Deutschland machte Ernst. Oder besser – in Deutschland wurde es ernst. Die Fußball-WM im eigenen Land stand kurz bevor, und im Internet verbreiteten Hooligans, dass sie Deutschland auseinandernehmen wollten. Dass es ihnen um die dritte Halbzeit ging, wie man das in diesen Kreisen nennt, die Zeit nach dem Spiel. Wenn die Abdreher den Kampf mit dem Gegner suchen, dem Fan des rivalisierenden Clubs und der Polizei. Dafür erbeuten die Schläger bei Auseinandersetzungen behördliches Pfefferspray und reiben sich damit sukzessive die Augen ein, damit sie weniger anfällig sind, wenn die Polizei sie damit „einjaucht“, wie es wiederum im Polizeijargon heißt.

Gerade hatten in Berlin Hooligans Angehörige einer Polizeihundertschaft in Unterzahl angegriffen und zusammengeschlagen. Wenige Wochen später war eine Fete von Fußballfans in einem Lokal an der Frankfurter Allee im Ostteil der Stadt geplant. Es wurde mit vielen Gästen gerechnet, harten Fans aus ganz Europa. Und die Polizei wollte zeigen, dass sie sich solcher Phänomene erwehren kann. Ich bekam einen Tipp im Vorfeld und war mit einem Kollegen vor Ort. Gegen 23 Uhr sollte der Zugriff erfolgen. Mehr als 200 SEK-Beamte – ein Wahnsinns-Aufgebot – sollten den Laden stürmen und zeigen, dass sich die Staatsmacht nicht von Hooligans vorführen ließ.

Hooligans mit tätowierten Waden und Unterarmen

Es war nicht kalt an diesem Tag, und ich saß mit meinem Kollegen in einem türkischen Bistro unweit der Diskothek, die wenig später zum Schauplatz eines im Nachhinein höchst umstrittenen Polizeieinsatzes werden sollte. Es regnete, Hooligans mit tätowierten Waden und Unterarmen, in Shorts und Fred-Perry-Shirts strömten zum Eingang, um an der Party teilzunehmen. „Wenn ihr wüsstet, was euch gleich blüht“, dachte ich bei mir. Ich rief einen Polizisten an und fragte, wann es denn nun losgehen würde.

„Sind auf dem Weg, es fahren gleich zwei Busse vor.“

Ich stand auf und informierte meinen Kollegen. Dann sah ich die beiden Fahrzeuge der BVG. Für die vor der Tür stehenden Gäste und auch für den Türsteher handelte es sich dem Anschein nach um normale Linienbusse. Sie stoppten direkt vor dem Haupteingang, dann öffneten sich die Türen, und 200 SEK-Männer aus Brandenburg, Niedersachsen und Berlin stürmten den Club. Es schepperte überall, Männer schrien, Frauen kreischten, Polizisten brüllten Befehle. Dann irgendwann war Ruhe.

Es roch nach verschüttetem Bier und Whisky-Cola

Der Einsatzleiter kam, und ich erbat Einlass. Er verwehrte ihn. Der Clubinhaber allerdings hatte das Hausrecht, und er erlaubte mir und meinem Kollegen, das Lokal zu betreten. Es war ruhig auf den Fluren und in den Räumen. Tische waren zum Teil umgekippt, ebenso Stühle. Zerbrochene Gläser lagen auf dem Boden, es roch nach verschüttetem Bier und Whisky-Cola. Überall standen vermummte Polizisten herum, und tätowierte Männer lagen gefesselt am Boden oder saßen in Reihe an der Wand. Einige machten ihrem Unmut Luft, andere hatten sich ihrem Schicksal ergeben. Sanitäter versorgten Platzwunden, es sah aus, als sei das Blut literweise ausgekippt worden.

Nach und nach wurden die Hooligans ins Freie geführt, Personalien aufgenommen, Verdächtige befragt. Ein verletzter Mann mit Glatze saß auf einem Stuhl, Blut lief von seinem Kopf auf sein Shirt, und ein SEK-Beamter betupfte die Wunde. Es war ein harter Einsatz gewesen, aber ich verstand immer noch nicht ganz, worum es gegangen war. Die Staatsmacht lässt ein Lokal stürmen, aber mit welchem Ziel? Es wurde nicht nach Waffen gesucht. Es ging dem Anschein nach auch nicht darum, einen bestimmten Straftäter zu fassen. Ich hatte den Eindruck, dass die Elite-Polizisten schlicht benutzt wurden, um mit den Säbeln zu rasseln.

