Als Erstes räumt er mit einem Klischee auf. Der Architekt ist Steinmetzsohn, also setzt er auf Stein. Nein! So platt will Max Dudler seine Architektur vor dem Hintergrund seiner Herkunft nicht eingeordnet wissen. Auch, wenn sein Vater wie der des berühmten Kollegen Ludwig Mies van der Rohe Steinmetz war. Und auch, wenn Dudler als Vertreter eines soliden Rationalismus oft klare Kante zeigt. Und dafür eben gern Naturstein nutzt. Schon wegen der Ästhetik und der Nachhaltigkeit. Aber das gehe auch mit anderen Materialien, sagt Dudler.

„Schauen Sie sich das Umspannwerk am Lützowplatz an, mein erstes Projekt in Berlin. Das steht jetzt schon mehr als 25 Jahre wie eine Eins da und ist noch immer zeitlos“, sagt der 64-jährige Dudler spürbar stolz. Die zwei Baukörper haben unterschiedliche Fassaden – eine aus Ziegelstein, die andere aus Metallplatten. Von wegen nur steinern. So festgelegt zu werden, das passt Dudler ganz offensichtlich nicht. „Ich gehe immer vom Ort aus“, beschreibt er die Herangehensweise bei seinen Entwürfen. Schließlich habe er auch Hochhäuser gebaut aus Stahl und Glas, betont der Architekt, der bei Oswald Mathias Ungers in den 80er-Jahren Leiter mehrerer Projekte für die Messe Frankfurt war.

Auch das „Neue Berlin“ der frühen Nachwendezeit hat der gebürtige Schweizer Dudler mit seinen Bauten in Mitte wie dem BEWAG-Geschäftshaus am Gendarmenmarkt oder dem „Block 208“, einem Wohnhaus an der Behrenstraße, geprägt. Mit Rasterfassaden, Strenge und Klarheit. Kritiker sprechen zuweilen von Monumentalismus und Monotonie. Das lässt ihn kalt. Dass seine ums Dauerhafte bemühten Bauten nicht nur auf ungeteilte Zustimmung stoßen, störe ihn nicht, versichert Dudler beim Gespräch in seinem Kreuzberger Büro.

Ausgerechnet sein kleinstes Berlin-Projekt findet jedenfalls täglich großen Zuspruch. Dudler gestaltete 1995 bis 1996 die Innenräume des italienischen Restaurants „Sale e Tabacchi“ an der Kreuzberger Kochstraße (heute Rudi-Dutschke-Straße) – edel, schlicht und großstädtisch. Aber auch die gebaute Zukunft der Hauptstadt wird Züge Dudlers Handschrift tragen: Sein Berliner Büro gewann im Frühjahr 2013 den ersten Preis für ein Projekt mit etwa 250 Eigentumswohnungen in der neuen Europacity am Hauptbahnhof. Die Arbeiten sollen dieses Jahr beginnen.

Ein Sternenhimmel mittels Tausender LED-Leuchten

Schon fertig ist der Rohbau für den neuen U-Bahnhof Museumsinsel in Mitte. Dort bringt der Schweizer unter anderem den Himmel über Berlin unter die Erde – einen Sternenhimmel dank 5600 LED-Leuchten, die in das tiefblaue Halbrund des Deckengewölbes integriert werden. „Das wird super“, sagt Dudler, mit der ihm eigenen Schweizer Intonation und springt auf. Mit einem riesigen Farbmuster von kräftigem Ultramarinblau in der Hand kehrt er zurück. „Schauen Sie mal, das sieht doch einfach klasse aus!“ Keine Frage, der Architekt ist begeistert von dem Farbton – und von dem eher kleinen Projekt. Inspiration dafür lieferte Schinkels Bühnenbild, das 1816 für Mozarts „Zauberflöte“ entstand und den Eingang zum Palast der Königin der Nacht zeigt. Ähnlich will Dudler in dem Bahnhof über den Gleisen zeitgemäße Sternenkuppeln schaffen.

Doch zurück zum Anfang in der Schweiz. Als prägende Einflüsse seiner Kindheit nennt Dudler den Perfektionismus und die handwerkliche Detailgenauigkeit in der Arbeit seines Vaters. „Ich glaube schon, dass man unseren Bauten ein Detailbewusstsein ansieht und dass ich das von meinem Vater gelernt habe“. Zum Steinmetzbetrieb, ein Familienunternehmen, bei dem auch die Mutter im Büro mitarbeitete, gehörte auch ein eigener Steinbruch. Die körperliche Arbeit mit dem Naturmaterial war hart und letztlich nicht ganz seine Sache. Dudler brach die angefangene Lehre als Steinmetz ab. Der Respekt für das Material blieb.

Auch die Hartnäckigkeit – für große Bauprojekte ein Muss – habe er von zu Hause mitbekommen, sagt der renommierte und vielfach preisgekrönte Architekt. Schon als Kind verbrachte er viel Zeit auf Baustellen. Auf die habe er den Vater oft begleitet – „aus Langeweile“, wie Dudler heute sagt. Das Zuhause in seinem Geburtsort Altenrhein, ein beschauliches Dorf am Bodensee, war zwar idyllisch, für einen Heranwachsenden aber nicht gerade besonders spannend. Abgesehen vom Altenrheiner Flughafen. Über dessen Geschichte weiß Dudler, der als Jugendlicher mit dem Segelboot auf dem Bodensee und dem Segelflugzeug über den Wolken war, viel zu erzählen: Dass Dornier den Flughafen gegründet und dort in den Zwanzigerjahren die Do X gebaut habe, „damals das größte Flugzeug der Welt“. Doch das war vor seiner Zeit.

