Kunstausstellung

Warum Matthias Koeppel nur Berlin braucht, um zu malen

Matthias Koeppel malt unermüdlich über Berlin, doch die Stadt bietet ihm zu viele Ideen: Er hat fast 2000 Bilder in 60 Jahren gemalt. Eine Schau präsentiert jetzt das Oeuvre des Berlin-Berserkers.

Foto: Reto Klar

Mit gemischten Gefühlen blickt Matthias Koeppel in die nächste Woche. Seine große Ausstellung wird am kommenden Freitag eröffnet. Sie versammelt einen Teil seines Schaffens in den vergangenen sechs Jahrzehnten. Die Schau gibt einen Überblick über die Arbeit eines Berserkers der gegenständlichen Malerei, wobei die Gegenstände zumeist Berlin und seine Bewohner sind.

„Es ist ganz schön, sein eigenes Oeuvre noch einmal im Überblick zu sehen“, sagt er. Viele Bilder habe er lange Zeit nicht mehr gesehen, mindestens die Hälfte der Exponate sind Leihgaben. Der Ephraim-Palais in Mitte könne nur einen Ausschnitt geben, erzählt er. Für eine Retrospektive müsste „ich die Ausstellungshallen am Funkturm mieten“, sagt er und muss lachen. Gezählt habe er nicht, aber 1000 Bilder habe er bestimmt schon gemalt, sagt er. Wenn man die Arbeiten auf kleinerer Fläche dazuzählt, „das ganze Kleinzeugs“, wie er sagt, seien um die 2000 Bilder entstanden.

Alles prima sollte es also sein. Wenn ihm nicht ein Blick in die Vergangenheit bevorstünde. Matthias Koeppel ist 77 Jahre alt, die bevorstehende Ausstellung sei für ihn wie „eine Art Vorbeerdigung zu Lebzeiten“. Er weiß, was ihm beim Empfang bevorsteht: „Es werden nette Reden gehalten, man wird gelobt, das muss man halt so hinnehmen, das geht nicht anders.“ Er sagt das ohne Anflug von Melancholie in der Stimme. Matthias Koeppel ist einer, der „man“ sagt, wenn er „ich“ meint.

Ein Gemälde zur BER-Baustelle und wenig Raum für Interpretation

Die Person Matthias Koeppel steht in einem unübersehbaren Kontrast zu dem Künstler Matthias Koeppel. Letzterer malt plakativ, ausdrucksstark, aufsehenerregend, provokativ. Seine Bilder laden zur Deutung ein, sie fordern sogar eine Reaktion heraus.

Kein Betrachter wird sich von einem seiner Bilder – mit der in der modernen Kunst wohlbekannten Resignation – abwenden mit dem Gefühl, sie oder er habe das Bild „nicht verstanden“. Intuitiv interpretiert man das Bild richtig. Oder besser gesagt: Man meint, man habe das Bild richtig interpretiert. Die übergroße Pepsiflasche in dem Gemälde „..und alles wird wieder gut. Der 3. Oktober ’90 vor der Neuen Wache“? Klar, hier feiert sich der Kapitalismus auf banale Weise.

Oder der faltige Mehdorn vor der Baustelle BER, die mehr einem Abriss als einem Aufbau gleicht, mit dem schönen Titel „Die Brandschutzexperten überprüfen die Entrauchungsanlage“? Logisch, hier werden unfähige Flughafen-Manager gegeißelt.

So laut und missionarisch Koeppels Bilder zu sein scheinen, so zurückhaltend und uneindeutig ist der Mensch Koeppel. Seine Stimme ist leise, er spricht mit Bedacht, jedes Wort abwägend. Es scheint so, als ob er genug Stereotypen über sich gelesen und gehört habe und aufpasse, dass ja nicht noch ein weiteres hinzukommt.

