Bei Helene Fischers Karrieretempo kann einem schwindlig werden. Es überschlagen sich geradezu die Verkaufszahlen und Chartplatzierungen ihrer Lieder, die Ticketverkäufe, Ehrungen und sonstigen Auftritte, am 27. März 2014 wird die Schlagersängerin wieder in Berlin die Echo-Preisverleihung moderieren und ist obendrein selbst nominiert.
Und wenn das Kalkül der Entertainerin und ihres Managements aufgeht, dann wird sie im Jahr 2015 den Olymp erreicht haben. Es wäre ein Ritterschlag, wenn Helene Fischer es am 4. Juli 2015 schaffen würde, das Berliner Olympiastadion am Ende einer langen Tournee zu füllen.
Wenn sich 70.000 Leute allein ihretwegen auf den Weg nach Berlin, in dieses legendäre Riesenstadion machen. Dann steht sie als Sängerin in einer Reihe mit amerikanischen Superdiven wie Tina Turner (2000), Pink (2004) und Madonna (2008). Helene Fischer, die als kleines Mädchen aus Sibirien nach Deutschland kam, ist zu dem Zeitpunkt gerade mal 30 Jahre alt.
Eine wundersame Karriere
Ihre wundersame Karriere wirkt perfekt getimt, die Künstlerin vom Kopf bis zu den Füßen durchgestylt. Weshalb sich schon ein wenig Friseursalon-Psychologie anbietet für eine Sängerin, die auf der Bühne verführerisch ihre blonde Mähne schüttelt. Sie trägt ihren Scheitel links. Damit gilt sie als aktiv, kontaktfreudig, aufgeschlossen. Der rechte Scheitel wird den Tiefsinnigen, Feinfühligen, der Mittelscheitel dagegen den Unentschlossenen zugesprochen. Viel mehr Wahlmöglichkeiten haben die braven Schönen der Showbühne auch nicht. An den Füßen trägt Helene Fischer hochhackige Schuhe. Es macht sie größer, und etwas Aufreizendes muss sein. Als ausgebildete Musicaldarstellerin kann sie offenbar in vielen Schuhen tanzen. Konkurrentin Barbara Schöneberger (schräger Mittelscheitel) hat einmal neidvoll gesagt: „Oh Mann, die ist wirklich perfekt“. Vielleicht meinte sie auch einfach nur schlank.
Längst wissen wir, was die deutschen Männer an ihr schätzen. Nach einer Umfrage des Magazins „Playboy“, das sich offenbar auch als Fachblatt für innere Werte verkaufen möchte, hält jeder Fünfte sie für die ideale Frau. Dabei geht es um Eigenschaften wie Ehrlichkeit, Treue, Humor. Nach Fischer folgt übrigens gleich die Schöneberger. Männer sind möglicherweise auch nicht mehr das, was sie mal waren. Seit Jahren ist der singende TV-Moderator Florian Silbereisen (Mittelscheitel) der offizielle Mann an der Seite von Helene Fischer. Das finden viele gut, andere komisch, auf jeden Fall gibt es genügend Stoff für die bunten Blätter im Lande her. Der schöne Schein der Schlagerwelt gehört zur Unterhaltungsindustrie.
Ausbildung zur Musicaldarstellerin
Die Fischer ist derzeit ihr glamourösestes Ziehkind. Eine Goldmarie. Und eine Aufsteigerin, die sich durchbeißen kann. Womöglich ist das ihr familiäres Erbe. Ihre Großeltern waren zu finstersten Sowjetzeiten als Wolgadeutsche 1941 nach Sibirien deportiert worden, knapp ein halbes Jahrhundert später siedelten ihre Eltern – der Vater war Sportlehrer – zurück nach Deutschland, ins rheinland-pfälzische Wöllstein. Helene Fischer machte in Frankfurt am Main eine dreijährige Ausbildung zur Musicaldarstellerin. Am Staatstheater Darmstadt spielte sie in der „Rocky Horror Show“, am Volkstheater Frankfurt in der Schlagerrevue „Fifty-Fifty“ und im Musical „Anatevka“ mit.
