„Es war der 22. Juni 1942, und es klingelte früh um sechs Uhr. Das war im Deutschland der damaligen Zeit nicht der Milchmann. Es gab niemanden, der keine Angst hatte, wenn morgens um sechs jemand vor der Tür stand.“ Marie Jalowicz ist Jüdin, 20 Jahre alt, beide Eltern sind tot. Seit Jahren wird ihr Leben in Berlin von Monat zu Monat unerträglicher: Der Umzug aus der großen elterlichen Wohnung in der Prenzlauer Allee in immer armseligere Zimmer. Die Zwangsarbeit bei Siemens. Und die ständige Angst vor der Verhaftung.

Am 22. Juni 1942 steht ein Gestapo-Mann in der Wohnung im Kreuzberger Norden, in der sie inzwischen zur Untermiete wohnt. Sie müsse kurz zur Nachbarin, er könne sie ruhig gehen lassen, im Nachthemd könne sie ja kaum weglaufen, überzeugt sie ihn. Und schafft es so, aus dem Haus zu kommen. Von da an ist Marie Jalowicz auf der Flucht. Die Geschichte ihres Überlebens erzählt das jetzt erschienene Buch „Untergetaucht“.

Fast drei Jahre lang lebt sie unter falschem Namen, versteckt sich. Überlebt unter teils unvorstellbaren Bedingungen. Gleich in einem der ersten Verstecke wird sie nachts vergewaltigt. „Ich ließ es über mich ergehen“, sagt sie dazu. Von 1943 bis kurz vor Kriegsende lebt sie mit einem Holländer zusammen, als Gegenleistung dafür, dass er sie versteckt und bei der Zimmerwirtin Miete für sie zahlt. Dem Ehemann von Johanna Koch, unter deren Namen sie mit falschen Papieren lebt, muss sie mehrmals „zu Willen sein“. Und auch einige der Frauen, bei denen sie unterkommt, erniedrigen Marie Jalowicz, wo sie nur können, verdächtigen sie des Diebstahls, pressen ihr die wenigen Lebensmittel ab, die sie bekommt.

Die Flucht nach Bulgarien scheitert

Aber es gibt auch die anderen. Den jüdischen Gynäkologen, der seine nicht-jüdischen Patientinnen bedrängt, die Frauen in Not aufzunehmen. Eine Kommunistin, die sich selbst in große Gefahr bringt, um ihr zu helfen. Erst viel später erfährt Marie Jalowicz, dass eine befreundete Familie ihr letztes Geld ausgab, um ihr die Flucht nach Bulgarien zu ermöglichen. Der Versuch, einen Chinesen zu heiraten, um das Land zu verlassen, ist zuvor gescheitert.

Die Flucht endet, wo sie begann: in Berlin. Mit einem bulgarischen Wanderarbeiter, in den sie sich in Berlin verliebt hat, ist sie aufgebrochen, wollte weiter nach Palästina. Ein Anwalt verrät sie, sie kommt ins Gefängnis – und wieder findet sich jemand, der ihr ihr hilft: Der Beamte Hans Goll, ein „dezidierter Feind der Gestapo“, besorgt ihr einen Pass, der aber nur für die Rückreise nach Berlin gültig ist.

Schon vor ihrem Fluchtversuch ist sie von einem Versteck ins andere gezogen, hat in Wohnungen gelebt, die sie sich als Bürgerstochter nicht vorstellen konnte. Zwei Wochen haust sie nahe der Schönhauser Allee in einer Dienstbotenkammer, in der sie mit der alten Ida Kahnke das Holzbett teilen muss: „Ich kam ja in Verhältnisse, von denen ich mir nie hätte träumen lassen. Mir wurde klar: Diese entsetzliche Wohnung war etwas ganz Normales. Es gab nicht wenige Menschen, die so lebten wie Ida Kahnke.“

Viele ihrer Freunde sind längst deportiert

Jetzt, nach ihrer Rückkehr, wird die Suche nicht leichter. Viele Freunde hat sie in Berlin nicht mehr, sie sind längst deportiert, emigriert, selbst untergetaucht. Dennoch findet sie immer wieder Menschen, die sie für ein paar Tage, ein paar Wochen oder Monate verstecken, bis sie schließlich bei dem holländischen „Fremdarbeiter“ und seiner Vermieterin in der Nähe der Oberbaumbrücke unterkommt. Warum ihr die Menschen helfen: einige aus Mitleid, andere weil sie Geld oder eine Pflegerin brauchen. Sogar überzeugte Nazis nehmen Marie Jalowicz auf, aus Habgier, aber auch, weil sie zwar etwas gegen „die Juden“, aber nicht gegen das nette jüdische Mädchen in Not haben.

