Am 21. April 2010 um elf Uhr abends nennt der sterbenskranke Wolfgang Herrndorf in seinem Blog „Arbeit und Struktur“ die paar Freunde, bei denen es ihn am meisten schmerzt, nicht zu wissen, wo sie in zehn Jahren sein werden: „Dieses unfassbare Potenzial, das nirgends hinsteuert“, heißt es über einen. „Vielleicht sitzt er dann bei Alexander Kluge. Oder versackt in Princeton. Oder redet weiter im Prassnik Leute an die Wand.“ Dann ein Absatz und der Nachgedanke: „Per Leo ist auch noch so einer. Aber da sieht man’s wenigstens schon ungefähr.“

Eine Familie, die nicht loslässt

Von ungefähr kann nicht mehr die Rede sein. Es ist mittlerweile sonnenklar. Kürzlich bei einem Abendessen in Berlin pries der Verleger seinen neuen Autor mit den Worten: „Nach ein paar Seiten wusste ich, das ist Literatur.“ Das klang wie eine Drohung. Und fühlt sich, wenn man das Buch mit dem etwas gesucht wirkenden Titel „Flut und Boden“ aufklappt, auf den ersten Seiten auch so an.

Wie über einen Klotz, der da nicht hingehört, stolpert man über ein „Nirvana“-Zitat: „Come as you are, as you were, as I want you to be.“ Dann verbleicht die Gegenwart, die Ära des Pop, die von den Achtzigern bis heute reicht, obwohl wir eine Weile offiziell noch mittendrin bleiben.

Aber solche Sätze drängen nach vorn: „Die Stille im Windfang zwischen den beiden Milchglastüren.“ Oder: „Vorwurfsvoll protokollierte sie meine Verspätungen, zerknirscht gestand sie, dass es wieder nur Hühnerfrikassee gab.“ Oder: „Große Häuser, alte zumal, sind selten einladend. Wohl locken sie den Besucher, aber kaum ist er eingetreten, weisen sie ihn in seine Schranken.“

Den Großvater „internierte der Tod“

Windfang, Milchglastüren, wohl lockt das zerknirschte Hühnerfrikassee – ja, was ist denn hier los? Macht hier etwa einer auf Tellkamp? Es dauert nicht lange, und es ist tatsächlich von einem Turm die Rede: „Der Turm beherrschte ganz eindeutig das hohe Ufer, und unter seiner Herrschaft standen auch wir.“

Dieser letzte Satz ist kursiv gesetzt, denn er ist ein Zitat. Martin hat ihn geschrieben, der Großonkel des Erzählers. Martin war nie ein Nazi, so wie sein Bruder, sondern ein ruhig dem Humanismus ergebener Mann. Trotz allerlei Altersgebrechen trägt er täglich Anzug und Schlips. Trotzdem ist das kein Idyll. Nicht das große Haus mit Windfang in Bremen-Vegesack, nicht die Großmutter, die keine Verspätungen liebt, nicht die Kähne, auf denen man als Kind über die Grobe stochert, nicht das Krocketspiel im Garten und nicht der Großvater. Von dem heißt es bald: „Dann internierte ihn der Tod.“ Das ist durchaus angemessen formuliert, denn über allem hier schwebt der Zweite Weltkrieg und der Judenmord.

Martins Bruder Friedrich – ein paar Jahre jünger, seine Großmutter hatte ihn von Anfang an nicht leiden können – wurde erst erfolgloser Schüler und dann erfolgreicher Nazi, Abteilungsleiter im „Rasse- und Siedlungshauptamt“ der SS. Die Beförderung auf diesen Job war die erste, auf der Heinrich Himmlers Unterschrift stand, gezeichnet am 1. April 1942 – „die Kollegen in Minsk erledigen gerade ihr Tagespensum von 500 Juden“, schreibt Leo im selben Atemzug.