Genau genommen ist sie damit eine Fremde, eine Exotin in der Schlagerbranche. Und genau das macht wohl auch ihren Erfolg aus. Andere Schlagerstars können ebenso gut und auch besser singen, haben markantere Stimmen, aber Helene Fischer haftet so überhaupt keine musikalische Biederkeit des Schlagermilieus an. Sie kann tanzen, was sie gleichrangig mit anderen Tänzern in Gruppenbildern umzusetzen versteht, aber am deutlichsten fällt der Unterschied in der Gestik auf. Der Urtypus des Schlägersängers hält in der linken Hand das Mikro, die rechte illustriert irgendwie den Text.
Hand aufs Herz ist ein Klischee
Dann wird beim Wort Herz die flache Hand aufs Herz gelegt, das Publikum mit dem ausgestreckten Arm nebst Zeigefinger angesprochen, bei Traumbildern die offene Hand in großer Bogenbewegung geschwungen. Das Ganze passiert streng im Rhythmus und oft sehr abrupt. Es bedient letztlich die Klischees. Wenig davon findet sich in Helene Fischers Choreografien wieder. Sie arbeitet mit geschmeidigen, fließenden Bewegungen, arbeitet gern gegen Stimmungsimpulse. Tanzt das Publikum, steht sie ruhig, verharrt das Publikum, bietet sie etwas Choreografisches an. Es hat etwas Unberechenbares. Und sie präsentiert zuerst sich selbst, bei aller Dynamik insgesamt eher als Romantikerin und keinesfalls als Luder.
Im Musicalgewerbe hat sie gelernt, ein leeres weißes Blatt zu sein, auf dem jede Figur, jede Rolle scheinbar spontan gezeichnet werden kann. Dazu gehört auch die Rolle des netten Mädchens von nebenan. Ihre Wandlungsfähigkeit gibt der Schlager-Ikone auch die Chance, mit Kollegen aufzutreten, die unterschiedlicher nicht sein können. Da wird sie schnell zur Duettpartnerin des Schlagerseniors Howard Carpendale (Mittelscheitel), der aufgeregten Newcomerin Beatrice Egli (rechter Scheitel), des Zwanziger-Jahre-Schnulzen-Stars Max Raabe (linker Scheitel) oder des robusten Red Army Choirs (Militärmützen).
Die verschiedenen Sparten vereint
Ihr fällt es leichter, die verschiedenen Sparten glaubwürdig zusammen zu bringen. Dazwischen liefert sie selbst immer wieder Musical ab. Helene Fischer können sich viele anschauen, egal ob sie zur Generation 60plus oder 30minus gehören, der Schlager, Softpop- oder Musicalfraktion angehören. Das können nur wenige im Showgeschäft.
Die Fähigkeit als Vernetzerin der verschiedenen Publikum-Milieus wird sie fürs Olympiastadion gebrauchen können. Popularität ist eine wankelmütige Angelegenheit, allzu schnelle Karrieren sind immer gefährdet. Die anderen, die vor ihr dort aufgetreten sind, darunter Rampensäue wie die Rolling Stones, U2, Elton John und Michael Jackson, haben hart am Erfolg gearbeitet. Ihre eingefleischten Fans gierten in Berlin nach der Einmaligkeit, der Exklusivität ihrer Konzerte. Die Schlagersängerin wird dagegen vor ihrer „Farbenspiel Live“-Stadion-Tournee, die im Olympiastadion endet, bereits vom 12. bis 14. November dreimal in der bereits ausverkauften Berliner O2 World auftreten und kurz darauf im Velodrom die Helene-Fischer-Show fürs Fernsehen aufzeichnen. Mut hat sie ja.
Berliner Olympiastadion: Am 4. Juli 2015, Tickets kosten zwischen 43 und 85 Euro. Erhältlich sind sie ab Dienstag, 11. März 2014 ab 10 Uhr unter www.eventim.de und ab Freitag, 14. März 2014, an allen bekannten Vorverkaufsstellen.

























