Erstmals seit dem Jahr 2005 wurde in Berlin wieder die 500.000-Straftaten-Marke überschritten. Genau 503.165 Straftaten zählte die Berliner Polizei vergangenes Jahr. Aussagekräftiger als diese Zahl allein sind jedoch zwei deutliche Trends, die in der am Montag von Polizeipräsident Klaus Kandt und Innensenator Frank Henkel (CDU) vorgestellten Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) für 2013 zutage treten.

Die Zahl der Rohheitsdelikte, etwa Raub und Körperverletzungen sowie Mord und Totschlag, ist rückläufig. Drastisch zugenommen hat aber die Menge der Eigentumsdelikte, allen voran Taschen- und Autodiebstähle. Die Zahl der Diebstähle machte fast die Hälfte aller Straftaten in Berlin aus.

Polizeipräsenz wurde erhöht

„Die PKS enthält einige Erfolge, aber auch deutliche Arbeitsaufträge für die Polizei“, sagte Henkel. Besonders den Rückgang der Gewalttaten wertete der Senator als Bestätigung seiner Schwerpunktsetzung gemeinsam mit der Polizei. „Berlin ist in diesem Bereich entschieden sicherer geworden“, so Henkel. Nach dem gewaltsamen Tod von Jonny K. am Alexanderplatz und der Debatte über mangelnde öffentliche Sicherheit in Berlin hatte Henkel angekündigt, den Kampf gegen Gewalt zu verstärken. So wurde etwa auf dem Platz die Polizeipräsenz erhöht. Im Nahverkehr gibt es inzwischen gemeinsame Streifendienste von BVG und Polizei.

Tatsächlich zählt die Statistik insgesamt 41.795 Fälle von Körperverletzung, ein Minus von 1,6 Prozent im Vergleich zu 2012. Das hohe Niveau ist in den vergangenen zehn Jahren jedoch stabil, eine Trendwende zeigen die Zahlen noch nicht. Interessant ist aber, dass der Rückgang gerade bei Gewalttaten in der Öffentlichkeit auf Straßen und Plätzen mit minus 13,5 Prozent auf 3.611 Fälle vergleichsweise groß ist.

Auch in Bussen und Bahnen ging die registrierte Gewalt um 1,7 Prozent auf 4.265 Fälle zurück. Die positive Tendenz zeigt sich auch bei Raub (6.222 Fälle, minus 3,1 Prozent) und Sexualdelikten (2.628 Fälle, minus 6,6 Prozent). Bei Mord und Totschlag zählte die Polizei mit 106 Fällen sogar einen Rückgang um 27,9 Prozent – 43-mal endete die Tat dabei tödlich, in den übrigen Fällen blieb es beim Versuch.

Einbrüche gehen gegen bundesweiten Trend zurück

Hinter verschlossenen Türen, innerhalb von Familien, scheint die Brutalität in Berlin jedoch eher zuzunehmen. 15.971 Fälle von häuslicher Gewalt wurden vergangenes Jahr angezeigt, ein Plus von 1,1 Prozent – rund zwei Drittel der Fälle waren Körperverletzungen. Auch Straftaten nach dem Gewaltschutzgesetz, also etwa Stalking, gab es 2013 mehr (1.050 Fälle, plus 8,4 Prozent). Außerdem registrierte die Polizei 520 Kindesmisshandlungen, ein Anstieg um 4,2 Prozent.

Zu den Erfolgen zählte der Innensenator auch, dass die Hauptstadt es gegen den deutschlandweiten Trend geschafft habe, die Zahl der Einbrüche nach dem rasanten Anstieg der zurückliegenden Jahre wieder zu drücken. Vergangenes Jahr ergriffene Maßnahmen wie gemeinsame Ermittlungsgruppen mit Brandenburg, bessere Spurensicherung oder mehr Fahnder für die Einbruchskommissariate würden Wirkung zeigen, sagte Kandt. Er betonte jedoch auch, die Polizei sei „mit dem Thema Einbruch lange nicht fertig“.

