Armut

Das harte Geschäft mit der Straßenzeitung in Berlin

Einwanderer und Sozialhilfeempfänger machen Obdachlosen ihr Revier als Verkäufer von Straßenzeitungen streitig. Darf man Armen den Zeitungsverkauf verbieten, um noch Ärmere zu schützen?

Foto: Marc Tirl / dpa

Toms Hände sind schwarz von Druckerschwärze und Dreck. Aus seinem bärtigen, von Straßenschmutz gezeichneten Gesicht funkeln helle und hektische Augen. Seine leise Stimme murmelt das Mantra der vergangenen Jahre: „Schönen juten Tach, darf ich Ihnen die „Motz“ anbieten?“ Die Menschen gehen an ihm vorbei und erledigen ihre Abendeinkäufe. Einer kauft ihm für 1,20 Euro eine Zeitung ab, als einziger an diesem ungemütlichen Winterabend. Abzüglich des Einkaufspreises für die „Motz“ bleiben Tom davon 80 Cent. Das reicht ihm fast für ein Abendessen. Glücklich blickt Tom trotzdem nicht drein. „Ich hab Stress mit den Rumänen“, sagt er.

Tom ist 45 Jahre alt und lebt seit Jahren auf der Straße. Er hat das Gesicht eines Jungen, der sich einen Bart wachsen ließ, um älter zu wirken. Und er hat Augen, die wütend aufblitzen können, wenn er auf die Konkurrenz in seinem Gewerbe angesprochen wird. Tom verkauft seit sieben Jahren die Straßenzeitung „Motz“ – passenderweise in der Motzstraße in Berlin-Schöneberg. Sein Arbeitsplatz ist in Gefahr, weil die Zeitungen längst nicht mehr bloß von Obdachlosen verkauft werden, wie es die Macher der Straßenzeitung bei der Gründung 1995 vorgesehen hatten. Mittlerweile streiten sich die Wohnungslosen mit Hartz-IV-Empfängern, Rentnern und Einwanderern um die besten Plätze.

Eine neue Generation von „Motz“-Verkäufern

„Es gibt eine neue Generation von „Motz“-Verkäufern. Die sind nicht mehr obdachlos und bekommen oft Sozialgelder“, sagt Tom. Nach einer kurzen Pause ruft er empört: „Manche arbeiten sogar!“ Neuerdings steht mehrmals in der Woche „ein Rumäne“ vor seinem Supermarkt. Der will ihn verdrängen, sagt Tom. „Früher hab ich bis zu 100 Euro gemacht, jetzt gibt's an einem guten Tag höchstens einen Zwanni.“ Tom wurde das Geschäft kaputt gemacht, sagt er.

Tatsächlich kommt der Mann, der Tom den Platz streitig macht, aus Moldau, wo man Rumänisch spricht. Sein Name ist Mario. Seit knapp drei Monaten steht der Einwanderer regelmäßig vor dem Supermarkt, den vorher ausschließlich Tom für sich beansprucht hat. Gegen die Kälte hat er die blaue Kapuze seines Pullovers über die Mütze gezogen. Unruhig tritt er von einem Fuß auf den anderen, um sich warm zu halten. Durch eine breite Lücke zwischen den kaputten Schneidezähnen blitzt einem ein herzliches Lächeln entgegen, wenn man Mario für einen kurzen Plausch anspricht. Ernst wird sein Gesichtsausdruck dagegen, wenn er auf die Situation unter den Verkäufern angesprochen wird.

„Muss auch leben“, sagt er. Es gebe zu viele Verkäufer. Wenn jemand bei einem anderen schon eine Zeitung gekauft habe, werde er keine zweite bei ihm kaufen, ist Marios einfache Rechnung. Durchschnittlich verdient er nach eigenen Angaben am Tag um die acht Euro.

