Weite Reise

Nach 101 Jahren – Flaschenpost an Berlinerin zugestellt

Vor 101 Jahren warf der Berliner Richard Platz eine Flaschenpost in die Ostsee. Darin eine dänische Briefkarte mit seiner Adresse. Im Frühling 2014 wurde sie gefunden - und kam nun nach Hause.

Foto: (2) / Angela Erdmann

Manchmal holt einen die Vergangenheit ein. Doch selten auf so ungewöhnlichem Weg wie bei Angela Erdmann aus Berlin-Pankow. Vor einigen Tagen steht ein Familienforscher vor ihrer Tür, und die ehemalige Lehrerin kann erst gar nicht fassen, was dieser ihr überbringt: Eine Nachricht ihres Großvaters – nach 101 Jahren.

Rückblende, Frühling 1913: Der 20 Jahre alte Berliner Richard Platz wirft irgendwo auf einer seiner vielen Wandervogel-Reisen eine Flaschenpost in die Ostsee. Er legt ihr eine spärlich beschriftete, dänische Briefkarte bei, darauf seine Adresse und die Bitte an den Finder, sie ihm zurückzuschicken. Sogar zwei Briefmarken legt er der umfunktionierten Bierflasche bei.

Frühling 2014: Als ein Kieler Fischer die alte, braune Flasche in seinem Netz findet, geht die Nachricht vom Rekordfund rasch um die Welt, denn sie ist die Flaschenpost mit der längsten Laufzeit. Als Weltrekord-Flaschenpost wird sie voraussichtlich im Guinnessbuch der Rekorde aufgeführt werden. Schnell sind Name und Adresse des Absenders entziffert, doch der Rest der alten Botschaft bleibt unleserlich. Wer verbirgt sich hinter dem Absender?

Absender starb 1946 im zerstörten Berlin

Bald steht fest: Der Flaschenpost-Absender selbst ist schon 1946 an Entbehrungen und Krankheit, beim Steineklopfen im zerstörten Berlin, verstorben. Seine beiden Töchter sind auch nicht mehr am Leben. Aber seine Berliner Enkelin lebt. „Ich hatte von der Flaschenpost-Geschichte gar nichts mitbekommen“, sagt Angela Erdmann. „Dann sah ich im Internet, welchen Wirbel die Flaschenpost ausgelöst hatte, und war nur noch baff.“ Der Fund brachte die 62-Jährige dazu, sich nun erstmals näher mit ihrem Großvater zu beschäftigen. Was sie mithilfe ihrer Cousine über ihn herausfand, hat sie tief bewegt. „Es gibt viele Bilder, Geschichten und sogar einen langen Brief von Opa Richard an seine Nachkommen. Als ich jetzt seine Zeilen las, war es so, als ob er nach all den Jahren zu mir sprechen würde“, sagt Angela Erdmann. Seine „Botschaft“ findet sie gerade zum richtigen Zeitpunkt: nach der größten Krise ihres Lebens mit Privatinsolvenz und Krankheit.

Die Suche nach der Familie von Richard Platz war jedoch nicht leicht. Der einzige Hinweis, die Adresse von 1913, wies zunächst in eine falsche Richtung. „In der Presse war von einem Bäckermeister Richard Platz aus Berlin-Baumschulenweg zu lesen, der im Berliner Adressbuch auftauchte, unter derselben Anschrift wie in der Flaschenpost angegeben. Doch das war mein Urgroßvater, der ebenfalls Richard Platz hieß“, so Angela Erdmann. Schon 1915 zog die Familie in die Parkstraße nach Alt-Treptow, heute Bulgarische Straße. Dort kam auch Angela Erdmann zur Welt.

Mitglied der Wandervögel

Beim Durchblättern des Familienarchivs entdeckte die Nachfahrin nun nicht nur äußerliche Ähnlichkeiten zu Opa Richard und seiner Frau Ella. „Mein Großvater war ein ausgesprochener Familienmensch, der seine Frau und seine beiden Töchter vergötterte. Oft hat meine Mutter von ihrer schönen Kindheit erzählt, von den vielen gemeinsamen Wanderungen und Fahrten.“ Als Mitglied der damals populären Wandervogel-Bewegung habe Richard Platz seine Kinder im Geist von Liebe, Toleranz und Mitgefühl aufgezogen und sie gelehrt, an das Gute im Menschen zu glauben. So habe sie es auch ihre Mutter gelehrt, sagt Angela Erdmann, und genauso wichtig seien ihr diese Werte bei der Erziehung ihrer beiden Söhne gewesen.

„Was mich auch mit meinem Opa verbindet, ist unser Interesse für Kultur. Richard hat wahnsinnig viel gelesen, und durch seine große Bildung hat er es bis zum Inspektor und Redenschreiber im Rathaus Berlin-Schöneberg gebracht“, sagt die Enkelin. Für Richard Platz waren als Schriftsteller, Freidenker und Sozialdemokrat auch die geistigen Mauern seiner Zeit oft zu eng.

Enkelin hat Reiselust von Richard Platz geerbt

„Seine Frau Ella lernte Opa Richard 1905 auf einer Wanderung in Ostpreußen, der Heimat seines Vaters, kennen. Ich kann mir gut vorstellen, dass Opa Richard die Flaschenpost auf einer Reise nach Ostpreußen zu seiner geliebten Ella ins Meer warf, doch die genauen Umstände sind nicht mehr bekannt.“

Auch die Reiselust hat Angela Erdmann von Wandervogel Richard geerbt. Sie selbst bereiste zu DDR-Zeiten Bulgarien und die Sowjetunion. Nach dem Fall der Mauer machte sie sich mit einer Eventagentur in Berlin selbstständig und eröffnete mit ihrem Partner auf Ibiza eine Trike-Vermietung, die aber scheiterte. „Leider habe ich nicht genug aufgepasst, und mein Vertrauen auf das Gute im Menschen wurde mehr als einmal enttäuscht,“ sagt sie heute. So endete auch ihre anfangs sehr erfolgreiche Berliner Eventagentur in der Insolvenz. „Doch jetzt bin ich wieder auf einem guten Weg, die Nachrichten von meinem Großvater haben mich bestärkt, darauf weiterzugehen. Ich arbeite wieder, jetzt bei einer Berliner Agentur für Kinderevents, genieße das Leben und begegne positiven Menschen.“

Doch ein Rätsel bleibt noch offen: Was hatte Richard Platz auf die unleserlich gewordene Postkarte geschrieben? Mit modernster Kriminaltechnik wird das Schriftstück derzeit im Internationalen Maritimen Museum in Hamburg wieder lesbar gemacht. Angela Erdmann freut sich auf das Ergebnis: „Ich bin sehr gespannt, was die Botschaft von Opa Richard sein wird.“

Foto: Angela Erdmann