Der Wind schlägt die Glastür des Infokastens zu und wirbelt alle Zettel umher. Widrige Umstände, aber Petra Fritsche ist Widerstand gewohnt. „Das war der Sieg über die Gewalt“, scherzt sie, als sie den letzten Zettel erfolgreich befestigt hat, und man darf sich entscheiden, ob sie damit den Wind oder die Bedrohung meint, die sie wegen ebendieser Zettel erfahren hat. Es sind Einladungen, auf denen die 62-Jährige aus Friedenau ihre Nachbarn auffordert, sich an einer Gedenkfeier zu beteiligen. Petra Fritsche pflegt und setzt Stolpersteine, die an Menschen erinnern, die von den Nationalsozialisten verfolgt und ermordet wurden.
Gedenken am Mittwoch
Doch in ihrem Kiez hat sie sich damit Feinde gemacht. Am Sonnabend fand Fritsche in ihrem Briefkasten einen Teil der Einladungen wieder, die sie zuvor an Haustüren befestigt hatte. Dazu ein Bekennerschreiben des selbst ernannten, aber anonymen „Antistolperstein-Projekts“. Dieses habe, so wörtlich, die „Straßen Friedenaus von Eurer abscheulichen zionistischen Gutmenschen-Propaganda befreit“ und werde seine Aktionen ausweiten: „Schluss mit dem Schuldkult – Friedenau stolpersteinfrei machen!“
Seit sechs Jahren engagiert sich Fritsche in der 2005 gegründeten „Initiative Stolpersteine Stierstraße“. Am Mittwoch will sie des Schicksals von drei Jüdinnen gedenken. Sie lebten in der Stierstraße 19 in einem von den Nazis zum „Judenhaus“ umfunktionierten Altbau, versteckten sich später und überlebten. Aus 54 Stolpersteinen, die in der Straße in der Nähe des Innsbrucker Platzes bereits verlegt sind, werden 57. „Es sind die ersten Stolpersteine in der Stierstraße, die Juden gedenken, die überlebten“, sagt Fritsche.
Vorfälle wie die Drohbotschaft sind für sie und ihre Mitstreiter dabei nichts Neues. Schon vor einem Jahr weihten sie in der Stierstraße eine Stolperschwelle für eine Synagoge sowie zehn weitere Steine in der angrenzenden Fregestraße ein. In derselben Nacht wurden die meisten mit schwarzer Farbe beschmiert, niedergelegte Blumen zertrampelt. Im Juni waren es laut Polizei sogar 55 Steine, die in einer Nacht geschändet wurden.
Außerdem warfen Unbekannte einen Böller in Fritsches Briefkasten und schrieben „Vorsicht Judenfreundin“ an ihre Tür. Sechs Vorfälle dieser Art hat Fritsche gezählt. Das ist Realität, auch in Friedenau. In keinem anderen Berliner Ortsteil häufen sich Aktionen gegen die Stolpersteine so sehr. „Wenn das in Hellersdorf passieren würde, würde man sich wahrscheinlich weniger wundern“, sagt Fritsche. In allen Fällen wurde die Polizei informiert, auch diesmal ermitteln die Behörden. Es wird geprüft, ob Strafbarkeit erkennbar ist. Fritsche glaubt, dass es sich jeweils um dieselben Täter handelt: „Das sieht alles nach einer Langzeitbeobachtung aus.“
Seit 20 Jahren werden in Berlin Stolpersteine verlegt. Die Idee hatte der Kölner Künstler Gunter Demnig, der 1996 ohne behördliche Genehmigung in Kreuzberg erstmals 50 der zehn mal zehn Zentimeter großen Betonquader mit der Messingplatte verlegte. Darauf sind die Namen von Naziopfern eingraviert: politisch Verfolgte, Homosexuelle, Sinti und Roma. Am häufigsten Juden.
Mehr als 5300 Steine verlegt
In den 30er-Jahren lebte etwa ein Drittel aller deutschen Juden in Berlin. Die Hauptstadt galt als „verjudet“, sie war die „Pestbeule des Reiches“. Von den etwa 66.000 Juden, die 1941 in Berlin lebten, wurden mehr als 50.000 in Konzentrationslager deportiert, die meisten davon ermordet. Viele entzogen sich der Deportation durch Suizid. Mit Ende des Zweiten Weltkriegs lebten in Berlin nur noch etwa 7000 Juden.
Jahrzehnte später wissen nur wenige Bewohner, welche Schicksale sich in ihrer Straße oder in ihren eigenen vier Wänden abspielten. Inzwischen erinnern in Berlin mehr als 5300 Stolpersteine an die Geschichte dieser Menschen. Das Engagement gegen das Vergessen wurde gestern auch von Staatssekretärin Hella Dunger-Löper gewürdigt. Anlässlich des 20-jährigen Jubiläums empfing die Beauftragte für Bürgerschaftliches Engagement im Roten Rathaus die Akteure der Stolperstein-Initiativen, die inzwischen in jedem Bezirk aktiv sind. „In Berlin sind Stolpersteine aus dem Stadtbild und aus der Erinnerungskultur nicht mehr wegzudenken. Wie unterschiedlich Verfolgungsschicksale während der nationalsozialistischen Diktatur sein konnten, auch davon zeugen sie auf eindrucksvolle Weise“, sagte Dunger-Löper.
Petra Fritsche könnte den anonymen Hetzern in ihrer Nachbarschaft den Gefallen tun: in Panik verfallen, die Gedenkfeier abblasen, ihre gesamtes Engagement infrage stellen. Sie tut es nicht. Natürlich bleibe ein mulmiges Gefühl, aber „die erwarten wahrscheinlich, dass ich mich einschüchtern lasse. Sie erreichen nur das Gegenteil.“





