Dieser Mann ist ungemein souverän, und genau das wirft Fragen auf. Ja, gerade weil es Tim Bendzko nicht nötig hat, gibt sein Auftritt Anlass zu der Frage, wann das Nölige eigentlich Einzug in die Popmusik gehalten hat. Warum herrscht allerorten dieser wehleidige Tonfall? Ist vielleicht Xavier Naidoo schuld? In dessen Fängen startete Bendzko vor fünf Jahren ja seine Überfliegerkarriere. Oder gar die Bundeskanzlerin?

Klingt komisch, doch man führe sich folgenden Text zu Gemüte: „Hast du auch dieses Gefühl im Bauch? Fühlst du es auch? Wir sitzen hier auf einem Pulverfass. Es hat sich einiges angestaut.“ Ja genau, denkt der Zuhörer. Endlich singt es jemand den Jugendlichen vor, die per „Tagesschau“ nur noch schwer zu erreichen sind, aber bereits mit dem Handy mitschneiden. „Wir haben es satt, in eurem Takt zu marschier’n; wir haben es satt, in euren Schatten zu krepier’n.“ Intelligent, diese Wut wird gebraucht, weiter so, es fehlt nur noch der saftige Refrain. Doch, ach! Bis zu diesem reicht die Wut nicht. Ratlos bloß fragt die wichtigste Zeile „Wo sollen wir nur hin?“

Ein schrecklicher Gedanke schleicht sich ein: Ist da eine Generation Merkel ins Musikanten- und Konzertgängeralter gekommen? Junge Menschen, die nicht einmal mehr Gerhard Schröder kennen, denen das Keine-Alternative-Gelaber so ins Blut übergegangen ist, dass sie ihren schmerzenden „Bauch“ als unabänderlichen Dauerzustand in weinerlichen Popsongs besingen müssen? Das mitschunkelnde Publikum ist selig eingelullt in die Ausweglosigkeit solcher Zeilen. Was soll das Gegreine Herr Bendzko, warum holen Sie nicht einmal den Mittelfinger raus? Meinetwegen samt Backgroundchor und Elektrogefrubbel. Cool genug sind Sie.

Ortsgruppe der Jungen Union könnte Kulturabend hierher verlegen

Von wegen „nur noch kurz die Welt retten“. Seinen größten Hit, den Bendzko auch noch mit den Worten „ihr wisst ja, die Welt geht unter…“ ankündigt, hat er offensichtlich nicht ernst gemeint. Früher war die Jugend fürs Revoltieren zuständig. Heute könnte die Ortsgruppe der Jungen Union ihren Kulturabend anstandslos hierher verlegen und mitgrölen, auffallen würde das nicht, weder dem Publikum noch der Ortsgruppe.

Das musste einmal gesagt werden, aber sei’s drum, das hier ist Pop, und die Bühnenshow verdient viel Lob. Zuallererst für das Lichtdesign. Videoleinwände gab es zum Glück nicht, auch kein Konfetti und ähnlichen Schnickschnack. Das Spiel der Lichtkegel, die stimmungsvollen Illuminationen und die dezenten und mit Witz produzierten Videoprojektionen auf fünf senkrechten Leinwandstreifen sorgten für eine grandiose Ästhetik und den Höchstgrad an Intimität, der sich in einer so großen Halle herstellen lässt, die ausverkauft war.

Der charmante Star wirkt in dieser Kulisse selbstsicher und gelassen. Je weinerlicher er singt, desto mehr klingt Bendzko nach Naidoo, was übrigens seine schlechtesten Momente sind. Aber er jammert nicht nur, das muss der Ehrlichkeit halber gesagt werden. Seine Texte sind gefühlvoll, lyrisch und poetisch, so die am häufigsten benutzten Umschreibungen. Unkonkret genug jedenfalls, dass sich jeder darin wiederfinden kann.

Bendzko hat sein Publikum von Anfang an bei sich

Es ist schon verständlich, warum er die Massen so für sich einnimmt. Er braucht keine übertriebenen Gesten, biedert sich nicht an und beweist zwischen den Liedern leicht trockenen Humor. Er kann den Grönemeyer-Hit „Was soll das“ singen, damit Begeisterungsstürme auslösen und wirkt nicht eine Sekunde wie ein Nachmacher. Eher wie ein Kollege auf Augenhöhe, der es sich leisten kann, diesen Tribut zu zollen.

Die Showeinlagen sind wohl dosiert, ob ein Brust-zu-Brust-Schauspringen oder eine gelegentliche Tanzchoreografie. Bloß nicht zu viel lautet die Devise und das hat wirklich Stil, so wie im Übrigen auch die Auswahl seines Vorprogramms. Julia Engelmann, Shooting Star der Poetry-Slam-Szene, bekommt einen umjubelten Kurzauftritt. Überzeugend eröffnen durfte den Abend der junge Songwriter Tom Klose im Duett mit einem Cellisten.

Bendzko tanzt anschließend im Schlurfschritt über die Bühne und hat sein Publikum von Anfang an bei sich. Die Band ist bestens eingespielt, Berlin war schließlich auch die letzte Station von Bendzkos „Ich steh nicht mehr still“-Tour durch ganz Deutschland. Siegreich kehrt er also nach Hause zurück und man gönnt es ihm trotz Schnulzfaktor. Eines muss man Tim Bendzko lassen: Er hat das Format, im so genannten Mainstream den Ton anzugeben. Schade, dass er sich noch keinen größeren Herausforderungen stellt.