ring erst ab 2018

Immer neue Richtlinien verzögern die Entscheidung, wer den S-Bahn-Ring mit neuen Fahrzeugen ab 2017 betreiben wird. Neben National Express ist offenbar nur noch die Deutsche Bahn im Rennen.

Foto: Amin Akhtar

Die Sache mit den Parkplätzen ist für Tobias Richter besonders erwähnenswert. Genau geregelt solle sein, wo welcher Mitarbeiter der S-Bahn-Werkstatt in Grünau sein Auto abstellen darf, sagt der Deutschland-Chef des britischen Verkehrsunternehmens National Express. „Man kann doch davon ausgehen, dass ein Unternehmen das selbst klären kann.“

Es ist eines von vielen Details, die das Vergabeverfahren des Verkehrsbundes Berlin-Brandenburg (VBB) laut Richter so „ungewöhnlich“ machen. Ab 2017 soll ein Betreiber die Ringbahn sowie deren Zubringerlinien für 15 Jahre mit Neufahrzeugen bedienen. Auch könnten zeitweise zwei Unternehmen mit ihren Zügen unterwegs sein: Wenn ein neuer Betreiber bis 2017 nicht alle nötigen Züge bekomme, würde die S-Bahn Berlin GmbH als bisherige Betreiberin die Lücken mit nachgerüsteten Zügen bis zu fünf Jahre lang füllen. Das sieht das Übergangskonzept des VBB nach Angaben von Verfahrensbeteiligten vor.

Eine derartige Ausschreibung habe er noch nie erlebt, sagt Richter. „An manchen Tagen gab es bis zu zehn Änderungsvorgaben.“ Es sei kein Wunder, das die anderen ausländischen Bewerber abgesprungen seien. Neben National Express ist offenbar nur noch die Deutsche Bahn im Rennen.

Ständige Verzögerungen verprellen potentielle Bieter

Die Parkplätze sind laut Richter dabei nur eine Bagatelle am Rande. So sei beispielsweise noch immer nicht entschieden, ob eine Klimaanlage in die Fahrzeuge eingebaut werden soll. In Nordrhein-Westfalen betreibt National Express diverse Regionallinien. Das Verfahren dort habe nur sieben Monate gedauert, so Richter. In Berlin, wo ein erstes Vergabeverfahren wegen einer Klage der Deutschen Bahn in das jetzige abgeändert wurde, sind es bereits fast zwei Jahre.

Richter gibt National Express nur noch Außenseiterchancen. So habe Mitkonkurrent Deutsche Bahn, der die S-Bahn betreibt, nicht nur mehr praktische Erfahrung, sondern auch Vorteile bei der Finanzierung. Die 700 Millionen Euro, die allein für die Anschaffung der Züge nötig seien, seien für ein Unternehmen mit staatlichen Sicherheiten leichter aufzubringen als für ein privates.

Doch diesen entstandenen Eindruck einer konkurrenzlosen S-Bahn will die Vergabeseite nicht aufkommen lassen. „Unser Interesse sind möglichst viele Bieter für das Vergabeverfahren“, sagt VBB-Chefin Susanne Henckel. Das Verhalten mancher Bewerber sorgt aber offenbar – ohne dass der Name National Express fällt – für Verwunderung. „Wir erwarten, dass sich die Bewerber in Details hineinarbeiten. Hierfür hatten die Bewerber auch genügend Zeit“, sagt Christian Gaebler, Staatssekretär in der Senatsverkehrsverwaltung. „Das Verfahren ist nicht kompliziert, aber es wird über komplexe Inhalte verhandelt.“

Vorgabe umweltfreundlichen Energieverbrauchs unerfüllbar

Seit Oktober erörtert der VBB mit den Bietern ausgewählte Themen wie etwa mögliche Finanzierungsformen. Man setzt auf Austausch. Beispiel Klimaanlage: Der VBB hatte diese als Voraussetzung angegeben, National Express protestierte. „Auf der Ringbahn werden alle 70 Sekunden die Türen für 30 Sekunden geöffnet. Die Vorgabe umweltfreundlichen Energieverbrauchs ist damit nicht zu erfüllen“, so Richter.

Die Klimaanlage steht wieder zur Disposition. Ein Prozess, wie ihn sich der VBB wünscht und von dem alle profitieren sollen. Richter ist unzufrieden. Das Verfahren würde dadurch in die Länge gezogen, was nicht nur das Land Berlin, sondern auch die Bewerber mehr Geld kosten würde.

Zum einen kommt von den Bewerbern offenbar mehr Input als erwartet. Andererseits ist und bleibt die S-Bahn in Berlin eine spezielle. Lokale Gegebenheiten wie die Höhe von Tunneln oder die Energieversorgung stellen besondere Anforderungen an die rund 380 benötigten Wagen. Als „Zwitter zwischen Metro und Vollbahn“ bezeichnet etwa Tobias Hauswald, Ingenieur beim Schienenfahrzeughersteller Bombardier, das neue Modell, mit dem sich das Unternehmen aus Hennigsdorf bei der Bahn und National Express bewerben will.

S-Bahn leidet noch immer unter der Fahrzeugkrise

Dazu kommt die Vorgeschichte. Von der Fahrzeugkrise zwischen 2009 und 2012, als es wegen technischer Mängel und nicht ausreichender Wartung zum Betriebschaos kam, hat sich die S-Bahn noch nicht ganz erholt. Die aktuelle Verfügbarkeit von Fahrzeugen ist immer noch nicht auf dem Niveau von der Zeit vor der Krise. Ein weiterer Imageschaden soll um jeden Preis vermieden werden, auch deshalb sind die Anforderungen an die Fahrzeugqualität hoch.

30 Jahre sollen die Wagen halten, nach Ablauf der 15 Jahre Betriebszeit soll der Betreiber sie für einen „angemessenen Preis“ und nach Prüfung an das Folgeunternehmen übergeben. Doch dafür, so Richter, müssten die Wagen zerlegt und wieder zusammengebaut werden. „Es ist unverständlich, dass die Übergabe funktionstüchtiger Fahrzeuge nicht zu leisten sein soll“, meint Gaebler.

So oder so zieht sich das Verfahren hin: Bis Ende des Jahres sollte der Zuschlag für einen Bewerber erfolgen. Möglicherweise ist es erst im Frühjahr 2015 so weit. Und erst wenn der neue Betreiber feststeht, kann die Produktion der Wagen beginnen.

150 alte Wagen sollen nachgerüstet werden

Vor 2018 werden die neuen Züge also nicht rollen. Bombardier etwa benötigt bis zur Inbetriebnahme der ersten Wagen nach eigenen Angaben 44 Monate. Für dieses Problem hat der Senat vorgesorgt. Die 150 teilweise schon fast 30 Jahre alten Wagen der Altbaureihe 480 und 485 sollen schrittweise nachgerüstet werden. Dass dies technisch möglich ist, wurde mittels eines Expertenberichts bescheinigt.

Mehrkosten: bis zu 160 Millionen Euro. Eine Abstimmung mit dem Eisenbahnbundesamt als technischer Aufsichtsbehörde ist dazu noch erforderlich. Die Bahn führt dazu bereits Gespräche, heißt es.