Eigentlich verkauft Detlef die Obdachlosenzeitung Motz. Doch viele Exemplare des Straßenmagazins hat er nicht dabei, wenn er von 10 bis 12 Uhr vor der Post in Berlin-Marienfelde steht. Denn die meisten Kunden geben ihm im Hinausgehen auch so etwas Kleingeld.

Im Kiez ist der kleine, stämmige Mann Mitte 50 inzwischen eine Institution. Sein Job, sagt er, sei weniger das Zeitungverkaufen. Damit wolle er nur sein Essen finanzieren, für alles andere reiche seine Rente. Er stehe vor allem vor der Post, weil er gern mit den Menschen rede. Und die Marienfelder reden gern mit ihm.

Ein Arbeitsunfall hatte den gelernten Maler vor acht Jahren aus der Bahn geworfen. Nach kurzer Obdachlosigkeit bezog er eine kleine Wohnung in Marienfelde. Seitdem steht Detlef, der seinen Nachnamen nicht in der Zeitung lesen möchte, von Montag bis Sonnabend an der Königstraße.

„Ich höre ihnen zu, das honorieren sie“

So auch an diesem Morgen gegen 11 Uhr. Ein weißhaariger Mann hat Detlef ein paar Münzen in die Hand gedrückt. „Danke, mein Lieber“, sagt er, „bleib mal kurz stehen und erzähl. Deiner Frau geht es wieder gut, hab ich gehört?“ Viele Ältere im Viertel schauen regelmäßig auf einen Plausch vorbei. „Ich höre ihnen zu, das honorieren sie“, sagt Detlef.

Und nicht nur das. Er passe auf das Rad ihres Mannes auf, wenn dieser in der Bank sei, erklärt eine ältere Frau mit rotem Lippenstift und blonden Haaren. Sie hat Detlef gerade Kleingeld gegeben. „Außerdem tut er mir Leid. Er hat kein einfaches Leben.“

Peer-Steve Höller gesellt sich zu Detlef. Piercings im Gesicht, blondierte Haare. Der 33-Jährige ist mit dem Skateboard unterwegs zur U-Bahn. Detlef und er kennen sich seit sechs Jahren. Höller kommt jeden Tag vorbei. „Hier im Viertel ist einiges los“, sagt er. Von Unfallflucht bis zu Körperverletzung und Paaren, die sich auf offener Straße anschreien, habe er schon einiges erlebt.

Die Marienfelder würden ihn vermissen

Detlef bekommt davon besonders viel mit. Allerdings: Mehr als zwei Stunden Stehen schafft er selten. Im Sommer hat er einen Stuhl dabei. „Ich hätte gern wieder einen richtigen Job“, sagt er. Dafür würde er seinen Kiez sogar verlassen.

Die Marienfelder aber würden ihn vermissen, denkt Detlef. Einmal, da sei eine ältere Frau auf ihn zugekommen und habe angefangen, ihn „abzuknutschen“. „Ich habe sie schnell weggeschoben“, sagt er und grinst verschämt. „Ich mag die Leute. Aber wen ich küsse, möchte ich mir dann doch selbst aussuchen.“