Es begann mit Randale, und alle waren erst einmal einmal etwas erschrocken. Ein Mann stürmte die Bühne im Schöneberger Gasometer, schrie etwas von „Verarschung“, wurde von Sicherheitskräften überwältigt und abgeführt. Keiner wusste so genau, was da gerade vorgegangen war.
Ein emotionales Thema also, um das es hier geht? Soviel lässt sich mit Sicherheit sagen. Schon allein, weil in seinem Zentrum ein sehr emotionaler und polarisierender Mensch steht, den in Deutschland fast jeder kennt: Uli Hoeneß, langjähriger Manager und heutiger Präsident des FC Bayern München. Er wird sich heute vor dem Münchener Landgericht wegen Steuerhinterziehung in Millionenhöhe verantworten müssen. Kernfrage des Verfahrens im Justizpalast am Stachus ist, ob die Richter der Wirtschaftskammer Hoeneß’ Selbstanzeige von Anfang 2013 ganz oder wenigstens teilweise anerkennen.
Salbungsvolle Worte
Um eben diese Kernfrage kreiste die Diskussion bei Günther Jauch, die, kaum war die Aufregung über den Störer verklungen, von etwas salbungsvollen, natürlich aber auch berechtigten Worten Wolfgang Hubers eröffnet wurde. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland mahnte, auch eine so prominente Figur wie Uli Hoeneß müsse wie jeder andere Mensch vor einem deutschen Gericht behandelt werden - so weit, so untadelig und gut.
Interessanter wurde es durch die anderen Gäste, darunter der Reporter des „Stern“, Johannes Röhrig, dem wir die frühesten Enthüllungen im Fall Hoeneß verdanken. Noch einmal wurde nachgezeichnet, was heute vor dem Münchener Gericht Thema sein wird: Wann und wie hat Hoeneß genau von den Recherchen gegen ihn erfahren? Und ist die von ihm verfasste Selbstanzeige wirksam? Sicher scheint zu sein, dass sie, eilfertig innerhalb von wenigen Tagen verfasst, den rigorosen formalen Ansprüchen der Steuerbehörden wohl nicht genügen konnte. Dies betonte auch die Steueranwältin Simone Kempfer: „Wenn Sie einen Fehler finden möchten, dann können Sie ihn finden.“
Welche Strafe wird es geben?
Aber was wird daraus folgen? Alle Gästen, unter ihnen auch der ehemalige bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber, konnten sich darauf einigen, dass sich die Selbstanzeige als ehrliche Geste in jedem Fall mildernd auswirken wird. Aber auf welche Strafe? Da wollte sich niemand so recht festlegen.
Und das galt auch für zwei andere Fragen, die Günther Jauch aufwarf. Die erste: Die Selbstanzeige erfolgte Mitte Januar. Im März, fast zwei Monate später, fand eine Durchsuchung der Räumlichkeiten von Uli Hoeneß statt. Hatte er in dieser Zeit die Chance ungenutzt gelassen, eine formal unanfechtbare Selbstanzeige zu verfassen? Oder lag noch ganz anderes gegen ihn vor? Warum kam es sogar zu einem Haftbefehl gegen den Präsidenten des FC Bayern? Die Herren der Runde eierten einigermaßen herum, nur Simone Kempfer hatte die Courage zu der Vermutung, hier seien der Justiz womöglich die Pferde durchgegangen.
Simulation von Rhetorik
Und die zweite Frage: Wie kam es eigentlich, dass Uli Hoeneß im Amt bleiben konnte? Spitzenmanager haben Deutschland weiß Gott schon aus nichtigeren Gründen ihren Posten räumen müssen. Der Aufsichtsrat des FC Bayern aber stellte sich hinter Hoeneß. Hier richtete sich der Scheinwerfer auf Edmund Stoiber, der eben diesem Aufsichtsrat ja angehört, aber in seiner unnachahmlichen Simulation von Rhetorik dazu nichts als Dunkelheit verbreitete. An anderer Stelle freilich bezeichnete er Uli Hoeneß als „gespaltene Persönlichkeit“, der ja nach begangener Steuerhinterziehung alles getan habe, um Aufklärungsarbeit zu leisten. Worin der andere Teil dieser gespaltenen Persönlichkeit bestand - der manische Millionen-Jongleur, der Uli Hoeneß ja offenbar auch lange Zeit gewesen ist: Darauf ging er leider nicht ein.
Vielleicht bringt der Prozess die nötige Klarheit. Das Gericht rechnet mit einem Ansturm von Journalisten und Schaulustigen. 22 Justizbeamte und 150 Polizisten sollen im Einsatz sein. Die 49 Presseplätze im Gerichtssaal waren innerhalb weniger Sekunden nach Beginn der Anmeldefrist schon vergeben. Ob unter den Interessenten auch der frühe Störer in Jauchs Sendung war, ist nicht bekannt. Über ihn sagte er abschließend nur, er habe offenbar „Probleme mit seiner Wohnung“ und sei der Meinung, alle wollten ihn „verarschen“. Mehr Aufmerksamkeit wollte er ihm nicht einräumen. Er hatte auch schon genug bekommen.


