Kreuzberg

Flüchtlinge müssen besetzte Schule verlassen - Umbau geplant

Nachdem am Freitag ein Mann aus Marokko in der besetzten Gerhart-Hauptmann-Schule in Kreuzberg niedergestochen wurde, zieht der Bezirk jetzt Konsequenzen. Die 200 Bewohner sollen sich registrieren.

Foto: Hannibal Hanschke / dpa

Nach dem gewaltsamen Tod eines Flüchtlings sollen die Bewohner in der besetzten Schule in Berlin-Kreuzberg nach dem Willen des Bezirks das Gebäude verlassen. Geplant ist ein Umbau zu einem internationalen Flüchtlingszentrum. Das teilte das Bezirksamt mit. Stadträte von Friedrichhain-Kreuzberg informierten die Flüchtlinge am Montagabend in der Schule über die Konsequenzen aus dem Tod eines Flüchtlings.

„Für die Umbauphase muss das Hauptgebäude der Schule vollständig leer sein“, heißt es in dem Papier des Bezirks. 35 der künftigen 70 Bewohner könnten vorübergehend in einem umgebauten Pavillon auf dem Schulgebäude unterkommen und sich als Bauhandwerker an den Arbeiten beteiligen. Das Bezirksamt rief die Flüchtlinge in der Schule zudem auf, sich auf einer Liste registrieren zu lassen, damit sie in anderen Häusern unterkommen können.

Am Freitag war in der einzigen Dusche auf dem Gelände der Schule ein 29-jähriger Marokkaner von einem Mitbewohner erstochen worden. Ein verdächtiger Mann aus Westafrika (40) war kurze Zeit später festgenommen worden. Er sitzt in Untersuchungshaft. Nach Auskunft der Staatsanwaltschaft äußerte sich der Verdächtige bisher nicht zu den Vorwürfen.

Bei einer Trauerfeier in der Schule nahmen am Montag Freunde, Bekannte und Nachbarn Abschied von dem Opfer. Unter den Trauernden waren viele Marokkaner sowie Kreuzberger Anwohner. Unter einem Foto des Getöteten an einer Tür stand sein Name: „Anwar“. Auf einem Tisch waren Blumensträuße und ein Kondolenzbuch ausgelegt.

Innensenator will gemeinsam Lösung für besetzte Schule suchen

Eine Gruppe von Marokkanern hat sich das Ziel gesetzt, die Leiche des 29-Jährigen in seine Heimat zu überführen. Dazu stünden sie im Kontakt mit der Botschaft, sagte der Sprecher der Gruppe, Mohammed Lahrima, am Rande der Trauerfeier. Seinen Angaben zufolge soll der Getötete aus der Großstadt Fès im Norden Marokkos stammen und über Spanien nach Deutschland geflüchtet sein. In der besetzten Schule habe er seit rund drei Monaten gewohnt. Auch einige Kreuzberger besuchten die Trauerfeier. Marcos, ein 30-jähriger Student, bei dem Flüchtlinge öfter duschten, zeigte sich erschüttert. „Viele der Flüchtlinge haben Bilder von Krieg und Vertreibung im Kopf“, sagte er. „Da kann sich ein Streit an einem Nichts entzünden.“

Kurz nach Bekanntwerden des Vorfalls am Freitag waren das Schulgelände abgeriegelt und die Ohlauer Straße zwischen Wiener und Reichenberger Straße vollständig gesperrt worden. Polizeisprecher Stefan Redlich begründete die Sicherungsmaßnahme mit der wiederholten Erfahrung, dass die Polizeiarbeit vor Ort von Unterstützern der Flüchtlinge behindert worden war. Abgesehen von einigen Personen, die vor der Absperrung Parolen gegen die Berliner Polizei skandierten, blieb es allerdings ruhig.

Innensenator Frank Henkel (CDU) appellierte in einer ersten Reaktion an Integrationssenatorin Dilek Kolat (SPD) und den Bezirk, gemeinsam die Suche nach einer Lösung für die besetzte Schule zu suchen. Wie auch Polizeisprecher Redlich verwies Henkel darauf, dass die Schule seit Langem einen polizeilichen Brennpunkt darstelle.

Etliche Einsätze wegen Messerstechereien und Drogenhandel

Die Zustände in der seit Dezember 2012 besetzten Schule gelten als unhaltbar. Mehr als 200 Flüchtlinge, Roma und Obdachlose leben dort auf engstem Raum ohne sanitäre Anlagen zusammen. Niemand weiß genau, wie viele Menschen dort wohnen. Die Polizei musste schon zu etlichen Einsätzen wegen Messerstechereien und Drogenhandel anrücken. Mehrere Menschen wurden dabei schon teils schwer verletzt.

Der Senat sucht derzeit nach einer anderen Unterkunft für die Flüchtlinge. Sie sollen aus der Schule ausziehen. Im Gegenzug bietet der Senat auch ihnen Unterstützung und Beratung bei Asylverfahren. Die Flüchtlinge in der Schule stehen dem Angebot jedoch viel skeptischer gegenüber als die Flüchtlinge vom Oranienplatz, die bereits vor drei Wochen freiwillig ihre Zelte und Buden auf dem Platz räumten.

Ein Umzug in eine von Sozialsenator Mario Czaja (CDU) ins Auge gefasste Immobilie kann noch dauern. Die Verhandlungen über die Immobilie seien noch nicht abgeschlossen, sagte dessen Sprecherin Constanze Frey am Montag.