Andererseits sind diese gewaltbereiten Hooligans eine Gefahr für Leib und Leben normaler Fußballbegeisterter und Polizisten. In Anbetracht der Tatsache, dass die WM vor der Tür stand und niemand Szenen wie in Frankreich haben wollte, wo ein Polizist beinahe zu Tode geprügelt wurde, wo Autos brannten und sich ganze Straßenzüge in Qualm und Tränengas verdunkelten, beschloss ich, den Einsatz richtig zu finden. Als klares Signal an die Szene: Das machen wir jeden Tag mit euch, wenn ihr euch nicht benehmt. Ich schrieb einen entsprechenden Kommentar, das Foto von dem blutenden Glatzkopf und dem SEK-Mann, das mein Kollege geschossen hatte, verkaufte unsere Zeitung an andere Medien. Es wurde zum Symbol dieses Einsatzes. Wir waren die Einzigen gewesen, die den Tipp bekommen hatten und so dokumentieren konnten.

Schnell gab es aber Kritik am Vorgehen der Polizei. Unverhältnismäßig sei der Einsatz gewesen, zu brutal, überzogen. Die Polizei argumentierte dagegen, die Hooligans hätten massiven Widerstand geleistet, und schließlich habe man es mit den schlimmsten Fußballfans Europas zu tun gehabt. Wir fanden heraus, dass es keinen Widerstand gegeben hatte. Dass dies auch gar nicht möglich gewesen war, denn eine solche Übermacht von Elite-Polizisten lässt keinen Widerstand zu. In einer Pressekonferenz berichtigte der Polizeipräsident schließlich die erste Darstellung und gab – es müssen intern viele Gespräche geführt worden sein – bekannt, dass es keinen massiven Widerstand gegeben hatte. Und dass der Einsatz ausgewertet werde. In der Folge wurde für die SEK-Beamten, die ob ihres gefährlichen Berufs einen Identitätsschutz in Form einer Sturmhaube haben und die Einsatzberichte mit einer Nummer unterzeichnen statt mit dem echten Namen, eine Erkennung eingeführt. An den Masken und den Helmen sind nun Nummern angebracht, damit der Beamte identifiziert werden kann, wenn er zu weit gehen sollte.

Sie fühlen sich ausgenutzt

Bei diesem Einsatz die Schuld beim SEK zu suchen scheint mir allerdings fraglich. Ich erfuhr Wochen später aus SEK-Kreisen, dass in Vorbesprechungen gesagt worden war, dass man es mit den gefährlichsten Fußballfans aus ganz Europa zu tun haben werde, dass man mit Verlusten rechnen müsse, mit Verletzungen am eigenen Leib und bei den Teampartnern. Die Männer haben ihren Job gemacht, und einige sagten später beim Bier, dass sie sich ausgenutzt fühlten.

Immer wieder gibt es Berichte über schiefgelaufene Einsätze. „SEK stürmt falsche Wohnung“, hieß es beispielsweise einmal. In einem anderen Blatt war das Foto eines schwer bewaffneten und maskierten Beamten zu sehen, daneben stand geschrieben: „Möchten Sie von diesem Mann geweckt werden?“

Was war passiert? Ein Zeuge hatte die Polizei alarmiert, weil er meinte, Schüsse gehört zu haben. Die seien von einem Balkon eines Mehrfamilienhauses im Ostteil der Stadt abgefeuert worden. Die Polizei kam, und tatsächlich sahen die beiden Beamten der Streifenwagenbesatzung ein Aufblitzen hinter der Brüstung des Balkons. Der Schütze selbst war nicht zu erkennen, es war dunkel. Sobald Schusswaffen im Spiel sind, wird das SEK gerufen, weil diese Leute für solche Einsätze ausgebildet sind, schussfeste Eisenschilde haben und ballistische Helme mit schussfesten Visieren. Die Elite-Polizisten kamen also, und die zuerst eingetroffenen Kollegen zeigten ihnen die Wohnung, die dem Schützen zugeordnet wurde. So läuft der Job, denn genau genommen sind diese Polizisten Dienstleister. Der Chef des Drogendezernats ordnet einen Zugriff an, die Jungs gehen rein, überwältigen den oder die Täter und fahren wieder ab.