Wie ein Chirurg seziert er die eigene Familie

Die Lakonie ist Ausdruck einer Verzweiflung. Eines jahrzehntelangen Anrennens gegen einen Panzer aus Unerklärlichkeit. „Ich finde es mitnichten selbstverständlich“, sagt Per Leo, er sitzt in einem Berliner Café, „dass man sich für seinen Nazi-Großvater interessiert.“ Er spricht wie gedruckt und rasend schnell, als hätte er es eilig, etwas hinter sich zu bringen, vielleicht die eigene Familiengeschichte. Es sieht so aus, als wäre er damit bald fertig. Aber wie lange hat sie ihn nicht losgelassen.

Vor „Flut und Boden“, dem Doppelporträt dieser ungleichen Brüder, seines Großonkels und seines Großvaters, hat er über „Weltanschauungskultur, charakterologisches Denken und Judenfeindschaft in Deutschland 1890–1940“ promoviert, 700 Seiten. Letzten Herbst ist das Buch erschienen, der Verlag spricht von einer „bahnbrechenden Studie“ der „geistesgeschichtlichen Wurzeln von Rassismus und Judenverfolgung im Nationalsozialismus“. „Wenn man das Dritte Reich kapieren will“, sagt Leo jetzt, „ dann muss man sich die Praxis angucken. Die kleinen Geschichten. Das konnte ich in der Doktorarbeit so nicht machen.“ Er hat also komplementäre Bücher geschrieben, Per Leo selbst sagt: „Die beiden sind wie Geschwister.“

„Flut und Boden“ ist ein autobiografischer Essay, eine Familiengeschichte, „Die Buddenbrooks“ ohne den Willen zum Witz. Das ist aber kein Versäumnis, denn die Geschichte ist die traurigste, die es gibt, das Versagen der Intelligenz vor dem Wahn, der plötzliche Riss im Herzen alten Bildungsbürgertums. Wie ein Chirurg seziert Leo seine eigene Familie, von der er sagt, dass sie „als soziale Formation gar nicht mehr funktioniert“.

„Die Gegenwart ist ja erst mal ein Mahlstrom der Nichtigkeit.“

Die Großmutter hat genau achtundvierzig Gedecke, nach einer Flut hängen aufgeschwemmte Tierkadaver im Stacheldraht, der Vater gießt die Rhododendrenbüsche mit elektrisch gepumptem Grundwasser. Leo baut das zwanzigste Jahrhundert wie eine Drehbühne und füllt die Kulissen mit Requisiten und Figuren. Das alles greift dann mit großer stilistischer Eleganz und dramaturgischer Stringenz ineinander.

„Pop ist nicht der Feind“, sagt Leo, Jahrgang 1972. „Ich liebe Pop und habe viel von ihm gelernt. Ich bin Post-Pop, wenn man mich codieren will.“ In seinem Schreiben stecke viel 19. Jahrhundert drin, „was dann durch verschiedene Stahlbäder der Moderne gegangen ist. Und wenn 19. Jahrhundert, dann eben Adalbert Stifter und nicht Thomas Mann.“ Der Luxus des Historikers bestehe eben darin, sagt Leo, „dass er mit viel größerer Selbstverständlichkeit nicht der Gegenwart anheim gefallen ist. Die Gegenwart ist in der Begründungspflicht. Die Gegenwart ist ja erst mal ein Mahlstrom der Nichtigkeit.“

Ihm sei schon klar, gibt Leo zu, dass er den geradezu idealen Jurorenroman geschrieben hat, mit allem, was so ein Buchpreis braucht – mit Tellkamp-Sätzen, SS-Opas, sogar mit ein bisschen Fußball. Aber das ist jetzt wirklich kein Grund, ihm keinen zu geben. Denn auch wenn es überhaupt gar keine Preise gäbe, wäre „Flut und Boden“ ein großes, wichtiges Buch.

Per Leo: Flut und Boden. Roman einer Familie. Klett-Cotta, Stuttgart. 352 S., 21,95 Euro