Und dann gibt es diejenigen, die es genießen, wenn andere ihnen dankbar sein müssen: Johanna Koch, genannt Hannchen, zum Beispiel. Als Freundin des Vaters fühlt sie sich für die junge Frau verantwortlich, gibt ihr sogar ihre sogenannte Kennkarte, damit Marie einen Ausweis hat. Zugleich, davon ist Marie überzeugt, geht es Hannchen darum, sie „armselig, abhängig und leidend“ zu haben, „um mich dann tröstend streicheln zu können“. Wie wichtig das für Johanna Koch ist, begreift sie in den letzten Kriegstagen: „Mit dem Krieg würde auch meine Abhängigkeit von ihr zu Ende gehen. Die grandiose Rolle der Widerstandsheldin, die diese schüchterne Frau aus armen Verhältnissen jahrelang gespielt hatte, war damit vorbei. Sie würde, wie ihre Nachbarn rechts und links, Radieschen gießen und ohne Angst vor Fliegeralarm leben, aber auch ohne Hoffnung auf aufregende Ereignisse.“

Der „Zufall“ habe sie gerettet, sagt Marie Jalowicz Jahrzehnte später in einem Vortrag. Dazu zählt, dass sie in Berlin nie verraten wird, obwohl Nachbarn die Lage der jungen Frau zumindest ahnen. Dazu zählt auch, dass sie kaum einmal kontrolliert wird, wenn sie auf Berlins Straßen unterwegs ist – und dass es ihr mit ihrem Selbstvertrauen und dem schnellen Verstand gelingt, sich zu befreien, wenn eine Festnahme droht.

Sie weint, als ihr jemand ein Paket Kuchen schenkt

Gefühle erlaubt sie sich kaum. „Was ich hier erlebe, hat auf mich, auf meine Seele, auf meine Entwicklung nicht den geringsten Einfluss. Ich muss es einfach nur überleben.“ Die Vergewaltigungen, der Tod der Freunde und Angehörigen, eine Abtreibung, weil ein Kind für eine untergetauchte Frau den Tod bedeutet hätte, alles lässt sie über sich ergehen. Ein einziges Mal weint sie: als ihr jemand ein Paket Kuchen schenkt. „Ich schämte mich vor mir selbst. Ich hatte nicht einmal geweint, als meine Verwandten ins Vernichtungslager abtransportiert worden waren. Aber jetzt konnte ich die Tränen nicht zurückhalten.“ Weil sie spürt, „wie schön das Leben sein kann.“

Die letzten Kriegstage verbringt Marie Jalowicz bei Hannchen Koch in Kaulsdorf. Erst im August gelingt es ihr, sich in der Binzstraße eine eigene Wohnung zu organisieren. Mit einem Leiterwagen zieht sie zu Fuß nach Pankow. In dem Wagen hat sie Bettzeug, Besteck, einen Quirl, die ihr Hannchen Koch als eine Art Aussteuer mitgibt. Mit einer Mischung aus Wut und Belustigung reagiert Marie: Schließlich gehörte all das ihren Eltern, bevor die Kochs deren Häuschen übernahmen. „Arisierer“ seien Emil und Johanna gewesen, glaubt sie. Erst später erfährt sie, dass die Kochs das Haus zum Marktwert übernahmen und sie sogar zu ihrer Alleinerbin machten.

