Architektur kann mehr als schön sein. Bauten und Innenräume können Ängste nehmen und sogar Heilungsprozesse unterstützen. Wie, das war am Freitag Thema des TU-Symposiums „Healing Architecture – Gesundheitsbauten der Zukunft“, auf dem auch Thomas Willemeit von Graft Architekten sprach. Die Planer haben an der Charité eine neuartige Intensivstation und Zahnarztpraxen für Kinder neu gestaltet.

Berliner Morgenpost: Herr Willemeit, mussten Sie schon mal ins Krankenhaus und hatten Sie Angst davor?

Thomas Willemeit: Angst wäre zu viel gesagt, aber ich hatte schon Respekt. Denn das ist ja eine Ausnahmesituation. Man begibt sich in die Hände anderer und hat so ein bisschen das Gefühl, nicht mehr Herr der Lage zu sein. Das flößt Respekt ein und löst eine Erwartungshaltung aus, die auch durch die Architektur und Innenräume bestätigt wird.

Inwiefern?

Krankenhäuser sind meist sehr nüchtern, steril und technisch gestaltet. Das ist eine fremde Welt, die nichts mit dem gewohnten Umfeld zu Hause zu tun hat. Man fühlt sich desorientiert. Es gibt vieles, das stresst, was sich wiederum nachteilig auf das Gesunden auswirkt.

Sie haben an der Charité eine neuartige Intensivstation entwickelt, wo die Raumwirkung das Wohlgefühl und den Heilungsprozess positiv beeinflussen sollen. Welche Faktoren stressen Patienten besonders und wie haben Sie die ermittelt?

Wir haben uns in die Lage der Patienten versetzt...

...und sich dafür ins Krankenbett gelegt?

Ja, das haben wir auch gemacht. Das merkt man schon daran, dass wir uns sehr intensiv mit der Decke beschäftigt haben. Über den Betten sind riesige abgerundete LED-Screens. Diese Bildschirme ermöglichen einerseits eine die Tages- und Jahreszeitenlicht unterstützende Beleuchtung, die auch der Orientierung dient. Anderseits können dort auch je nach Bedarf ruhige bewegte Bilder abgespielt werden, vorbeiziehende Wolken oder ähnliches.

Diese Ideen sind Ihnen alle im Liegen gekommen?

Nicht nur, wir haben natürlich auch im steten Dialog mit Ärzten und Wissenschaftlern versucht, die Wahrnehmung der Patienten genau zu erforschen und zu schauen, was dort neben der medizinischen Behandlung alles passiert.

Und was war ihr Ergebnis?

Es sind sehr viele unterschiedliche Aspekte, die Patienten stressen: allen voran der gestörte Schlafrhythmus, oft grelles Licht, Lärm, fehlende Privatsphäre und Desorientierung.

Wie lassen sich all diese Punkte durch Design verhindern?

Das ist sehr komplex. Wahrnehmung und Wirkung von Räumen leiten sich nicht nur aus Äußerlichkeiten wie der Gestalt der Architektur ab, sondern eben auch daraus, wie die Dinge benutzt und Abläufe organisiert werden. Normalerweise kommen Pfleger der Intensivstation nachts ständig ins Zimmer, um unter anderem die teilweise lauten Messgeräte abzulesen. Das stört die Nachtruhe. Bei uns gibt es ein Observationszimmer, in das alle Alarmsignale ausgelagert werden und von dem aus die Patienten nachts durch eine Scheibe beobachtet werden können. Das minimiert unnötige Geräusche und Unruhe. Auch vom Optischen her haben wir die Geräte für den Patienten nicht sichtbar hinter einer Holzwand integriert. Aber das ist nur ein Beispiel.

Was ist denn noch alles anders in dem Zimmer?

Wir haben grundsätzlich ein wohnliches Umfeld gestaltet, mit dunklen Böden, abgerundeten Oberflächen und beispielsweise auch einen modernen Nachtschrank entwickelt, der nicht nur schick designt ist, sondern mit dessen Hilfe der Patient individuell entscheiden kann, ob er seinen Nachbarn sieht oder nicht.

Wie lässt sich die Wirkung dieser Gestaltungselemente messen?

Genau das wollen wir herausfinden. Wir sind sehr froh, dass sich an das Projekt, wie baue ich einen gesunden Raum und was muss ich dabei berücksichtigen, jetzt eine mehrjährige Forschungsphase anschließt. Die Ärzte werden das Zimmer als Wahrnehmungsversuchslabor nutzen. Mit Hilfe subjektiver Patientenbefragungen und Auswertung der Vitaldaten wie die der Herzfrequenz und andere wird im Vergleich zu normalen Zimmern erforscht, welche Phänomene messbar sind. Das Forschungsprojekt läuft seit 1. März.

Sie beschäftigen sich aber auch mit der Gestaltung von Zahnarztpraxen, die für viele mit Ängsten behaftet sind.

Wir haben bereits vor zehn Jahren angefangen mit KU 64, einer Zahnarztpraxis, die mittlerweile eine riesige Zahnklinik am Kudamm ist. Da haben wir erstmals versucht, eine Praxis farblich und auch sonst anders zu gestalten. Wir wollten eine sonnige Dünenlandschaft schaffen mit abgetrennten geschützten Bereichen, in denen mich während der Behandlung keiner außer den Ärzten und Helfern sehen kann. Es sind lichtdurchflutete Räume, in der Wartelounge hängt ein Kamin von der Decke, es gibt schöne Liegen und der sonst oft abweisende Tresenbereich ist mit abgerundeten Elementen einladend gestaltet. Ich bin da auch Patient und gehe dort mit meinen Kindern hin.

Sie haben in dieser Zahnklinik auch einen Bereich für Kinderzahnmedizin gestaltet sowie eine weitere Kinderzahnarztpraxis in Prenzlauer Berg. Was ist das Besondere bei diesen Projekten?

Dass die Kinder spielerisch mit dem Raum umgehen können, ein spannendes Umfeld erleben und sich wohl fühlen. In Prenzlauer Berg haben wir eine Unterwasserwelt geschaffen, die die Praxis auf mehreren Ebenen als einen großen Raumzusammenhang erlebbar macht und die Kinder auf ihrem Weg durch die Praxis begleitet. Wände und Decken bewegen sich wie eine Welle durch Empfangs- und Behandlungsräume. Man scheint eher in die Brandung oder in ein Aquarium zu schauen. Auf den Wänden ziehen Fischschwärme ihre Runden, im Wartezimmer liegen Meeresbewohner als Teppiche auf dem Boden, Stoff-Schildkröten sitzen auf den silbernen Wartebänken und die Lampen sind als Blubberblasen in der Decke integriert.

Und in der anderen Praxis?

Da gibt es beispielsweise ein Sofa, das aus Stofftieren gebaut ist. Nebenan ist eine Kletterwand, es gibt Spielhöhlen und anderes mehr. Die Architektur ist hier im wahrsten Sinne des Wortes zugänglich. Das ist kein Umfeld mit einer starken Distanz. Die Kinder befinden sich vielmehr in einem Umfeld, das ihnen entgegenruft, ,kletter über mich rüber, hier bist Du willkommen, Du darfst alles mit mir machen’. Diese Zugänglichkeit ist immer ganz wichtig bei unserer Architektur. Und wenn meine Kinder fragen, Papa können wir mal wieder zum Zahnarzt gehen, dann weiß ich, warum wir das so gemacht haben.