Am vergangenen Freitag erfuhr Tim Renner eher beiläufig eine interessante Neuigkeit. Die Sonne schien und die Spree schaukelte wie bestellt vor der kleinen Idylle des Holzmarkt-Dorfes. Ein neues Bauprojekt wurde hier angekündigt, unweit der Jannowitzbrücke soll in dem sogenannten Eckwerk ein Tummelplatz mit Wohnen und Arbeiten für Kreative und Studenten entstehen. Jedenfalls unterhielt sich Tim Renner (SPD), umweht von Strandsand und Kater-Holzig-Hipness, mit Thomas Heilmann (CDU), dem Justizsenator. Das Gespräch schwankte kurz bedenklich ins Nostalgische, da sich die beiden eine kleine Ewigkeit kennen und nun ein wenig überrascht darüber nachsannen, wie es passieren konnte, dass sie nach all den Jahren im gleichen Senat arbeiten.
Soweit sei es ja noch nicht, sagte Tim Renner, am morgigen Montag erst wird er bei seinem ersten Auftritt vor dem Kulturausschuss anfangen. Thomas Heilmann fragte, ob er denn schon die Ernennungsurkunde erhalten habe, und Renner sagte, „klar, seit zehn Tagen“. In dem Fall, antwortete Thomas Heilmann, „bist du schon Staatssekretär. Das gilt ab dem Zeitpunkt, an dem Du sie erhältst. Vertrau mir: Ich bin dein Justizsenator.“
Manchmal ist man früher Staatssekretär, als man denkt, wird sich Tim Renner auf der Rückfahrt ins heimische Wilmersdorf gedacht haben. Nun hat Berlin bereits seit knapp vier Monaten keinen Kulturstaatssekretär mehr, nachdem bekannt wurde, dass André Schmitz die Zinsen aus einem in der Schweiz geerbten Guthaben dem Finanzamt nicht gemeldet und versteuert hat. Da kommt es auf zehn Tage mehr oder weniger auch nicht mehr an. Anderseits, das muss man konstatieren, fängt Renners Amtszeit mit einer Merkwürdigkeit an.
Ansonsten konnte er mit dem Nachmittag zufrieden sein. In einer kurzen Diskussionsrunde machte er, farblich gewagt mit blauem Jeanshemd und roter Hose, den Eckwerk-Erbauern mit kokettem Pessimismus Mut: „Berlin heißt, Dinge zu wagen. Hier darf man scheitern. In Berlin gehört Scheitern zum guten Ton.“ Mit seiner fröhlichen, leicht unbeholfenen Art, wenn er die Daumen in den Hosentaschen vergräbt, gewann er die Zuhörenden leicht.
Gut vertraut mit der Freien Szene
Ein Heimspiel also. Hier mag man nicht zum Establishment gehören. Irgendwie alternativ. Irgendwie neu denken. Irgendwie anders leben. Da kommt in Berlin eine beträchtliche Anzahl von Leuten zusammen, die so denken. Und Tim Renner, dem mit 49 Jahren und ein paar Falten das Jungenhafte nicht verloren ging, passt dort hinein, wirkt er doch – trotz Frau und Kindern – wie ein Mann, der wenig mit dem herkömmlichen Konzept des Erwachsenseins anfangen kann. Als früherer Chef von Universal Music und Gründer des Labels Motor Entertainment ist er fest mit der Musikwirtschaft verbunden. Er sitzt im Beirat des Musicboards und ist gut vertraut mit der Freien Szene. Das ist es dann aber auch: Tim Renner besuchte bislang sehr selten Oper, Theater und Philharmonie, auch Ausstellungseröffnungen gehörten nicht zu seinen bevorzugten Abendveranstaltungen. Lediglich einer Teilöffentlichkeit ist er somit bekannt.
Nein, Tim Renner kenne er nicht, sagt zum Beispiel Jürgen Flimm, der Intendant der Staatsoper. Er freue sich aber schon auf ihn, schließlich müsse ein Kulturstaatssekretär ja wissen, wo das Geld aus seinem Etat so hingeht. Ein Drittel des Kulturetats fließt in die Opernstiftung. Auch Hermann Parzinger ist auf Tim Renner gespannt, aber kennen tue er ihn auch nicht. Immerhin hat der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz ein erstes Treffen mit Tim Renner für kommende Woche verabredet. Das wird in den nächsten Monaten seine beliebteste Übung werden: sich vorstellen. Denn Tim Renner kommt, aus Sicht der Hochkultur, von einem anderen Stern.
