Rathaus Schöneberg

Der Saxofonist und die Freiheitsglocke

Gert Anklam spielt mit japanischen Mönchen und macht Musik aus Luft und Wasser. Auch für die Freiheitsglocke hat er schon ein Stück geschrieben. Nun tritt er zum Festakt im Willy-Brandt-Saal auf.

Foto: Tanja Laninger / Gert Anklam

Er hat im Denkmal der Völkerschlacht musiziert. Er hat in der Assembly Hall der Vereinten Nationen in New York musiziert. Er gab seine Kompositionen in der Verbotenen Stadt in Peking zum Besten. Und er spielte zum Läuten der Freiheitsglocke im Rathaus Schöneberg. Der Saxofonist Gert Anklam sieht im letztgenannten Ort keine "kleine Kiezgeschichte". Für den 45 Jahre alten Berliner gehört dieses Ambiente zu einer Kette von Höhepunkten seiner Musikerkarriere. "Sie bieten Möglichkeiten zur künstlerischen Auseinandersetzung mit politischen und historischen Räumen."

Festakt im Willy-Brandt-Saal

Zuletzt trat er am vergangenen Freitag (4.April) im Rathaus Schöneberg auf. Anlass war eine Vernissage mit Bildern des Fotografen Volker Wartmann, der im Rathaus verborgene Orte künstlerisch aufgenommen hat. Da das Gebäude vor 100 Jahren eröffnet wurde, richtet der Bezirk Tempelhof Schöneberg am 11. April 2014 einen Festakt im Willy-Brandt-Saal aus. Der amerikanische Botschafter soll sprechen und die früheren Regierenden Bürgermeister Berlins Eberhard Diepgen und Walter Momper werden sich im Gespräch an ihre Regierungs- und Oppositionsarbeit – eben im Rathaus Schöneberg – erinnern.

Das Rathaus war während der Teilung der Stadt Sitz von Regierung und Parlament. Die etwa 200 Gäste (zehn Prozent aus der "normalen" Bevölkerung) können eine sechseinhalbminütige Diashow mit Wartmanns Bildern sehen und dazu Anklam hören. Live. Was er auf dem Baritonsaxofon improvisieren wird, ist offen. "Ich habe die Diashow von Volker Wartmann bekommen, werde sie jetzt auf mich wirken lassen und in mich reinhören, welche Klänge und Töne die Dramaturgie der Bilder unterstützen können."

Ihm gefielen Wartmanns Bilder sehr gut, insbesondere das vom Klöppel der Freiheitsglocke. "Ich kann mich mit der Stimmung der Bilder identifizieren." Dank der Projektförderung der dezentrale Kulturarbeit habe er seit 1998 immer wieder im Hause proben können und dort in verschiedenen Räumen gespielt. "Das sind geschichtsträchtige, beinahe museale Orte. Es ist klasse, dort abzutauchen".

Dreißigminütiges Werk für Saxophon und Glocke

Besonders gefalle ihm ein Bild von Matthias Koeppel im Goldenen Saal, auf dem West-Berliner Politiker über die Mauer gen Osten blicken. Dort, in Ost-Berlin, ist Anklam aufgewachsen. "Als Kind habe ich jeden Sonntag mit meiner Großmutter Hans Rosenthals Sonntagsrätsel im RIAS gehört – und danach das Klingen der Freiheitsglocke. Deshalb fühle ich mich mit der Glocke besonders verbunden. Ihr Klang weckt Erinnerungen an meine Kindheit und die Teilung Berlins."

Folglich hat er für "dieses besondere Instrument" eine dreißigminütige Komposition geschrieben: "Konzert für Saxofon und Freiheitsglocke". Die beiden Auftritte unter der Glocke waren mit den Pförtner am Haupteingang – etwa sechzig Meter tiefer – abgestimmt, der das Geschehen im Raum über einen Bildschirm live verfolgen konnte. "Immer wenn ich an eine bestimmte Stelle trat, setzte er per Knopfdruck die Glocke in Gang. Ihr Klang wurde Teil der Aufführung."

Zur Startseite
© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.