Baustellen, auf denen nicht gebaut wird, sind bei der Bevölkerung ungefähr so beliebt wie Steuererhöhungen. Zuletzt durften sich S-Bahn-Fahrgäste zwischen Berlin und Potsdam darüber ärgern. Wegen Brückenbauarbeiten an der Spanischen Allee enden die Züge der S7 Ahrensfelde-Potsdam in Wannsee. Die Umsteigezeit zur S1, die ab dort weiterfährt, beträgt zehn Minuten. Bis zum 30. Juni sollte die Einschränkung eigentlich dauern, nun stehen sechs Wochen Verzug zu Protokoll. Denn nach anfänglichen Arbeiten wurde es plötzlich ruhig auf der Baustelle.
Bahn weist Schuld von sich
Der Grund: Die Deutsche Bahn, die für die Arbeiten verantwortlich zeichnet, bekam von der Verkehrslenkung Berlin (VLB) keine Genehmigung zur Vollsperrung der Spanischen Allee. Diese war nötig, um die Gleisbehelfsbrücke der S7 an dieser Stelle auszuheben und zum Abtransport zu verladen. Die Bahn weist die Schuld für die dadurch entstandene Verzögerung der Arbeiten von sich.
„Der Antrag wurde rechtzeitig gestellt“, sagt ein Bahn-Sprecher. Die Verkehrslenkung relativiert: Die Bahn habe bei ihrer Baumaßnahme keine ausreichende Lösung der Verkehrsfrage vorgelegt. Das überrascht wiederum die Zuständigen bei der Bahn: „Es liegt nicht in unserer Kompetenz, Straßensperrungen zu organisieren“, sagt ihr Sprecher.
Laut Gesetz müssen eigentlich die Bauherren eine Lösung dafür vorlegen, wie eine Sperrung in der Praxis aussehen soll. Bei der Bahn war man davon ausgegangen, dass der Antrag genauso genehmigt würde wie die anderen zuvor. „Auf einmal will die VLB es ganz genau wissen, möglicherweise, weil sie nicht genügend Leute haben.“ Die Verkehrslenkung argumentiert, dass es sich in diesem Fall nicht um eine Sperrung am Wochenende, sondern an Werktagen gehandelt hat. Das sei eine deutlich kompliziertere Angelegenheit, um die sich die VLB schließlich selbst kümmerte – und das dauerte. „Die Bahn hätte für die verkehrliche Lösung auch ein externes Unternehmen beauftragen können“, heißt es.
Ständiger Interessenskonflikt zwischen Straße und Schiene
Immer wieder kommen sich die Verkehrslenkung Berlin und der öffentliche Personennahverkehr wegen Straßensperrungen in die Quere. Ein Interessenskonflikt: Es steht Straße gegen Schiene. Die VLB will flüssigen Verkehr auf den Berliner Straßen gewährleisten und ärgert sich, wenn „einfach beantragt und erwartet wird, dass die VLB für die Verkehrsfrage eine Lösung findet“. Das Problem habe man nicht nur mit Bahn oder den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG), sondern auch mit vielen anderen Bauherren.
Die Verkehrsunternehmen dagegen stehen unter wirtschaftlichem Druck: Verzögerungen bei Bauarbeiten führen zu Mehrkosten und Koordinierungsproblemen. Zudem, das zeigt der Fall Spanische Allee, herrscht offenbar ein Kommunikationsproblem bei der Frage, wer bei Straßensperrungen überhaupt was zu leisten hat.
Der Schwarze Peter wird hin- und hergeschoben. Die VLB sei unterbesetzt und technisch nicht auf dem neusten Stand, ist auf Seite der Verkehrsunternehmen zu hören. Und „Anträge müssen mit sehr langem Vorlauf beantragt werden“, sagt BVG-Sprecherin Petra Reetz.
Bauvorhaben sind nicht immer exakt planbar
Die Verkehrslenkung hingegen kritisiert, dass sich die Verkehrsunternehmen bei der Planung ihrer Bauvorhaben nicht an Zeitpläne halten und ihren Pflichten bei der Verkehrsfrage nicht ausreichend nachkommen. „Es ist für die VLB immer ein schmaler Grat zwischen Entgegenkommen und Rigorosität“, sagt eine Senatssprecherin.
Jens Wieseke vom Berliner Fahrgastverband Igeb sieht es hingegen so: „Die Verkehrslenkung bringt sich bei der Planung von Bauvorhaben nicht genug ein, das ist ärgerlich“, sagt er und verweist auf die halbjährlich stattfindende Baukoordinationsrunde. Dort tauschen sich die relevanten Instanzen zu geplanten Bauvorhaben aus. Von der VLB aber sei dort nie jemand vertreten, das Problem also „hausgemacht“, so Wieseke. Die Senatsverwaltung kontert. Bei den letzten beiden Runden habe die VLB aus terminlichen Gründen zwar nicht teilnehmen können, sei aber über die Verkehrsabteilung eingebunden gewesen.
Ein weiteres Problem: Die Bauvorhaben lassen sich nicht immer exakt planen. Gerade bei der oft 100 Jahre alten Bausubstanz der U-Bahnhöfe tauchen im Rahmen von Sanierungsarbeiten regelmäßig unerwartete Mängel auf, die Verzögerungen einhergehend mit Straßensperrungen verursachen.
Unerwartete Mängel kosten Zeit
So geschehen bei den Bahnhöfen Hallesches Tor und Leinestraße in Kreuzberg und Neukölln. Oder bei den Brückenbauarbeiten am S-Bahnhof Schöneweide. Dort gab es unerwartete Probleme mit den Leitungen, mehrere Monate Verzögerung waren die Folge. Ärgerlich für Bahn – und Verkehrslenkung. Dies wirkte sich natürlich auch auf die Vollsperrung des angrenzenden Sterndamms aus.
Bei der Spanischen Allee wurde der Antrag schließlich genehmigt, von Mittwoch bis Freitag vorvergangener Woche konnte die Bahn ihre Arbeiten dann ausführen und ihre Gleisbehelfsbrücke ausbauen und zum Abtransport verladen. Doch bald könnte es an der selben Stelle wieder spannend werden: Für die Montage des neuen Überbaus und die nachlaufende Demontage der Kabelhilfsbrücke sind zwei weitere Vollsperrungen nötig.