Es sind ja erst mal nur zweieinhalb Jahre
Nun stellen sich relativ rasch einige Fragen: Warum ernennt der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit jemand, der noch einen Gutteil des Betriebes kennenlernen muss? Ist diese Personalie nicht auch deshalb tollkühn, weil bis zur nächsten Wahl gerade einmal 2,5 Jahre sind und daher, kaum hat sich Tim Renner warm gelaufen, ein Abschied – je nach Wahlausgang – gut möglich ist? Was verspricht sich Tim Renner denn davon? Und, wohl die wichtigste Frage, ist er eine gute Wahl für eine Stadt, deren beide Grundpfeiler Tourismus und Kultur sind und in der Kultur einen deutlich größeren Stellenwert hat als in anderen deutschen Städten?
Vielleicht fangen wir mit Renners Sicht an. Zwar redet er in diesen Wochen nicht mit Journalisten, aber sein Umfeld, immerhin. So ist es bemerkenswert zu erfahren, dass gerade die angeknabberte Amtszeit für ihn ein Pluspunkt gewesen sein soll. Der Zeitraum sei für ihn ausreichend, um zu erkunden, ob er für den Posten geeignet ist, und auch nicht so lang, dass ein Wiedereinstieg in seine Firma – er lässt seine Arbeit bei Motor Entertainment während seiner Arbeit als Kulturstaatssekretär ruhen – schwierig sein würde. Außerdem, so sagt ein Freund von ihm, wird er im Dezember 50 Jahre alt und das sei ja ein beliebtes Datum, in dessen Vorfeld sich Menschen fragen, was sie sonst noch so in ihrem restlichen Leben machen wollen. Und ja, er traue sich den Job zu. Als er in der Musikindustrie beschäftigt war, war er mit seiner Punk-Haltung auch Außenseiter. Und ist trotzdem Vorstandsvorsitzender geworden.
Tagespensum auf Facebook
Klaus Wowereit, der ja auch Kultursenator ist, hat einen loyalen Weggefährten gewonnen. Mit dem Wechsel des Universal-Standortes von Hamburg nach Berlin gelang ihnen 2002 ein echter Scoop, in dessen Folge die Musikindustrie sich in Berlin konzentrierte. Das schweißte Politiker und Manager zusammen. Anderseits muss Renner ab sofort an Wowereit berichten. „Das Machtverhältnis zwischen den beiden wird sich wohl ändern“, sagt ein Mitglied des Senats.
Das Pensum, das ihm bevorsteht, ist auf jeden Fall beträchtlich. So dokumentierte am vergangenen Freitag auf Facebook den Ablaufplan seines ersten Arbeitstages mit allerlei Ausschüssen und Arbeitskreisen. Demnach fängt sein Arbeitstag um 8.45 an und endet um 21.00, mit neun Terminen, nicht einmal ein Mittagessen ist vorgesehen. „Bei Universal hieß es immer, möglichst nicht mehr als 3 Meetings pro Tag...“, schreibt Renner und man hört ihn dabei seufzen.
Harte finanzielle Entscheidungen muss er nicht fällen
Tim Renner ist, obwohl vom Wesen und Auftreten her deutlich anders als sein großbürgerlicher Vorgänger, mit André Schmitz durchaus wesensverwandt. Beide sind Pragmatiker, beide sind kommunikativ und belastbar, lassen sich beraten und haben eine gewinnende Art. Egal, mit wem man in den vergangenen Wochen über Tim Renner gesprochen hat: Es war immer eine Vorfreude und ein Wohlwollen zu spüren. Er wird keine harten finanziellen Entscheidungen fällen müssen, denn der Doppeletat des Berliner Haushalts ist bereits beschlossen. André Schmitz stand für die Hochkultur, das popkulturelle Leben war ihm fremd, er war damit auch nur Teilrepräsentant einer Stadt, die so stolz auf ihre alternativen Projekte ist.
Wenn Tim Renner seine Sache gut macht, dann wäre das Beste, was man über ihn am Ende der Legislaturperiode sagen könnte: Er hat die Stadt in ihrer extremen kulturellen Vielfalt – von der Opernpremiere bis zur Galerierausstellung, vom Off-Theater bis zum Philharmonie-Konzert, von der Kleinkunstbühne bis zum Ballettabend – gefördert und repräsentiert. Nach 100 Tagen wird man schlauer sein. In seinem Fall streng genommen nach 90 Tagen.





