Sobald es Journalisten mit einer politisch komplexen Materie zu tun bekommen, müssen sie einer Versuchung widerstehen: Sie einfach ins Persönliche zu drehen. Die simplen Regeln des Herrschens und Beherrschens verstehen schließlich alle von Kindesbeinen an – im Gegensatz zum Beispiel zum demografischen Faktor und zur Rentenformel. So man kann sich, so ganz nebenbei, inhaltliche Mühsal vom Hals halten.
Das hätte sich gerade bei Günther Jauch am Sonntagabend angeboten. Das Thema war die Rente mit 63, eine demografisch und sozialpolitisch nun wirklich vertrackte Sache. Und da war doch gerade am selben Tag die beinahe erlösende Meldung über den Ticker gelaufen, es mehre sich der Widerstand in der Union gegen das Projekt. Gerda Hasselfeldt, Michael Fuchs und Volker Kauder: Gleich drei Unionsleute hatten via Sonntagspresse ihr Unbehagen an der jetzt gefundenen Lösung verbreiten lassen, wonach Arbeitnehmer nach 45 Jahren auch schon mit 63 den Ruhestand antreten können. So schien die Versuchung stark, aus einer Sach- mal wieder eine Koalitionsdebatte zu machen und in aller Ruhe die üblichen Querelen zu besprechen. Allein: Es kam anders.
160 Milliarden - und wozu?
Geladen waren neben dem ehemaligen Bundesarbeitsminister Norbert Blüm der stellvertretende SPD-Bundesvorsitzende Ralf Stegner, der ehemalige Vorstandsvorsitzende der Dresdner Bank, Herbert Walter, sowie die Journalistinnen Margret Heckel und Jasmin Buck. Die Diskussion fokussierte sich auf die Frage, ob das jetzt verabschiedete Rentenpaket sinnvoll ist. Es kostet ja immerhin 160 Milliarden Euro, mindestens. Da kann man sich das schon einmal fragen.
Skeptiker wie Herbert Walter, Margret Heckel und auch die erst 27-jährige Jasmin Buck mussten sich erst einmal in eine Minderheitenposition gedrängt fühlen: 73 Prozent der Deutschen, erläuterte Jauch, hielten die getroffenen Regeln gemäß einer Emnid-Umfrage für sinnvoll. Die Jüngeren müssten das aber alles bezahlen, konterten die Journalistinnen unisono: Schließlich stehe die frühere Verrentungsmöglichkeit quer zur demografischen Entwicklung im Lande. Man sei doch mit Münteferings Rente mit 67 auf einem so guten Weg gewesen, klagte Heckel, demgegenüber sei das Paket von Frau Nahles doch ein klarer Rückschritt.
Viele Ältere seien gewillt, weiterzuarbeiten, informierte Jauch. Herbert Walter sah für die Betriebe die Schwierigkeit vor allem darin, die zum Teil stark gewachsenen Gehälter älterer Arbeitnehmer in voller Höhe weiterzubezahlen - er forderte einen „Cut“. Man kann es auch klarer sagen: Er verlangt, dass ältere Menschen für weniger Geld weiterarbeiten, wenn sie denn unbedingt wollen.
Der unorthodoxe Herr Blüm
Ralf Stegner (als übrigens einzig aktiver Politiker der Runde) setzte einiges dagegen. Erstens nämlich, dass die jetzt gefundene Lösung nur 200.000 Menschen betreffe und dass diese Menschen zweitens 45 Jahre lang zum Teil hart körperlich gearbeitet hätten und sich Ruhegelder ohne Abschläge redlich verdient hätten. Drittens schließlich: dass der Charakter der Regelung ohnehin ein vorübergehender sei und das Renteneintrittsalter nach einer Frist wieder auf 65 Jahre angehoben werde.
Die vielleicht zeitgemäßeste und doch auch unorthodoxeste Position zur strittigen Frage vertrat indessen der älteste Teilnehmer der Runde: Norbert Blüm, der durch Jahrzehnte der Rentendebatte hindurchgegangen ist. Er schlug vor, jeder solle den Zeitpunkt selbst bestimmen dürfen, zu dem er das Arbeiten einstellt. „Mein Gott, die Alten sind doch nicht nur Ballast!”, rief er aus und wies auf den enormen Erfahrungsreichtum und die soziale Kompetenz älterer Arbeitnehmer hin.
Jeder Arbeitnehmer müsse, sagte Blüm, seinen Verrentungsplan selbst aushandeln dürfen – was vielleicht für ein Plus an Bürokratie, aber eben auch ein Plus an Gerechtigkeit am Arbeitsmarkt herstellen werde. Dafür freilich muss das jetzige Rentenniveau einen Stand erreichen, der die Freiheit der Wahl gewährleiste. Das wiederum ist eine Frage der Löhne und Gehälter. Wie man deren Entwicklung den demografischen Trends anpassen soll: Das blieb ein Rätsel, das auch diese Runde nicht zu lösen vermochte.
Irgendwann gab Jauch dann doch der Versuchung nach und fragte Blüm, ob denn nun, angesichts der Quengelei aus der Union, das ganze Projekt in Gefahr schwebe. Blüm ging einfach darüber hinweg. Und das zu Recht: Schließlich befindet sich der 79-Jährige seit geraumer Zeit im politischen Ruhestand.





