Sie sind gehören zu denen, die auf der Straße für Recht und Ordnung sorgen: Die beiden Berliner Streifenpolizisten, die die Berliner Morgenpost für eine Nacht durch die City West begleitet hat. Ihr Revier ist gerade einmal vier Quadratkilometer groß – es ist aber ein Revier, das es in sich hat. Tagsüber hätten sie vor allem mit Dieben und Unfällen zu tun, sagen die beiden Männer. Und nachts? Mit Raub, Schlägereien und Gewalt. Eine Reportage.

23.10 Uhr Eben wurde noch über die Harley Davidson gesprochen und die Orte, an denen gewalttätige Türsteher Gewichte stemmen. Plötzlich ist das vergessen. Ein roter Audi A4 wurde im Stadtgebiet gesichtet. Auffällig die Fahrweise, Schlangenlinie, der Fahrer muss volltrunken sein. Streifenpolizist Patrick* tritt aufs Gaspedal, Teampartner Chriss* hält Kontakt zur Leitstelle.

23.20 Uhr Das ist die Zeit der Alkoholsünder, auch in dieser Nacht zum Sonntag. Auf der Stadtautobahn soll der Audifahrer unterwegs sein, Fahrtrichtung Nord, also Tegel. Die Polizisten kennen die Gegend. Die Otto-Suhr-Allee geht es hoch Richtung Stadtautobahn. Andere Streifen melden sich per Funk, Patrick und Chriss wollen an der A115, Abfahrtstelle Hohenzollerndamm, warten. Dann ein Funkspruch. Kein Sichtkontakt mehr. „Mist“, sagt Patrick. „Der semmelt durch die Stadt und gefährdet Menschen. Den hätte ich gern gekriegt.“

Die beiden Polizeikommissare gehören zur Mannschaft des Abschnitts 25 an der Bismarckstraße. Patrick ist der Ältere, 47 Jahre alt, verheiratet. Chriss, 23 Jahre jünger, ledig. Vier Quadratkilometer ist das Einsatzgebiet groß, in sechs Minuten kann man es durchqueren. „Womit habt ihr es am meisten zu tun?“, wollen die Reporter wissen. „Am Tag mit Dieben und Unfällen. Nachts mit Raubtaten, Schlägereien, häuslicher Gewalt.“

In weniger als vier Minuten vor Ort

23.43 Uhr An der Davoser Straße wurde ein Alarm ausgelöst. Einbrecher könnten noch in der Wohnung sein. Ein Mieter von gegenüber berichtet, Licht zu sehen. Und einen Mann in den Räumen. Vorsicht ist geboten. Mehrere Einsatzwagen werden zum Ort geschickt. „Passt auf euch auf“, sagt Patrick, der weiß, wovon er spricht. Einmal wurde er bei einem Einsatz lebensgefährlich verletzt. Aber davon will er später erzählen. Jetzt sei es zu ernst. Binnen weniger Minuten sind vier Wagen am Ort, die Beamten laufen mit gezückten Waffen zu der genannten Wohnung.

„Drüben rechts“, ruft eine Frau aus einem Fenster, und Patrick entdeckt einen großen Mann mit Hund, Chriss sichert. Das Tier zerrt an seiner Leine, Patrick fordert den Hundebesitzer auf, das Tier enger zu nehmen, sich auszuweisen. Es ist der Mieter der Räume, der Alarm war ein Fehlalarm. „Mann, seid ihr schnell“, sagt der Mieter des Büros, in dem das Sicherheitssystem verrückt spielte und der nach dem Rechten sehen wollte. Patrick hat die Waffe wieder ins Holster gesteckt und krault dem großen schwarzen Hund die Ohren.

Es gibt Tage, die kann man nicht vergessen

0.18 Uhr Wieder wird ein Betrunkener gesucht. Der soll an der Pallasstraße in Schöneberg einen Unfall verursacht haben. Richtung Innenstadt sei er unterwegs, der Gesuchte soll in einem Firmen-Renault einer Glaserei sitzen. Patrick gibt Gas, Richtung Hohenstaufenstraße, da sei der Wagen gesehen worden. „Jetzt müssen wir schnell sein“, sagt Chriss. „Wenn der betrunken in ein anderes Auto rast, kann es Tote geben.“ „Hab ihn“, ruft Patrick und stellt seinen Wagen an der Kreuzung zur Martin-Luther-Straße quer. Die Beamten springen heraus, holen den Mann aus dem Wagen, Kollegen treffen ein, die Lage beruhigt sich. Der Fall ist schnell geklärt, weil einer der Polizisten Türkisch spricht. Der betrunkene Autofahrer stammt aus der Türkei.

