Mit etwas Fantasie ähnelt die Kuppel des Berliner Fernsehturms der Front des neuen S-Bahn-Wagens. Und sogar die typischen Charakteristika der Hauptstadt lassen sich laut Bombardier in das Design integrieren: Offenheit, Struktur, Fortschritt. „Design mit Augenzwinkern“ nennt der Schienenfahrzeughersteller seine Vorstellung vom Aussehen der nächsten S-Bahn-Generation, die – und an dieser Stelle werden die traditionsbewussten S-Bahnfahrer aufatmen – in den altbekannten Farben unterwegs sein soll: Rubinrot und Ockergelb.

Bislang sind es nur Entwürfe, die das Unternehmen präsentiert. Denn noch steht nicht fest, ob das geplante Modell auf die Schiene kommt. Mitte Juni will Bombardier seine Vorschläge bei der Deutschen Bahn und National Express einreichen. Beide Unternehmen sind noch im Rennen um den Betrieb der Berliner Ringbahn und deren Zubringerlinien, den der Verkehrsbund Berlin-Brandenburg (VBB) ausgeschrieben hat. Gesucht wird ein Betreiber, der diese Strecken ab 2017 für 15 Jahre mit Neufahrzeugen bedient. Auch die Stadler Pankow GmbH und Siemens, die sich zu einem Konsortium zusammengeschlossen haben, sind nach eigenen Angaben weiter an dem Auftrag interessiert.

Auftrag sichert Arbeitsplätze

Geht es nach Bombardier, kommen die Fahrzeuge aus Hennigsdorf. Wie wichtig der Auftrag ist, drückt sich nicht nur in der Berlin-Verbundenheit des Designs aus. „Wir setzen alles daran, die Ausschreibung S-Bahn Berlin zu gewinnen“, sagt Deutschland-Chef Michael Clausecker. Rund 380 Wagen werden für den Betrieb der Ringbahn benötigt. Dazu kommt noch der mögliche Auftrag von 1000 weiteren Wagen, den die Bahn zur Erneuerung der Flotte ausgeschrieben hat – vorausgesetzt, sie gewinnt die Ausschreibung. „So viele Aufträge in dieser Größenordnung sind nicht unterwegs“, sagt Clausecker. In Berlin und Brandenburg beschäftigt Bombardier knapp 3400 Mitarbeiter. Ein Zuschlag würde 1000 Jobs für die nächsten zehn Jahre garantieren, so Clausecker.

Das neue Modell soll Nachfolger der Baureihe 481 werden, die derzeit 1000 der 1300 Wagen der S-Bahn ausmacht. Jene Wagen, die zwischen 1996 und 2004 bei Adtranz, das inzwischen Bombardier gehört, gebaut wurden und während der S-Bahn-Krise vor einigen Jahren teilweise eine Lahmlegung des gesamten Streckennetzes verursachten. Vor allem, weil die Bahn massiv an Wartung und Instandhaltung gespart hatte. Der Fall zeigte, dass sich die Trennung von Fahrzeuglieferant und Fahrzeugbetreiber nicht bewährt. Bombardier will diesen Service jetzt gebündelt bieten. „Das sorgt für eine größere Garantier bei der Verfügbarkeit“, sagt Verkaufs-Chef Rolf Schafferath.

„Wer die Musik bezahlt, bestimmt, was gespielt wird“

Beim derzeit noch 48X genannten Modell muss sich Bombardier an die sehr umfangreichen Vorgaben des VBB halten, die, so verlautet aus dem Kreis der Ingenieure, „über das normale Maß hinausgehen“. Dies hatte bereits bei Bewerber National Express für Unmut gesorgt, doch Bombardier will sich dieser Kritik nicht anschließen. Clausecker: „Wer die Musik bezahlt, bestimmt schließlich auch, was gespielt wird.“

Die neuen Fahrzeuge sollen sich durch besondere Umweltfreundlichkeit, Barrierefreiheit, Einsetzbarkeit auf allen Berliner Streckennetzen und – man denke an manche Situation im Winter – Zuverlässigkeit zu jeder Jahreszeit auszeichnen. Weil bei der Ringbahn in Zukunft ein bis zwei neue Stationen hinzu kommen könnten, die Dauer einer Umrundung aber weiterhin nicht länger als 60 Minuten dauern soll, will Bombardier die Beschleunigung mittels einer Leichtbauweise hochhalten. Vorgaben bei der Crash-Norm und der Zahl der Führerstände wirken sich auf die Sitzplätze aus: Statt wie bisher 47 pro Wagen, werden es in Zukunft 42 sein. Eine weitere Vorgabe ist eine verbesserte Fahrgastinformation im Zug. Hier will Bombardier Verspätungen und Ausfälle im Live-Modus anzeigen. Zudem soll eine intelligente Steuerung die Anzahl der Fahrgäste erkennen und Klimaanlage und Heizung dementsprechend anpassen.

Noch ist die Entwicklung des Modells nicht endgültig abgeschlossen. Wahrscheinlich ist, dass sich, wie schon in der Vergangenheit, die eine oder andere Vorgabe ändert. Bis 2017 wird Bombardier die Fahrzeuge wegen Verzögerungen beim Ausschreibeverfahren nicht liefern können. Mindestens 44 Monate dauert es, bis der erste Wagen auf die Schiene kommt. Das bedeutet auch, dass die Modelle der Altbaureihe 480 und 485, deren Zulassung 2017 abläuft, wohl noch etwas länger ihren Dienst leisten müssen.