"Dann gibt’s öfter auch mal aufs Maul“

Wie es zwischen den Straßenverkäufern im sonst so friedlichen Westen Berlins zugeht, weiß Peggy Kaufmann. Die 43 Jahre alte Sozialpädagogin sitzt in einem winzigen Wohnwagen am Nollendorfplatz und verteilt „Motz“-Exemplare an die Verkäufer: eine Ausgabe für 40 Cent, gratis dazu gibt es ein paar warme Worte und manchmal etwas zu essen.

Kaufmann ist eine gerechte Frau, hat eine Berliner Schnauze und nach eigenen Angaben „1000 Kilo zu viel druff“. Vor einigen Monaten ging das mit den neuen Verkäufern los, auch Kaufmann spricht von „Rumänen“. Anstatt zwei oder vier Ausgaben, wie sie die meisten bei ihr einkaufen, holen sie sich morgens gleich 20 oder 30 Zeitungen, erzählt sie. Nachmittags kommen sie wieder und holen den zweiten Schwung. „Die sind ziemlich gut organisiert. Wenn einer krank ist, kommt der nächste und stellt sich vor den Supermarkt. Leute wie Tom sind da eher Einzelgänger.“ Und wenn einer wie Tom auf seinem langjährigen Stammplatz besteht? „Dann gibt's öfter auch mal aufs Maul.“

Seitdem der Markt härter geworden ist, ist Tom viel dünner und schlaffer geworden, findet Kaufmann. „Was war das für ein hübscher Junge! Aber er hat wahnsinnig abgebaut.“ Tom lebt und schläft auf der Straße. Sozialhilfe bekommt er nicht, weil er einmal seine Betreuerin geohrfeigt hat, gibt Tom zu. Das ist ihm unangenehm, eigentlich sei er gar nicht aggressiv.

Vor dem Supermarkt hat seine Stimme seinen gemurmelten Singsang wiedergefunden: „Schönen juten Tach...“ Andere haben sich an diesem kalten Tag in die U-Bahnen zurückgezogen, was ein groteskes Bild ergibt: Allein auf dem 15-minütigen Weg vom Nollendorf- zum Alexanderplatz steigen nacheinander zwei „Motz“-Verkäufer und auch noch ein Straßenmusiker-Duo in die U2, um mit Klageliedern und -sprüchen um die Cents der Touristen und Berliner zu kämpfen. „Sonst gibt's heute Abend nix zu beißen“, sagt einer der Verkäufer. Am Alex angekommen, empfängt die Fahrgäste auch noch ein Verkäufer des „Straßenfegers“, einer weiteren Obdachlosenzeitung. Berlin, die Arm-aber-sexy-Metropole, ist gleichzeitig auch die Armen-Hauptstadt der Republik.

„Motz“-Verkauf kein Zubrot, sondern überlebenswichtig

Schätzungen zufolge gibt es in Deutschland etwa 248.000 Wohnungslose, in Berlin liegt die Zahl bei ungefähr 10.000. Die Einnahmen aus dem „Motz“-Verkauf sind für viele kein Zubrot, sondern überlebenswichtig, berichtet Peggy Kaufmann im Wohnwagen. „Wir haben ein paar Todeskandidaten.“

Aus einem Fenster in der „Motz“-Geschäftsstelle in Kreuzberg blickt man mitten auf einen Friedhof. „Motz“-Gründungsmitglied und Redaktionsleiter Christian Linde veröffentlicht von hier aus im zweiwöchigen Wechsel eine Ausgabe mit Geschichten von Betroffenen und eine mit dem aktuellen Geschehen. Deren Themen gleichen denen in den klassischen Tageszeitungen: Hauptstadtflughafen, steigende Mieten, Berliner Wasserverträge – geschrieben von Professoren, Studenten, freien Autoren und von Linde selbst. Die Auflage liegt bei 15 000 Exemplaren.

Linde trägt schwarze Klamotten und die Frisur von Bruce Willis. Einen Begriff will er zunächst klar definieren: Die „Motz“ ist keine „Obdachlosenzeitung“, sondern das „Berliner Straßenmagazin“. Und genau das ist das Problem für Obdachlose wie Tom.