Max Dudler wurde 1949 in Altenrhein geboren. Dort gab es bereits in den 50er- und 60er-Jahren genug Gründe, sich auf den Weg ins etwa 20 Kilometer entfernte St. Gallen zu machen, die nächstgelegene Stadt. Anfangs die Abwechslung, später die Schule.

Für seine Bibliotheksbauten mehrfach Ausgezeichnet

„Mein Vater hat viel in St. Gallen gearbeitet. Er hat dort den Klosterhof und die Stiftsbibliothek saniert“, erinnert sich Dudler und schwärmt von der Wirkung dieser historischen Stätten. Vor allem das Kloster habe ihn beeindruckt, sagt der Planer. Er meint das Gemäuer, die Räume, die Gänge, die Plätze. Alles Themen, die seit mehr als 30 Jahren in seiner Arbeit eine wichtige Rolle spielen.

Auch die Begeisterung für die alte Stiftsbibliothek hinterließ Spuren, wie Dudlers umfangreiches und vielfältiges Œuvre zeigt. Der Schweizer hat zahlreiche preisgekrönte Bibliotheksbauten realisiert – auch in Berlin, wo er seit 1992 ein etwa 1000 Quadratmeter großes Büro im Kreuzberger Taut-Bau am Oranienplatz führt.

Die Bibliothek der Humboldt-Universität, das sogenannte Jakob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum, ist für Dudler eines seiner wichtigsten Projekte in der Hauptstadt. Warum? Der sonst bedächtig, ja fast schon langsam sprechende Schweizer zögert nicht lange, er antwortet schnell und deutlich: „Weil das Haus eine Öffentlichkeit hat.“

Öffentlichkeit und Dichte – das sind Themen, die im Gespräch mit Dudler über Dudler immer wieder anklingen. Sie finden sich auch in Titeln der vielen Bücher von ihm respektive über ihn – „Die neue Dichte“ zum Beispiel. Dudler liegt die Tradition der europäischen Stadt am Herzen. Deren wesentliche Elemente sind eben Dichte, der öffentliche Raum, die Gestaltung von Plätzen.

Ursprüngliches Berufsziel war Rock’n’Roller

Der Pendler zwischen Zürich und Berlin, wo er jeweils große Büros mit insgesamt 80 Mitarbeitern leitet, gibt nicht so viel auf Nationalitäten. „Ich bin Europäer, antwortet er auf die Frage, wo er sich mehr zu Hause fühle.

In Berlin landete Dudler auf Umwegen, die ihn zunächst nach Holland führten. Der Liebe wegen zog es den Schweizer, dem die Idylle der Bergwelten zu klein und die Behäbigkeit seiner Landsleute zu langweilig wurde, nach seiner Ausbildung als Bauzeichner und der Matura nach Amsterdam. Dort lernte er Günther Bock kennen und folgte dem Professor zum Architekturstudium an die Städelschule in Frankfurt am Main. Von dort wechselte er nach Berlin, wo Dudler bei Ludwig Leo an der damaligen Hochschule der Künste (HdK), heute Universität der Künste, Architektur studierte. Unterdessen lehrt Dudler selbst als Professor für Baukunst an der Kunsthochschule in Düsseldorf.

Dass er Architekt geworden ist, wertet Dudler als „Zufall“. Die ursprüngliche Leidenschaft des jungen Dudler gehörte zunächst einer ganz anderen Kunst- und Ausdrucksform – der Musik. Begeistert von den Stones und gelangweilt vom Mainstreamsound der Beatles – „die habe ich damals gehasst“ – war Dudler in seiner Jugend, wie er sagt „ein richtiger Rock ’n’ Roller“.

Und zwar nicht nur zum Hobby. „Wir waren semiprofessionell“, sagt der Architekt. Mit seiner Band, die sich irreführend „Country Four“ nannte und deren Namen er zunächst am liebsten gar nicht verraten will, „weil unsere Band mit Country oder Folk-Music gar nichts am Hut hatte“, trat der „Rock ’n’ Roller“ Dudler auch in Zürich auf. Nach dem Besuch in einem Londoner Club wurde ihm dann aber doch klar, dass keine Star-Karriere als Musiker vor ihm lag. „Dafür hat es bei mir nicht gereicht“, gesteht Dudler. Jetzt ist er eben ein Star-Architekt.

„Das will ich nicht, das mache ich nicht“

Und auch, wenn er keine Klischees mag, zumindest eines bedient er dennoch offensichtlich: In seinem schwarzen Anzug, der Weste und dem weißen Hemd entspricht Dudler vollendet dem Bild des etablierten Architekten. Die wirre Tolle im weißen Haupthaar scheint da das i-Tüpfelchen, eine Art Markenzeichen. So stylt er sich schon seit Jahren.

Auch hier zeigt sich der Perfektionist, der jedes Detail im Blick behält. Dudler überlässt offenbar nichts dem Zufall – selbst das zerzauste Haar. Aber auch die Brille ist Marke Eigenentwurf, ebenso wie die meisten der Schränke und Regale in seinem riesigen Zimmer – auch die hat er selbst designt – schlicht und klar.

Dudler hat eben klare Vorstellungen und setzt genauso klar seine Grenzen. Auf die Bitte des Fotografen, vor dem mannshohen Modell eines Hochhauses in die Hocke zu gehen, folgt ein kraftvoll energisches „Nein. Das will ich nicht, das mache ich nicht.“

Dudler will seinem Gegenüber auf Augenhöhe begegnen. Mit Unsportlichkeit habe das nichts zu tun, er bewege sich viel und sei erst heute morgen wieder mehr als eine Stunde auf dem Tennisplatz gewesen, beteuert er flugs nach der Ablehnung für das gewünschte Posing. Aber Dudler sagt eben auch: „Ich mag nicht, wenn man auf mich herabblickt.“