„Ein wachsamer Beobachter politischer Vorgänge“

Er zählt, wie auch der Urberliner Johannes Grützke, zu den Gründungsmitgliedern der „Schule der Neuen Prächtigkeit“. Diese fand sich 1973 als Gegenposition zu der dominierenden abstrakten Malerei zusammen. Dabei ging es nicht nur um einen anderen Malstil, sondern sie wollte auch den vorherrschenden Zeitgeist durch Aktionen – links, ernsthaft, dogmatisch – lächerlich machen.

Aber mehr Kategorisierung lässt Matthias Koeppel nicht zu: Eine politische Botschaft habe er nicht, er sei viel mehr „ein wachsamer Beobachter politischer Vorgänge“, der in „der bürgerlichen Mitte“ angesiedelt ist. Und auch das Attribut „ironisch“ kann er über sein Werk nicht mehr hören: Sobald etwas unter Ironieverdacht stünde, „tut man es immer schnell ab, als wäre man damit der Aufgabe entbunden, es weiter zu analysieren“.

Vor ein paar Tagen, auf der Buchmesse in Leipzig, hat ein anderer Künstler mit langer Karriere, es war Martin Mosebach, für sich Erfolg definiert: Ruhm für die Nachwelt. Wenn seine Bücher noch 50 Jahre nach seinem Tod gelesen werden, das wäre für Mosebach Erfolg. Dieser Maßstab ist Matthias Koeppel fremd. „Ich möchte in der Gegenwart wirksam sein, das ist mein Ziel“, sagt er.

Berlin-Gemälde aus der Perspektive des bürgerlichen Westens

Er wolle „aktuell zu den Lebensumständen, die wir alle durchmachen, einen Kommentar geben“. Vielleicht gebe es in einem halben Jahrhundert „noch ein paar verrückte Leute, die das irgendwo rauskramen und sagen: ‚Guck mal, so etwas Komisches hat der damals gemalt.’“ Seine Bescheidenheit ist nicht kokett. Ihm scheint alles Exaltierte und Egomanische, zwei bevorzugte Begleiterscheinungen einer Künstlerexistenz, fremd, ja zuwider zu sein.

Und so beobachtet er Berlin, vom bürgerlichen Westen aus wohlgemerkt. Seine Galerie ist in einer beschaulichen Seitenstraße in Wilmersdorf, sein Atelier ist im Wedding, vom dortigen Leben jedoch, das sagt er selbst, bekommt er wenig mit. Den Osten der Stadt, nimmt man einmal Mitte raus, interessiert ihn nicht. An das „Biotop West-Berlin“ erinnert er sich gern, hier sogar schwärmerisch.

Über zehn Jahre ist es jetzt her, als im Haus am Waldsee seine große Schau stattfand, der Klassiker von Karl Scheffler „Berlin ist immer im Werden“ war damals das Motto. Die Zeile passte damals besser zu den Zeiten als heute. Denn „Berlin werde langsam zu einer richtigen Metropole“, mit all den bekannten Folgen: Das Leben werde teurer, zu teuer für viele junge Künstler, die Attraktivität der Stadt schwinde: „Zwangsläufig“ sei diese Entwicklung, sagt Matthias Koeppel, und ein Grund zur Klage sei sie auch nicht: „Das ist der Lauf der Zeit, da bin ich Stoiker, das nehme ich so hin.“

Manche Dinge ändern sich nie, manche Dinge werden besser. Wie zum Beispiel die Himmelsmalerei. Dafür ist er, neben seiner Berlin-Obsession, berühmt. Kommende Woche gilt es bei der Ausstellung seine Himmel zu vergleichen. Matthias Koeppel meint nämlich, sie seien ihm in den vergangenen Jahrzehnten besser gelungen: „Da bin ich wie ein Sportler: Wer viel trainiert, wird auch irgendwann besser“, und fügt gleich einschränkend hinzu: „Das merke aber wahrscheinlich nur ich.“ Wir werden sehen.

Matthias Koeppel: Himmel, Berlin! Ephraim-Palais, Poststraße 16, Mitte, Öffnungszeiten Di, Do–So 10–18 Uhr, Mi 12–20 Uhr, 21.03. bis 28.09.2014