Das Holocaust-Mahnmal in Mitte erweitert sein Angebot. Am Montag verlegte Schauspielerin Iris Berben einen von 23 neuartigen Pflastersteinen, die nun rund um das Denkmal in den Gehweg eingelassen sind. In jeden dieser Steine ist ein QR-Code eingemeißelt, der künftig via Smartphone gescannt werden kann und es dem Besucher durch eine Internet-Anwendung ermöglicht, ein 2008 im Stelenfeld des Mahnmals aufgeführtes Konzert virtuell nachzuerleben.
Damals fand die Uraufführung des Stückes „Vor dem Verstummen“ von Harald Weiss, unter der Leitung des Dirigenten Lothar Zagrosek, statt. 24 Musiker der Kammersymphonie Berlin boten das Stück dar, verteilt zwischen den Betonstelen des Denkmals und über Monitore mit Zagrosek verbunden. Die Mezzosopranistin Tanja Simic Queiroz wandelte durch die Gänge, ebenso wie die etwa 3000 Besucher des Konzerts. Diese erlebten so ständig variierende Klangerfahrungen, je nach dem, an welchem Punkt innerhalb des Mahnmals sie sich befanden. Wegen des enormen Aufwandes blieb es bei dieser ersten und letzten Aufführung des eigens für das Holocaust-Mahnmal komponierten Stückes.
Dieses besondere Musikerlebnis macht die neuartige App „Virtuelles Konzert im Denkmal“ nun dauerhaft abrufbar. Hat der Besucher die App über den QR-Code auf einem der Pflastersteine heruntergeladen, kann er das Konzert während des Durchquerens des grauen Stelenfeldes nachhören.
Vor Ort steht kostenfreies Wlan zur Verfügung, da die App mit 180 Megabyte relativ groß ist. Mittels eines neuen technologischen Verfahrens wird per GPS der Standort des Hörers erfasst und in eine individuelle Klangwiedergabe der Musikinstrumente umgerechnet.
Konzert im Studio mit GPS-Technik aufgenommen
Dafür wurden 2012 Gesang und Instrumente noch einmal als einzelne Tonspuren, denen dann GPS-Geokoordinaten zugeordnet wurden, im Tonstudio aufgenommen. Dank dieser Technik kann der Nutzer das Konzert nun an jeder beliebigen Stelle genau so hören, wie es dort 2008 live geklungen hat. Auch wer sich nicht im Denkmal befindet, kann das Konzert hören, dann allerdings ohne das individuell variierende Klangerlebnis.
Der Initiator des Konzerts von 2008 und geistiger Urheber der App-Idee ist Daniel-Jan Girl, Vorstandsmitglied des Förderkreises Denkmal für die ermordeten Juden Europas. Schon lang habe ihn die Frage umgetrieben, wie vor allem für Jüngere eine erlebbare Erinnerungskultur im 21. Jahrhundert aussehen könnte.
„Besonders für junge Menschen, die zwei oder drei Generationen vom Holocaust trennen, kann durch das Internet ein zeitgemäßer Zugang zu diesem Thema geschaffen werden“, erklärt Girl seine Beweggründe. „Außerdem ist besonders im Sommer die Lebendigkeit an diesem Ort grenzwertig. Da hilft Musik, innezuhalten.“ Die Kosten für die aufwendige Entwicklung der App und einer ganz neuen Software belief sich auf etwa 30.000 Euro, die durch Spenden, ehrenamtliches Engagement und verschiedene Sponsoren zusammenkam.
Iris Berben: „Gedenken muss im Alltag bewusster werden“
Für die Verlegung und Herstellung der Steine hingegen spendete die Stiftung Berliner Sparkasse, deren Vorstandsvorsitzender Johannes Evers am Montag ebenfalls einen der Pflastersteine verlegte, rund 6000 Euro.
Steinmetz Frank Rüdiger, der auch das Grabmal Harald Juhnkes gestaltete, stellte die Steine im Betrieb in Kreuzberg mithilfe modernster Technik her. Der Steinmetzbetrieb soll laut eigener Auskunft der älteste Berlins sein.
Iris Berben, Botschafterin für den „Raum der Namen“ unterhalb des Denkmals, wohnt in der Nähe des Mahnmals. Für sie sei dies ein Ort des Alltags. „Immer an Gedenktagen erstarren wir, aber das Gedenken muss im Alltag bewusster werden“, so Berben. „Deshalb finde ich diese digitale Version der Stolpersteine sehr unterstützenswert.“ Bisher steht die App nur für das iPhone zur Verfügung, an einer Version für alle Smartphones wird derzeit gearbeitet.




