Es wurde viel diskutiert in den vergangenen Tagen, welches der wohl rührendste Moment ist in dem millionenfach geklickten YouTube-Video von Julia Engelmann, wie sie schüchtern und selbstbewusst gleichzeitig dasteht und ohne einmal zu zögern ihr Gedicht „One Day / Reckoning Song“ vorträgt. Da ist zum ersten der Moment, als sie empfiehlt, „der zu werden, der man immer sein wollte“, oder zweitens der Moment, als sie die Hoffnung von Silvester beschreibt, wenn das Jahr ganz neu ist und alles besser werden kann. Aber wahrscheinlich ist es die kurze Szene am Anfang des fünf Minuten und 48 Sekunden dauernden Videos, als sie sich selbst beschreibt, dass sie zu lang nachdenke und so. Das klingt naiv und nachdenklich und am Ende ironisch: „Ich wäre gerne klug – allein das ist ziemlich dämlich.“

Die 21 Jahre alte Studentin Julia Engelmann trägt das in dem Video sehr schnell vor, so schnell, dass man die Zahl von fast vier Millionen Klicks bei Youtube wahrscheinlich halbieren muss, weil die meisten es wohl mehrfach angeschaut haben. Vorgetragen hat die Bremer Psychologie-Studentin den Text vor rund neun Monaten bei einem Poetry-Slam in Bielefeld, der losbrechende Applaus ist abgeschnitten am Ende des Films. Das Video steht seit fast einem Jahr online, aber richtig bekannt wurde es erst vor wenigen Tagen. Julia Engelmann ist damit der erste Youtube-Star im neuen Jahr 2014.

Täglich eine Gelegenheit für Hobby-Dichter

Ausgerechnet aus einem Poetry-Slam, jenem Genre, das vor allem in Berlin sehr beliebt ist und am Freitag mit seinem Bastard-Slam im Club Ritter Butzke wieder einen Höhepunkt hat. Mit 170 Anmeldungen ist es einer der größeren in Berlin. Fast jeden Tag gibt es eine Gelegenheit für Hobby-Dichter, die Wirkung ihres Gedichts vor einem Publikum zu testen. Julia Engelmann hat häufiger schon auf solchen Bühnen gestanden, aber dieses Mal sind die Themen des Gedichts solche, die fast jede Generation umtreibt: Leben wir richtig? Müsste nicht alles ganz anders sein? Wie viel kann ich als Einzelner verändern? Die wichtigste Frage lautet für Engelmann: Wie werde ich auf mein Leben zurückblicken, wenn ich alt sein werde? Im Refrain sagt sie: „Und eines Tages Baby, werd’ ich alt sein. Oh Baby, werd’ ich alt sein und an all die Geschichten denken, die ich hätte erzählen können.“

Die ernsten Literaturkritiker werfen ihr blasiert vor, nicht nur von anderen Künstlern frech geklaut zu haben, sondern vor allem in ihren eigenen Passagen nur an der Oberfläche zu bleiben und Kitsch zu verbreiten. Vor allem die Aussage „Mut sei auch nur ein Anagramm von Glück“ erregt die Kritiker. Filmexperten wiederum lesen in ihrer Art des Vortrags ein großes Kalkül, das sich in jeder Sekunde seiner Wirkung bewusst ist. Julia Engelmann habe sich selbst das Zittern in der Stimme eben nur antrainiert. Schließlich hat die junge Dame schon viel Erfahrung als Schauspielerin aus der Daily Soap „Alles was zählt“ auf RTL, in der sie eine Eishockeyspielerin darstellte. Doch es gibt auch die vorbehaltlos, arglosen Zuschauer, denen die Alltags-Lyrik mit Harry-Potter-Zitaten und Pop-Einsprengseln eben zusagen, vielleicht weil sie selbst schreiben wollen. Und genau um die macht sich Wolf Hogekamp Sorgen. Der Berliner ist seit Jahren einer der Organisatoren von großen Poetry Slams, unter anderem des U20-Slams im Grips Theater, der seit Beginn immer ausverkauft war. Nur junge Dichter sind dort zugelassen, meist sehr sensible Menschen. „Jetzt, wo die ersten negativen Reaktionen kommen“, sagt er, „fragen sich schon viele, ob sie das selbst aushalten würden, anstelle von Julia Engelmann.“ Hogekamp kann den Zeilen von Engelmann nicht viel abgewinnen und bleibt Medienhypes generell gegenüber skeptisch. „Aber immerhin war unser sonst nicht so gut besuchter Slam „Spree vom Weizen“ in der Friedrichshainer „Jägerklause“ am Montag trotz Glatteis ausgebucht.

Hogekamp besteht auf einem Video-Verbot, das er auch beim „Bastard-Slam“ im Ritter-Butzke am Freitag durchsetzen wird. „Ich will gar keinen Hit produzieren“, sagt er, „mir ist es lieber, wenn die Qualität kontinuierlicher gut ist.“ Dafür sorgt er mit einer Vorauswahl, die zwar undemokratisch mit einem Team ablaufe, aber das sei eben so. Julia Engelmann hätte diese Vorauswahl wahrscheinlich bestanden. Denn am Ende ihres Gedichts steht ein Aufruf zu mehr Poesie: „Also los, schreiben wir Geschichten, die wir später gerne erzählen.“