Popmusik

Warum ein guter Musikproduzent wie ein Zahnarzt ist

Sarah Wächter und Tim Renner, beide Musikmanager in Berlin, haben ein Buch über den Alltag in der Popindustrie und das Verhältnis zwischen Produzent und Musiker geschrieben. Ein Abdruck.

Foto: Martin Becker/Berlin Verlag / Martin Becker/ Berlin Verlag

Emanuel Fialik ist jetzt kein Manager mehr. Statt mit Rammstein eine der erfolgreichsten deutschen Bands zu betreuen, trainiert er die B-Jugend von Rotation Prenzlauer Berg.

Auf die Frage, ob Manager und Trainer ähnliche Tätigkeiten sind, muss er lachen: „Auf den ersten Blick nicht, es geht ja einerseits um eine Gruppe erwachsener Musiker, andererseits um eine Gruppe Heranwachsender, Kinder oder Jugendlicher, aber beide Male geht es um Nähe und Distanz. Weder ist man als Manager siebtes Bandmitglied noch als Trainer der beste Freund auf dem Fußballplatz. Wenn man zu nah dran ist, verliert man den Überblick.“ (...)

Als Manager scheute Emanuel Fialik immer das Wort „Freundschaft“, sowohl, wenn es um seine Band geht, als auch was die Plattenfirma, Tournee-Veranstalter oder Anwälte betraf. Dennoch war er stets loyal: Nie wechselte er das Label, und nur einmal, vor vielen Jahren, tauschte er Booker und Anwalt aus. Seine Beziehung mit Rammstein hielt fast siebzehn Jahre, das ist länger als die durch- schnittliche deutsche Ehe (...). Für ihn ist das Partnerschaft: „Es ist wie in den Krimis, die im Fernsehen laufen: Da sitzen zwei Menschen jahrelang nebeneinander im Auto und ermitteln. Natürlich wachsen die zusammen.“ (...)

Zweifel gehören zum Künstlerdasein

Vielleicht ist gerade das aber auch Teil seines Erfolgsgeheimnisses. Natürlich kann es auch gut gehen, wenn einen, wie bei Xavier Naidoo der Fall, die eigene Freundin managt. Xaviers Geschäftsbeziehung mit Managerin Stefanie Johst hat sogar das Ende ihrer Liebe überdauert. Natürlich kann es auch funktionieren, wenn ein Bandmitglied als Manager einspringt, wie es Keyboarder Andrew Fletcher bei Depeche Mode tat oder zeitweise der ehemalige Schlagzeuger Trini Trimpop bei den Toten Hosen. Generell ist davon aber abzuraten. Einerseits ersetzt Nähe nicht Know-how, andererseits fehlt ohne Distanz oft die nötige Konfliktbereitschaft.

Künstler und Management sind naturgemäß nicht immer einer Meinung. „Zweifel sind Bestandteil des Künstlerdaseins", meint Emu und fügt hinzu: „Auch nach Millionen verkaufter Platten kann ein Musiker gelegentlich daran verzweifeln, dass seine Songs nicht im Radio laufen.“ Dann ist es die Aufgabe des Managers, das zu erklären und dagegenzuhalten. Das ganze ist Bestandteil eines andauernden Kampfs zwischen Selbstverwirklichung und Anerkennung. Viele Künstler machen Musik, weil sie sich damit ausdrücken und selbst verwirklichen möchten. Andere suchen das Scheinwerferlicht, um ihr Aufmerksamkeitsdefizit zu kompensieren. Häufig ist beides der Fall. Aber daran kann man zerbrechen.

Dieter Bohlen ging es immer um das Auto

Dem Kölner Künstler Peterlicht („Sonnendeck“) geht es allein um Selbstverwirklichung. Weder will er sein Gesicht zeigen noch, dass sein wahrer Name genannt wird. Er verbaut sich dadurch natürlich eine Menge mediale Möglichkeiten. Nur Harald Schmidt war bereit, einen Auftritt in der Show zu haben, der den singenden Künstler ausschließlich vom Brustkorb abwärts zeigt. Peter ist das egal.

Am anderen Ende der Skala befinden sich Menschen wie Dieter Bohlen. Er sagte schon vor dreißig Jahren, als er noch Angestellter eines Musikverlags war, jungen Künstlern auf den Kopf zu, worum es seiner Meinung nach ging: „Seht ihr das Auto da draußen? Das ist ein Lamborghini. Mein Lamborghini. Wenn ihr auch mal so ein Auto haben wollt, müsst ihr andere Musik machen.“ Bohlen geht es um das Auto und die damit verbundene Anerkennung. Die künstlerischen Möglichkeiten, die er sich damit verbaut, sind ihm egal.

Fälle wie Peterlicht und Dieter Bohlen sind aus Sicht eines Managements überhaupt kein Problem. Denn ihre Entscheidung für die eine oder die andere Seite ist eindeutig gefallen. Der Manager hat somit eine klare Ansage und kann im Prinzip nicht viel falsch machen. Den meisten Künstlern fällt es jedoch schwer, in einer solchen Deutlichkeit zu sagen, was für sie am wichtigsten ist.

Produzent und Musiker müssen einander vertrauen

Sie wollen am liebsten beides. Eine schizoide Situation: Ihr Manager ist schuld, wenn der Erfolg nicht schnell genug eintritt, aber auch genauso der Doofe, wenn er sich um des Erfolges willen zu Kompromissen oder gar zum sell-out der eigenen Prinzipien genötigt sieht. Eines von beiden ist immer der Fall. Naheliegend, dass viele glauben, es wäre einfacher, diesen Konflikt auszuhalten, wenn man weder befreundet noch verheiratet ist. (...)

Das Verhältnis zwischen Produzent und Musiker muss auf Vertrauen basieren. Annette Humpe weiß aus eigener Erfahrung, dass es für die meisten Künstler ein schwieriger Schritt ist, einem Außenstehenden sein Innerstes zu offenbaren, über seine Ängste, Träume und Verletzungen zu reden. Aber genau darum geht es in guten Pop- und Rocksongs.

Das preiszugeben und sich gleichzeitig darüber im Klaren zu sein, dass es dafür auch Kritik und Änderungsvorschläge hageln kann, verlangt Mut oder eben sehr viel Vertrauen. Deshalb erklärt Annette ihren Gästen im Studio ganz genau jeden einzelnen Arbeitsschritt und das geplante Arrangement. Ein guter Zahnarzt macht das genauso, um seinem Patienten die Angst vor der Behandlung zu nehmen.

Adel wollte nicht von Liebe singen

Diese Arbeitseinstellung erfordert allerdings eine Menge Geduld: „Und selbst wenn der Künstler es dann noch immer nicht verstanden hat, fühlt er es irgendwann“, meint Annette. Sie denkt dabei an ein Erlebnis bei ihrer Arbeit für ich + ich. „Adel wollte partout nicht die Zeile ‚Du erinnerst mich an Liebe‘ singen. Das Wort ‚Liebe‘ erinnerte ihn zu sehr an Schlager.

Ich habe ihm dann vorgeschlagen, es ein Mal zu singen und einen Tag liegen zu lassen. Hätte es ihm dann noch immer nicht gefallen, hätten wir es halt rausgenommen. So etwas kann und soll man nicht erzwingen. Am nächsten Tag besuchte uns eine Freundin mit ihren beiden Töchtern hier im Keller. Sie hörten das Stück und strahlten Adel an. Spätestens als alle gemeinsam seufzten: ‚Ist das schön‘, fühlte auch er, dass das Wort passte. Es war einer der ersten Songs des ich+ich-Albums und von da an hat er mir vertraut.“

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