Kulturstaatssekretär

Tim Renner ist in den Mühen der Ebene angekommen

Sexy ist was anderes: Kulturstaatssekretär Tim Renner hatte am Montag seinen ersten Arbeitstag im Kulturausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses. Thema waren die russischen Panzer an Gedenkstätten.

Foto: Tim Brakemeier / dpa

Der Teppich im Büro ist neu, ein Berlin-Wimpel ziert seinen Schreibtisch, die vom Arbeitgeber gestellte Aktentasche trägt im Inneren die vielsagende Nummer 007 – Tim Renner lässt seine Facebook-Freunde an seinem ersten Arbeitstag als Kulturstaatssekretär teilnehmen. Einige wollen den neuen Mann an der Seite von Kultursenator Klaus Wowereit auch live sehen, der Kulturausschuss ist an diesem Montagnachmittag sehr ordentlich besucht. Möglicherweise liegt das auch am Thema, denn es geht um die öffentlichen Bibliotheken, da sitzen einige Betroffene im Zuschauerraum.

Der Chef lässt seinem neuen Mitarbeiter den Vortritt. Um 13.58 Uhr kommt Tim Renner mit kleiner Entourage in den Raum 376 des Abgeordnetenhauses. Er trägt einen dunklen Anzug – das hätte man nicht unbedingt erwartet –, Wowereit geht hinter ihm und begrüßt Journalisten und Abgeordnete. Beide nehmen neben dem Ausschussvorsitzenden Platz. Renner bleibt nicht lange sitzen, wendet sich dem Versorgungswagen zu und kehrt mit einer Flasche Wasser an seinen Platz zurück. Als er wenig später in einen Schokoriegel beißt, wird ihm bewusst, dass ein kauernder Kulturstaatssekretär auf Fotos und im Fernsehen keine so gute Figur macht. Er legt die Süßigkeit an die Seite.

Renner verzichtet auf eine Grundsatzrede. Er bekommt auch keine Blumen. Vielleicht soll alles so alltäglich wie möglich wirken. Sein Vorgänger André Schmitz (SPD) war wegen Steuerhinterziehung Anfang Februar zurückgetreten. Renner ließ sich zwei Monate Übergangszeit einräumen, um seine Firma Motor Entertainment in die Hände seiner Frau zu legen.

Wie eine Unterrichtsstunde

Wowereit überlässt ihm die Beantwortung der ersten Frage im Rahmen der aktuellen Viertelstunde. Das dient auch dazu, dass Renner diesen Anflug von Unsicherheit ablegen kann. Eine vermeintlich einfache Frage. Die Piraten-Fraktion möchte wissen, was mit den russischen Panzern an den Berliner Gedenkstätten geschieht. „Bild“ und „BZ“ hatten nach den Ereignissen auf der Krim den Abzug gefordert. Das seien keine russischen Panzer, sondern sowjetische, erläutert Renner. Die gehörten zum Stadtbild, ein kleiner Verweis auf Berlins Toleranz, und außerdem sei die Gestaltung der Ehrenmale vertraglich geregelt.

Dann die Nachfrage. Der Justizsenator habe aber gesagt, dass man über eine Entfernung nachdenken könne. Wowereit erkennt sofort den Hintersinn und springt seinem Kulturstaatssekretär bei. „Wir bewerten das als Privatmeinung“, sagt der Regierende Bürgermeister, noch bevor Renner antworten kann. Die restlichen Antworten auf die Anfragen übernimmt Wowereit auch gleich. Schließlich muss sich der Neue ja erst noch einarbeiten. Ein bisschen wirkt das Ganze wie eine Unterrichtsstunde.

Das Mikro muss weg

Während Wowereit recht entspannt dasitzt und das zwischen sich und Renner aufgestellte Fernsehsender-Mikro entfernen lässt, wirkt der vergleichsweise schmächtige Renner etwas angespannt. Er versucht aufmerksam zuzuhören, schaut die Redenden an, eine Hand an der Wange. Dann wieder verschränkt er beide Arme vor dem Körper, bis er sich bewusst wird, dass diese Haltung keine Offenheit signalisiert.

Die Aktentasche hat Renner im Büro gelassen. Oder im Dienstwagen. Er hat die James-Bond-Anspielung auf Facebook mit dem Satz kommentiert, dass er vielleicht doch einen anderen Job antritt als gedacht. Sollte der 49-Jährige vor der Sitzung noch diese Illusion gehabt haben, dürfte sie spätestens nach einer Stunde verflogen sein.

Als er gegen 15 Uhr verstohlen auf die hinter ihm hängende Uhr schaut, weil er wahrscheinlich das Gefühl hatte, zweieinhalb Stunden müssten vergangen sein, da sah er aus, als ob er sich fragen würde, ob das die richtige Entscheidung war. Der Wechsel aus der Wirtschaft in die Verwaltung. Vormittags Staatssekretärsrunde, nachmittags zwei Anhörungen im Kulturausschuss, dazwischen Vorbereitungstreffen und Arbeitskreise. Die Mühen der Ebene sind vielfältig. Und die beschränken sich in der Berliner Kulturpolitik nicht auf Bibliotheken.