Silvesterknaller statt Schüsse

So war es auch in dieser Nacht. Nur dass das SEK keinen Schützen antraf, nachdem sie die Tür „eingehackt“ hatten, sondern einen Rentner in Trainingshose und weißem Unterhemd, der vor dem Fernseher eingeschlafen war. Er hatte nicht geschossen, er hätte nicht einmal eine Waffe gehabt. Später stellte sich heraus, dass zwei Jugendliche einige Balkone darüber kleine Silvesterknaller angezündet und fallen gelassen hatten. Wegen der kurzen Zündschnur explodierten diese „Piepmanschen“ genau auf der Höhe des Balkons des später überwältigten Rentners. Dass der Mann keinen Herzinfarkt bekam, als das Team bei ihm einrückte, ist ein Wunder.

Es sind genau diese Hintergrundformationen, die die Polizeiführung in Berlin den Journalisten früher nicht gegönnt hat. Nun gibt es einen neuen Mann an der Spitze, der die Arbeit seiner Leute transparenter handhabt. Aber vor einigen Jahren noch achtete die Polizeiführung genau darauf, was an die Presse dringt und wer da nachgeholfen haben könnte.

Drei Nächte lang begleiteten ich und mein Fotografenkollege und Freund Sergej einmal einen Polizisten in einer der schlimmsten Ecken Berlins: Abschnitt Pankstraße. Dort herrscht Theater, jeden Tag. Araber-Banden kämpfen gegen Türken-Banden, Dealer in den U-Bahnen, pöbelnde Junkies auf den Treppen zu den Bahnsteigen. Hintergrund der Reportage war das Phänomen „Gefangenenbefreiung“, also der Versuch von Angehörigen zumeist türkischer und arabischer Straftäter, diese nach der Festnahme durch die Polizei „zu retten“. Wie andernorts beschrieben, können da schon mal schnell 30, 40 Männer zusammenkommen. Und nicht selten klappt es. Die Polizeiführung reagiert immer sehr säuerlich, wenn Polizisten hinter vorgehaltener Hand oder bei den Gewerkschaften von rechtsfreien Räumen sprechen, in die sich eine Streifenwagenbesatzung allein nicht hineintraut. Aber es gibt diese Gebiete. Es gibt sie, weil das Personal bei der Polizei in der Hauptstadt zusammengespart wurde und ganz einfach zu wenige Beamte auf den Straßen unterwegs sind. Mal ehrlich, würden Sie als Polizist zu zweit versuchen, eine Schlägerei zwischen 80 Arabern zu schlichten? Das wäre dumm. Und die Schlägerei verhindern würde es auch nicht. Also wartet man. Und geht zur Gewerkschaft oder wendet sich an die Presse.

Polizistinnen bekommen schon mal das Wort „Fotze“ zu hören

Es war der berühmte Vorführeffekt, denn eine Gefangenenbefreiung gab es in diesen drei Nächten nicht. Dafür erhielten wir einen Einblick in die alltägliche Arbeit der Polizei. Ich will hier jetzt keinen Heldengesang auf die Ordnungshüter anstimmen, aber es ist schon verstörend anzusehen, was die Männer und Frauen da jede Nacht machen. Sie sind in Unterzahl, um sie herum nur aufgebrachte Mengen. Ständig rotzt einem einer vor die Füße und schwört, dich zu töten. Als Polizistin ist es besonders unangenehm in diesen Gebieten, in denen sich Männer nur höchst ungern etwas von einer Frau sagen lassen und Polizistinnen schon mal ein „Fotze“ oder „Hure“ zu hören bekommen. In diesen drei Tagen trug selbst der Pressesprecher der Polizei, der uns begleitete, eine kugelsichere Weste, Handschellen und Pistole.