Jeder darf die Zeitung verkaufen, egal ob arm oder sehr arm. Ob mit oder ohne Wohnung, Sozialhilfeempfänger oder Hilfeverweigerer. Mittlerweile gibt es in Berlin Hunderte „Motz“-Verkäufer, sagt Linde. Keiner muss auf welche Weise auch immer vorweisen, dass er auf der Straße lebt. Bei anderen Straßenzeitungen müssen die Verkäufer ein Namensschildchen tragen. Ein Problem für Sozialhilfeempfänger: Schwärzt sie jemand an, geht der Verkaufsgewinn von der Stütze ab.

Bei der „Motz“ will man so etwas nicht einführen. Stattdessen wird über eine Anzeige in der aktuellen Ausgabe sogar nach solchen Verkäufern gesucht: „An alle Geringverdiener (Hartz-4-Empfänger, Rentner, ...): Wenn Sie etwas dazuverdienen wollen, versuchen Sie es doch einmal mit dem Verkauf unserer Zeitung.“

Einführung von Hartz IV war ein Bruch für die Branche

Dieter ist so ein Geringverdiener, der die „Motz“ verkauft. Er teilt sich einen Supermarktplatz mit einem Einwanderer. Mittags der, abends Dieter. Das ist der Deal. Seinen richtigen Namen möchte er nicht in der Zeitung lesen. „Das geht dann von der Rente ab, wenn die Kasse das erfährt“, sagt er. Dieter hat vieles, worum ihn andere Verkäufer beneiden: eine feste Bleibe, eine Familie. Das Geld, das er verdient, spare er für seinen zehn Jahre alten Enkel an. Der soll es einmal besser haben.

Die Einführung von Hartz IV im Jahr 2005 sei ein Bruch für die Arbeit bei der „Motz“ gewesen, die Schar der Verkäufer eine andere geworden, sagt Christian Linde. Die steigenden Mieten hätten ein Übriges getan. Es könne allerdings nicht der Anspruch einer Zeitung sein, zwischen arm und mittellos zu unterscheiden. „Obdachlosigkeit ist nur die extremste Form einer sozialen Kette, mit der wir es zu tun haben.“ Die wachsende Zahl der in Armut lebenden Menschen schlage sich auch auf das Verkäuferspektrum der „Motz“ nieder.

Er kann mittlerweile die Uhr danach stellen, wann wieder ein Schwung Hartz-IV-Empfänger in die Geschäftsstelle kommt. „Das ist kein Klischee: Am 21., 22., 23. eines Monats, da ist das Geld alle und der Kühlschrank leer. Die, die dann herkommen, haben es auch wirklich nötig.“ Einwanderer hätten ebenfalls ein Recht auf den Verkauf. Berlin sei so groß, da müsste doch Platz für alle sein. Natürlich gehöre es sich nicht, Leute von ihren Stammplätzen zu vertreiben. Aber neu sei die Masche nicht, sagt Linde. „Der Kampf um Verkaufsplätze ist so alt wie die Zeitung.“ Gewalttaten gab es seines Wissens deshalb noch nicht.

Tom ist mittlerweile verschwunden. Seit einigen Wochen wurde er nicht mehr in der Motzstraße gesehen. Man kannte ihn hier, den Obdachlosen mit dem dunklen Bart und der leise murmelnden Stimme, der täglich vor dem Supermarkteingang stand. „Vielleicht hat der Urlaub“, vermutet eine dunkelhaarige Verkäuferin im Markt. Auch Mario, der Einwanderer aus Moldau, hat Tom seit Wochen nicht mehr gesichtet. Angeblich weiß er auch, warum: „Der ist Knast“, sagt Mario, angeblich wegen Schwarzfahrens. Den Platz vor dem Supermarkt hat Mario jetzt für sich allein.