Als sie endlich wieder in Freiheit lebt, ohne ständige Angst, blickt sie „nur nach vorn“, wie ihr Sohn im Nachwort schreibt. Sie studiert, heiratet ihren einstigen Mitschüler Heinrich Simon, bekommt zwei Kinder, wird 1973 „ordentlicher Professor für Antike Literatur- und Kulturgeschichte“. Über ihr Leben spricht sie selten. Ihr Sohn Hermann, Direktor des Centrum Judaicum in Berlin, bringt sie schließlich dazu, als er 1997 ein Aufnahmegerät vor sie stellt: „Du wolltest doch immer deine Geschichte erzählen.“ 77 Tonbänder entstanden vor ihrem Tod 1998. Jetzt ist daraus ein Buch geworden, in dem Hermann Simon und die Autorin Irene Stratenwerth Marie Jalowicz ihre Überlebensgeschichte erzählen lassen.

Über das Leben seiner Mutter sprach der Direktor der Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum mit Anette Nayhauß.

Berliner Morgenpost: Ihre Mutter hat die Geschichte ihres Überlebens vor 1997 nie wirklich erzählt. Wann haben Sie verstanden, was Ihre Mutter erlebt hat?

Hermann Simon: Wirklich zusammenreimen konnte ich mir die Geschichte ihres Überlebens nie. Ich habe mal die eine, mal die andere Geschichte erfahren. Es war nicht so, dass meine Mutter darüber nicht gesprochen hat. Sie hat es nur nicht zu einem sie beherrschenden Thema gemacht. Sie lebte im Hier und Jetzt, hatte ihre täglichen Verpflichtungen, ihr Leben als Mutter, als Ehefrau, als Wissenschaftlerin. Sie wollte sich nicht von der Vergangenheit beherrschen lassen. Das war natürlich, wie ich heute weiß, nur ein Versuch. Als ich in der siebten Klasse war, Anfang der 60er, hat meine Mutter auf Bitten meiner Lehrerin vor der Schulklasse aus dieser Zeit berichtet. Sie hat eine Schulstunde lang gesprochen, aber sie hat eigentlich nur nebensächliche Begebenheiten erzählt. Sehr viel später hat sie formuliert: „Wenn ich berichte, dann wahrheitsgemäß, und es gibt vieles, worüber man erst ein halbes Jahrhundert später berichten kann.“

Wann war der Moment, in dem Sie wussten, dass Sie die Geschichte Ihrer Mutter aufschreiben müssen?

Alle, die ihre Geschichte kannten, haben immer gesagt: Das muss festgehalten werden. Dazu kam der ärztliche Befund, dass die Krebserkrankung meiner Mutter sehr ernst zu nehmen ist und sehr aggressiv ist. Zu der Zeit liefen die Tonbandaufnahmen schon, ich habe sie intensiviert, so weit das ging. Natürlich dachte ich immer, es kann doch nicht sein, dass ich als Historiker mich mit dieser Zeit intensiv beschäftige, einiges dazu publiziert habe – und ausgerechnet mir sollte es nicht gelingen, meine eigene Mutter zum Sprechen zu bringen? Das hat mich ein bisschen gepiekt. Und mir fiel auf: Wenn meine Mutter Teile ihrer Geschichte erzählte, die sie schon einmal erzählt hatte, dann merkte ich, dass ich die Details schon wieder vergessen hatte. Das fand ich beunruhigend.

Wie haben Sie es geschafft, dass sie sich geäußert hat?

Für mich war immer wichtig, den rechten Moment zu finden. Wenn sie in dem Moment, als ich den Kassettenrekorder auf den Tisch stellte, nicht gewollt hätte, hätte sie es nicht gemacht. Aber sie wollte schon. Sie hat während ihres Überlebens im Kopf ein Tagebuch geschrieben. Das will man dann ja irgendwann loswerden. Und sicher war ihr auch der ärztliche Befund bewusst. Wenn es zum Lebensende geht, will man vielleicht die eine oder andere Sache noch mitteilen.

Ihre Mutter hat eine unglaubliche Härte gegenüber sich selbst gezeigt. Konnte sie diese Härte später aufbrechen?

Sie hat diese Härte gegenüber sich selbst nie aufgebrochen. Sie war immer mit sich selbst kritisch.

Konnte sie im Umgang mit Ihrer Schwester und Ihnen die Härte ablegen?