Der Beamte, auf dem der Fokus der Geschichte lag, war klasse. Groß, nett, gebildet. Er hatte im Ausland hospitiert, sprach mehrere Sprachen, war Kickboxer und verschlang Bücher. Sergej und ich waren dabei, als er mit einem Kollegen einen Streit zwischen zwei Großfamilien schlichtete, als er Dealer in der U-Bahn stellte und überwältigte, die Messer bei sich hatten, als er einen Unfall aufnahm und anschließend die Scherben von der Kreuzung fegte, ein ausgebüxtes Kind zu seinen Eltern brachte und in eine Wohnung eindrang, in der ein toter Messi liegen sollte. Den Geruch in dieser Wohnung werde ich niemals vergessen, auch nicht die im wahrsten Sinne des Wortes meterhohen Müllberge, in denen der Beamte nach der Leiche suchte.

Die Männer vom SEK haben einen harten und sehr gefährlichen Beruf, aber wenn man ehrlich ist, wissen sie fast immer, was auf sie zukommt. Wenn sich der Geiselnehmer in der Bank verschanzt hat, kommt der Anruf. Oder es wird am Tag vor einem Einsatz besprochen, dass es gegen Rocker geht oder dass ein führendes Mitglied der Mafia gestellt werden soll. Die Männer und Frauen aus den Streifenwagen wissen nicht, was sie erwartet. Sie werden zu einer „häuslichen Gewalt“ gerufen, weil Nachbarn mit anhören, wie eine Frau von ihrem Mann verprügelt wird, und wenn sie an die Tür klopfen, schauen sie womöglich in die Mündung einer Schrotflinte.

Der Tag, an dem er um sein Leben kämpfte

Der Polizist aus der Pankstraße ist diesem Risiko jeden Tag ausgesetzt. Aber er hält seinen Job für wichtig, deswegen betreibt er ihn ernsthaft – und konsequent. Im Pausenraum, wo die Beamten an alten Tischen und auf zu Hause ausrangierten Sofas bei einer halben Stunde Fernsehen ihre Stullen oder den Eintopf von Muttern aus der Tupper-Dose essen, erzählte er uns von dem Tag, „an dem er einfach um sein Leben kämpfte“. Er und ein Kollege in Zivil wollten Dealer im Bahnhof stellen, als diese sich formierten, ihre Gürtel aus den Hosen zogen, das Leder um die Fäuste wickelten und mit den schweren Schnallen auf die beiden Polizisten losgingen, Steine aus dem Gleisbett holten und auf die Familienväter schleuderten. Er erzählte, wie er – ausgebildeter Vollkontakt-Kickboxer – gegen mehrere Männer kämpfte und seinen Kollegen aus den Augen verlor, wie er um dessen Leben fürchtete, während er selbst Schläge austeilte und einsteckte. Und wie er verletzt zurückblieb, als die Dealer schließlich wegrannten, und von dem Gefühl der Rührung, als er seinen Kollegen fand, ebenfalls verletzt, aber am Leben.

Sergej hatte viele beeindruckende Fotos in diesen drei Nächten gemacht, und ich schrieb die Geschichte des Mannes auf. Ich bekam viel Zuspruch aus Polizeikreisen, der Vorgesetzte des Beamten bedankte sich. Und auch viele Leser wandten sich an uns, dankten für diesen Einblick. Manche wollten gar wissen, wo die Jungs genau Dienst schieben, um ihnen mal einen Kuchen zu bringen. Den dürften die Polizisten allerdings nicht annehmen, weil es ein „geldwerter Vorteil“ wäre. Deutschland spinnt.

Wäre ich Polizeipräsident gewesen und hätte gelesen, was meine Leute da nachts durchzustehen haben, ich wäre selbst mit Kuchen zu der Wache gefahren und hätte sie eine Nacht lang begleitet. Die damalige Polizeiführung jedoch reagierte anders. Wie man mir erzählte, musste der unmittelbare Vorgesetzte alle Einsatzberichte aus der Vergangenheit des Beamten heraussuchen, die in meinem Artikel erwähnt wurden. Und habe der Polizist auch nur einmal übertrieben, würde er disziplinarischen Ärger bekommen. Berlin ist arm, aber sexy. Und hat einen Maulkorb um.

Michael Behrendt: Vertuscht, verraten, im Stich gelassen. Ein Polizeireporter deckt auf. Piper, 238 S., 9,99 Euro.