Berlin Song Contest

Wenn Friedenau und Fennpfuhl ins Finale einziehen

Beim Berlin Song Contest treten die ersten zehn Bands aus verschiedenen Bezirken an. Nur fünf von ihnen kamen weiter. Auch am Freitag wird noch mal gesiebt. Am 19. April folgt das große Finale

Foto: JOERG KRAUTHOEFER

Die Nummer fungierte irgendwo zwischen Trance und Synthiepop, und auch die Kostüme, die die beiden Damen bei ihrem Auftritt trugen, könnten von den französischen Kollegen von Daft Punk stammen. Aber Madlick mögen es lieber Japanisch: Sushi, Mitsubishi, Honda – „alle Wörter, die wir mal so gehört haben“. Das Ergebnis heißt „Hey Yoko Ono“, und als sie es der Frau des verstorbenen John Lennon vorspielten, soll sie geweint haben. Es war der zweite Act des Abends, und schon da durfte konstatiert werden, dass der Berlin Song Contest sein Ziel erreicht hat.

Natürlich musste Erfinder Kriss Rudolph, der zusammen mit der Transsexuellen Gisela Sommer durch den Abend führte, den Gründungsmythos zu Beginn noch mal erzählen. Wie er damals den Eurovision Song Contest vor dem Fernseher verfolgte und dachte, wie lustig es doch wäre, wenn jemand sagen würde: „Schöneberg, Douze Points“. Wie amüsant, wenn nicht Finnland gegen Belgien, „sondern Schmargendorf gegen Britz und Weißensee“ antreten würde.

Die Künstler müssen aus Berlin kommen

Am Donnerstagabend war es dann so weit: Im BKA-Theater am Mehringdamm kam es zum Duell der Ortsteile und Bezirke, mit den ersten zehn von 20 Halbfinalisten, die aus 50 Einsendungen ausgewählt wurden. Einzige Bedingung: Die Künstler müssen aus Berlin kommen, ihr Song darf noch nicht veröffentlicht worden sein. Stammt einer aus Wilmersdorf und tritt für Marzahn an, ist das egal.

Mehr Regeln würden auch nicht passen zu diesem Event, wo sich Moderatoren und Artisten am laufenden Band selbst auf die Schippe nehmen. „Willkommen, Freunde der Hochkultur“, lästerte Moderatorin Sommer zur Begrüßung. „Wir waren so gnädig, die Teilnehmer nicht in ihren Kiez-Dialekten singen zu lassen.“ Dass Madlick, die Wedding vertraten, nicht berlinern, nicht mal Deutsch, sondern nur Englisch sprechen, spielte also keine Rolle. „Bei euren Outfits werde ich neidisch“, säuselte Moderatorin Sommer, die selbst in einer Strumpfhose mit Weltraum-Muster erschienen war.

Heimelig und doch ironisch

Stefan Raab brach den Eurovision Song Contest mit seinem Bundesvision Song Contest bereits auf Bundesebene herunter. Dass eine durchkommerzialisierte Veranstaltung, wie Raab sie 2012 in der Max-Schmeling-Halle ablieferte, nicht funktionieren würde, muss Rudolph klar gewesen sein. Beim Berlin Song Contest gibt es keinen dotierten Preis, keinen Plattenvertrag, und der Gewinner wird von Klaus Wowereit sicher nicht ins Rote Rathaus geladen. „Es soll vor allem um den Live-Auftritt gehen“, sagte Rudolph. Und so fühlte man sich bei der Veranstaltung wie beim Kinobesuch oder im Kabarett: Auf kleinen Tischen standen Teelichte, Kellner servierten Bier und Snacks am Platz. Eine heimelige Atmosphäre, das Publikum sollte schließlich mehr als einfach nur zuschauen.

Für einen Euro durfte man für seinen Favoriten stimmen. Zu 50 Prozent sollten die Stimmen in das Endergebnis einfließen. Der Erlös geht an Quarteera, eine Organisation, die Schwule und Lesben aus Russland unterstützt, welche in Deutschland Asyl beantragen wollen. Die andere Hälfte der Stimmen hat die Jury, in der neben anderen Barrie Kosky, Intendant der Komischen Oper, und Radiomoderatorin Silke Super saßen.

„Neulich im Neadertal“ und „Danse de la Pluie“

Sie wurden gleich zu Beginn von Scheeselong in ihren Bann gezogen, zwei jungen Damen, die ein schräges Chanson mit dem Titel „Neulich im Neandertal“ zum Besten gaben. Eine Hommage an ihren Ortsteil Schmöckwitz in Köpenick, wo angeblich die ersten Knochenfunde auf Berliner Boden gemacht wurden. Auch Zargenbruch aus Hellersdorf traten mit Stolz für ihren Ortsteil an, ihr sentimental machendes Folk-Stück „Danse de la Pluie“ wendet sich gegen Rassismus, Gewalt, Homophobie. Es blieb nicht der letzte gute Auftritt an diesem Abend. Doch geschafft haben sie es damit nicht. Ins Finale zogen Wedding, Friedenau, Kreuzberg, Britz und Fennpfuhl.

Vorbei ist der Contest noch nicht: Freitagabend startet das zweite Halbfinale, das Finale findet am 19. April statt.

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