Nach dem Genuss von Wodka und Bier hatte er mit dem Wagen seines Chefs eine Spritztour gemacht. In Schöneberg rammte er einen teuren Mercedes und flüchtete. Sein Chef erscheint wenig später mit seiner Frau – und der geballten Faust in der Hosentasche. Er will auf seinen Mitarbeiter losgehen, die Beamten schlichten. Der Fahrer kommt zur Gefangenensammelstelle, Bluttest. „Leider“, so erzählt Patrick später, „sind wir nicht immer rechtzeitig da, um Menschen retten können.“ Die beiden Beamten, die auch privat zusammen unterwegs sind, haben im vergangenen Jahr eine Frau reanimiert, die überfahren wurde und auf dem Kudamm lag. Der 14. Februar war es, den Tag werden sie nie vergessen. „Wir hatten sie zurückgeholt und der Feuerwehr übergeben. Als wir die blutverschmierten Sachen beim Abschnitt wechseln wollten, kam die Nachricht, dass sie gestorben ist.“

Immer wieder gibt es Fehlalarm

1.30 Uhr Ein Anrufer meldet einen Hausfriedensbruch bei McDonald’s am Bahnhof Zoo. Angestellte und Nachtschwärmer schauen ängstlich, als die Beamten in die Geschäftsräume kommen. „Haben Sie Probleme?“, fragt Chriss die verdutzte Kassierin. „Nein, hier ist alles in Ordnung.“ Fehlalarm. Mal wieder.

2.30 Uhr In einem Club an der Joachimstaler Straße gibt es Streit zwischen Türstehern und einem Kunden. Der kann kaum noch stehen, ist betrunken, habe aber in dem Lokal nichts konsumiert. Er will nicht zahlen. Zeugen haben ihn aber trinken sehen. Geld hat er nicht. Stur ist er, frech zu den Beamten. Die bleiben cool und schreiben eine Anzeige wegen Zechbetruges.

3 Uhr Die Polizisten fahren zurück zum Abschnitt: Berichte schreiben.

4.10 Uhr Großeinsatz. Eine türkische Frau meldet aus der Wiesbadener Straße, dass ihr Bruder aggressiv und bekifft sei und ihre Wohnungstür eintreten wolle. Patrick und Chriss sind mit die ersten am Ort, stürmen die Treppen hinauf, sechs Kollegen folgen. Chriss hält einen Einsatzschild in der Hand, um den Täter damit in den engen Hausaufgängen in Schach halten zu können. Doch die Frau hat zu lange mit dem Anruf gewartet, der Mann ist entkommen.

Bierflasche gegen geparktes Auto gekickt

5.18 Uhr Wieder gibt es Stress im Club an der Joachimstaler Straße. Ein Betrunkener hat eine Bierflasche gegen ein geparktes Auto gekickt. Das gehört dem Türsteher. Es gibt Streit, der Kicker leidet unter Asthma, bricht zusammen. Die Feuerwehr muss kommen.

6 Uhr Dienstschluss. Patrick ist müde, aber fröhlich. „Ich freu’ mich auf die nächste Schicht mit Chriss.“ Ein Wunder. Am 14. Dezember 2008 wurde er bei einer Wohnungsdurchsuchung von einem Mann niedergestochen. Die Klinge durchbohrte seine Hand. Traf viermal den Oberkörper, ein Lungenflügel fiel in sich zusammen. Not-OP. Der Täter wurde später freigesprochen, weil Richter und Staatsanwalt der Meinung waren, dass der Mann sich nur verteidigen wollte, als die Polizei bei ihm eindrang. „Deswegen stelle ich aber meinen Beruf nicht in Frage, was Chriss?“ Der junge Beamte grinst entschlossen. „Bis Mittwoch, zum Frühdienst.“ Verbrecher jagen.

* Die Nachnamen der Beamten werden zum Schutz der Identität nicht veröffentlicht