Ja. Ich habe in meiner Kindheit nicht unter einer harten Mutter gelitten. Allerdings gab es immer bestimmte Regeln, an die man sich halten musste. Wir durften beispielsweise nicht zu spät kommen. Unser Kinderleben spielte sich sehr auf der Straße ab. Aber wenn um sechs Uhr die Pankower Kirchenglocken läuteten, mussten wir zu Hause sein. Wenn wir mitten im Spiel waren und ein anderes Kind vorschlug, zu fragen, ob ich länger bleiben darf, habe ich immer Nein gesagt: Weil ich genau wusste, da gibt es gar keine Diskussion.

Wenn Sie über Kleinigkeiten traurig waren, hat Ihre Mutter dafür Verständnis gehabt?

Meine Mutter hat meine kleinen Sorgen als Kind ernst genommen. Sie war ungeduldig, das in jedem Fall. Aber sie hat mein kleines Schicksal, wenn ich mich geschnitten habe oder so etwas, nicht mit ihrem verglichen. Das Gegenteil war der Fall. Sie hat mir mal eine Geschichte von der Tochter einer Bekannten erzählt, die ganz furchtbar litt, weil sie ein paar Pickel auf der Stirn hatte. Der Arzt sagte damals zur Mutter dieses Mädchens: „Na, wissen Sie, was für Sie damals die Bombennächte waren, das sind für Ihre Tochter jetzt diese zwei Pickel auf der Stirn.“ Das fand meine Mutter vollkommen plausibel und richtig. Da hat sie nicht gesagt: „So ein Quatsch, wer im Bombenkeller saß oder andere Dinge erlebt hat wie ich, für den ist das doch völlig abstrus“ – nein. Das war nicht so.

Wie hat Ihre Mutter ihre Erlebnisse verarbeitet? Hat sie mit Ihrem Vater darüber gesprochen?

Sie hat sicher mit ihm darüber gesprochen. Aber es gab ein stilles Einverständnis. Man wusste voneinander, da musste man nicht mehr so viel sprechen. Sie hat das mit sich abgemacht. Ich glaube heute, dass das alles sehr viel präsenter war, als sie sich das eingestehen wollte.

Ihre Mutter hat nach dem Krieg die Menschen, die ihr geholfen haben, gesucht.

Ja, für eine kurze Zeit. Sie hat ein paar Leute aufgetan, wollte wissen, wie die eine oder andere Geschichte weitergegangen ist. Aber sie hat relativ bald gesagt: Schluss, nicht rückwärts gucken, sondern nach vorne. Sie wollte mit ihren Rettern nichts zu tun haben.

Weil sie nur nach vorn gucken wollte?

Weil sie nicht wollte. Einfach nicht wollte. Und vielleicht auch nicht konnte. Hinzu kommt natürlich die Teilung des Landes, die Teilung der Stadt. Die fehlende Reisefreiheit. Sie ist zum Beispiel nie auf die Idee gekommen, den in Sofia 1942 für den Arbeitseinsatz bulgarischer Fremdarbeiter in Deutschland, Hans Goll, zu suchen, der ihr geholfen hat. Das wäre wahrscheinlich auch gar nicht möglich gewesen, wir haben ja heute andere Hilfsmittel. Aber sie hat das, zumindest mir gegenüber, niemals in Betracht gezogen.

Das haben Sie dann recherchiert?

Mich haben die Helfer interessiert. Eine kannte ich aus meiner Kindheit: Trude Neuke, die Kommunistin, wohnte nicht weit von uns. Eine beeindruckende Frau. Nach Hans Goll habe ich fast zehn Jahre lang gesucht. Er lebte schon nicht mehr, aber mit seiner Tochter und dem Schwiegersohn habe ich mich lange unterhalten. Mit Hilfe eines Kollegen habe ich den Sohn des Holländers gefunden, mit dem meine Mutter in der Nähe der Oberbaumbrücke zwei Jahre gelebt hatte. Ihm verdanke ich das Bild auf dem Umschlag, das sein Vater aufgenommen haben muss. Auch die Tochter des Chinesen konnte ich ausfindig machen. Das waren bewegende Momente.

Mit welchem Gefühl halten Sie jetzt das Buch in der Hand?

Das ist ein tiefes Durchatmen. Und ein Gefühl von Respekt gegenüber meiner Mutter.

Marie Jalowicz Simon: Untergetaucht. Eine Frau überlebt in Berlin 1940 – 1945. S. Fischer. 22,99 Euro