Im November 2013 waren es 801, im Dezember 754 und im Januar 2014 505 Krankentage. Der Krankenstand der fast 150 Pankower Parkraumkontrolleure ist hoch. Ihr Vorgesetzter ist Stadtrat Torsten Kühne (CDU). Er soll eine Analyse der Ursachen vorlegen – das hat die Bezirksverordnetenversammlung gefordert. Denn sie fürchtet, dass die Pankower Parkzonen nicht mehr effektiv sind, wenn nicht mehr so häufig kontrolliert wird. Die BVV verlangt außerdem ein Paket von Vorschlägen, mit denen der Krankenstand gesenkt werden kann.
Alle drei Monate soll Stadtrat Torsten Kühne (CDU) informieren, was dazu getan wurde. Den ersten Bericht hat der Stadtrat jetzt vorgelegt. Die Parkraumüberwacher seien besonderen physischen und psychischen Anforderungen ausgesetzt, so Kühne. Dazu zählen die Beleidigungen und die tätlichen Übergriffe. Letztere führen dazu, dass die Betroffenen längere Zeit ausfallen. „In der Regel ist neben dem Krankenhausaufenthalt auch eine längere psychologische Betreuung im Nachgang notwendig.“
Seit Jahresbeginn 2014 sind die Pankower Parkraumkontrolleure bereits zwölf Mal tätlich angegriffen und beleidigt worden. Es habe auch Körperverletzungen gegeben, sagt Stadtrat Kühne. In allen Fällen habe man Anzeige erstattet. „Die Aggressivität lässt nicht nach.“ Im vergangenen Jahr hatte Pankow 45 Anzeigen wegen der Übergriffe auf seine Mitarbeiter erstattet. Wegen dieser Vorkommnisse, so Kühne, seien die Kontrolleure seit Sommer 2013 immer zu zweit auf Streife. „Ein Kollege soll immer in Sicht- und Rufweite des anderen sein.“
Befragung aller Mitarbeiter
Auch in anderen Bezirken werden die Dienstkräfte der Verwaltung angegriffen. Das Bezirksamt Neukölln hat im vergangenen Jahr in 14 Fällen Strafanzeige erstattet. Drei Mitarbeiter und eine Mitarbeiterin im Außendienst seien körperlich angegriffen worden, sagt Bürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD). Es habe jedoch nur leichte Verletzungen gegeben. Die übrigen Fälle seien Beleidigungen und Bedrohungen.
Das Ordnungsamt Tempelhof-Schöneberg habe 2013 sechs Strafanträge wegen Beleidigungen und eine wegen Körperverletzung gestellt, sagt Stadtrat Oliver Schworck (SPD). 2014 sei es je eine Strafanzeige gewesen. Nicht jeder Vorfall werde zur Anzeige gebracht, so Schworck. „Es ist aber davon auszugehen, dass auch schwere verbale Angriffe täglich stattfinden.“ Im Bezirk Mitte kam es nach Auskunft von Stadtrat Carsten Spallek (CDU) 2013 zu insgesamt 16 Strafanzeigen nach Übergriffen auf Parkraumüberwacher und auf Mitarbeiter des allgemeinen Ordnungsdienstes. 2014 waren es bislang vier Beleidigungen und Bedrohungen.
Einer, der schon oft beleidigt, bedroht und angegriffen wurde, ist Siegmar Kretschmann. Seit 2010 ist er als Kontrolleur der Parkraumüberwachung in Prenzlauer Berg unterwegs. „Die Abstände zwischen den Übergriffen sind kürzer geworden“, sagt er. „Es sind hauptsächlich verbale Angriffe.“ Weniger den männlichen Kontrolleuren gegenüber. „Die Beleidigungen gegenüber unserer Kolleginnen haben extrem zugenommen.“ Da sei die Schmerzgrenze überschritten. „Dass die Betroffenen, die wir kontrollieren, so schnell entgleisen, das ist schon deprimierend.“ Doch er gehe nicht mit Angst zur Arbeit. „Weil wir immer zu zweit laufen“, sagt der 53-Jährige. „Wir können uns aufeinander verlassen. Einer steht für den anderen ein.“
Parkraumüberwacher sind unbewaffnet
In Pankow hat nun eine Untersuchung begonnen, wie das Ordnungsamt organisiert ist. Die Belastungen der Parkraumkontrolleure und der anderen Beschäftigten im Außendienst werden im Detail analysiert. Außerdem wird es eine Befragung der Mitarbeiter geben. „Die Fragebögen sind schon entwickelt“, sagt Stadtrat Kühne. Personalgespräche werden geführt. Die Ergebnisse sollen im Juli 2014 vorliegen und in einer Mitarbeiterversammlung ausgewertet werden.
„Die Untersuchung ist nur zu begrüßen“, sagt Wolfram Kempe (Linke), Vorsitzender des Pankower Ausschusses für Verkehr und öffentliche Ordnung. „Es gibt wahrscheinlich nicht nur eine Ursache.“ Stadtrat Kühne hat sich auch die Krankenkassen seiner Mitarbeiter gewandt, weil sie eigene Programme für die Gesundheitsprävention anbieten. Eine Kasse habe sich schon zur Zusammenarbeit bereiterklärt. Geplant ist außerdem eine Schulung der Parkraumkontrolleure, wie sie in Konfliktsituationen reagieren und mit Übergriffen umgehen können.
Dieses Training habe die Polizeigewerkschaft angeboten. „Das soll noch im ersten Halbjahr 2014 realisiert werden.“ Gerade die Parkraumüberwacher hätten keinerlei Bewaffnung, so der Stadtrat. „Kein Pfefferspray, kein Schlagstock, nichts. Sie sind auf ihre verbalen Fähigkeiten angewiesen, um das erhitzte Gemüt eines Autofahrers wieder abzukühlen.“ Auch Kurse bei der Verwaltungsakademie seien vorgesehen, „aber dafür müsste es ein größeres Angebot bei der Akademie geben. Wir haben 150 Mitarbeiter, die teilnehmen sollen.“
Kurse zu Deeskalation und Selbstverteidigung
Auch die anderen Bezirke regen ihre Mitarbeiter an, an diesen Kursen teilzunehmen. Und mehr als das. Tempelhof-Schöneberg bietet seien Beschäftigten zusätzliche Schulungen für eine bessere Kommunikation mit den Bürgern und für Bewältigung von Konfliktsituationen. Im Ordnungsamt Neukölln sind die Mitarbeiter des allgemeinen Ordnungsdienstes verpflichtet, alle zwei Wochen am Dienstsport teilzunehmen, den ein Polizeitrainer leitet. Waffenlose Selbstverteidigung wird trainiert, Strategien zur Deeskalation werden erarbeitet und eingeübt.
Im Ordnungsamt Mitte können sich die Beschäftigten mittlerweile einmal wöchentlich in Abwehrtechniken schulen lassen, von einem Trainer aus den eigenen Reihen. Sie können Deeskalationskurse besuchen und Entspannungstechniken lernen. Eine Schulung im Umgang mit aggressiven Hunden wurde bereits absolviert.
Im Zusammenhang mit den Übergriffen schlägt Pankows Stadtrat Torsten Kühne außerdem eine berlinweite Kampagne für mehr Respekt vor. „Denn nicht nur das Ordnungsamt ist betroffen, sondern alle Dienstkräfte, die in Uniform auf der Straße unterwegs sind.“