Denn der Blick auf die Zahlen beim Einbruch zeigt ein anhaltend hohes Niveau. 2012 und 2013 gab es in Berlin Höhepunkte bei der Einbruchsstatistik. Im Vergleich zu 2004 hatte sich der Wert 2012 verdoppelt (12.291 Fälle), nun liegt er leicht darunter (11.566 Fälle). Allerdings ist der Rückgang allein auf Einbrüche in Wohnungen zurückzuführen, hier zählte die Polizei 8.971 Fälle, ein Minus von 8,2 Prozent. Bei den Einfamilienhäusern dagegen gab es wieder einen Anstieg um 2,9 Prozent auf 2.595 Fälle – den höchsten Wert der letzten Jahre.

Taschendiebe sind oft noch Kinder

226.279-mal wurde 2013 ein Diebstahl bei der Polizei angezeigt. Das allein ist schon ein Plus von mehr als sechs Prozent gegenüber 2012. Den größten Anteil an dieser Zahl haben aber nicht die Einbrüche, sondern die Diebstähle aus Autos. 60 Wagen werden laut Kandt in Berlin jeden Tag aufgebrochen, hinzu kommen Diebstähle am Auto – entwendete Reifen, Antennen, Spiegel. 36.034 Fälle kamen zusammen, plus 16,8 Prozent. „Hier sehe ich einen neuen Schwerpunkt für unsere Arbeit“, sagte Kandt und versprach mehr Polizeipräsenz und Prävention. Wie berichtet haben es die Täter besonders auf Navigationsgeräte abgesehen. 6.659-mal stahlen sie jedoch vergangenes Jahr gleich das ganze Auto (plus 15,6 Prozent).

Als „gravierend“ bezeichnete der Polizeichef die Entwicklung beim Taschendiebstahl. 20.794 Fälle, ein Plus von 15,7 Prozent und eine Aufklärungsquote von nur 3,6 Prozent sprechen für sich. Die Verfolgung der Straftäter sei für die Polizei sehr schwierig, weil es sich ebenso wie bei Einbrüchen häufig um „reisende Täter“ handele, sagte Kandt.

Diese ziehen organisiert von Stadt zu Stadt und sind oft schon fort, wenn die Polizei Ermittlungen aufnimmt. Bei den nur 659 gefassten Taschendieben hatte fast jeder Dritte einen rumänischen Pass, jeder zehnte einen bulgarischen. Dramatisch: Der Anteil der Kinder und Jugendlichen unter ihnen lag bei 17,3 Prozent. Henkel verwies in dem Zusammenhang auf die Zusammenarbeit mit rumänischen und bulgarischen Behörden, die derzeit intensiviert werde.

Zehn Prozent mehr politisch motivierte Taten

Kandt kündigte an, die Bereitschaftspolizei werde künftig gezielter zur Bekämpfung der Straßenkriminalität eingesetzt. 200.000 zusätzliche Arbeitsstunden zur Unterstützung der Polizeiabschnitte soll sie absolvieren. Bisher seien freie Kapazitäten „spontan und individuell“ eingesetzt worden, nun sollen die Hundertschaften Schwerpunkte setzen.

Mehr Diebstähle und weniger Gewalttaten machen sich auch in der Aufklärungsquote bemerkbar. Liegt etwa bei Mord und Totschlag die Quote bei fast 90 Prozent und bei Raubtaten noch bei fast 35 Prozent, ist sie bei Diebstahl gering. Nur 4,2 Prozent der Diebstähle aus Autos und 7,3 Prozent der Einbrüche wurden aufgeklärt. So kommt es, dass die Quote insgesamt um einen Prozentpunkt auf 43,7 Prozent sank.

Auch die Daten zur politisch motivierten Kriminalität gaben Kandt und Henkel am Montag bekannt. Im Jahr der Bundestagswahl mit 4.500 Demonstrationen und anhaltenden Debatten über Gentrifizierung und Flüchtlingspolitik wurden mit 3.091 Fällen zehn Prozent mehr politische Straftaten gezählt als 2012. 1.361 Taten werden Rechtsextremisten zugeordnet, 1.023 Fälle dem linken Spektrum.