Berliner Stadtmission

Botschafter der Gestrandeten findet die richtigen Worte

Hans-Georg Filker ist Direktor der Berliner Stadtmission. Sie kümmert sich vor allem um Menschen in sozialer Not. Ob Obdachlose, Knackis oder Alkoholiker – der Pfarrer begegnet allen auf Augenhöhe.

Foto: Massimo Rodari

Die erste Überraschung erlebe ich auf dem geteerten Vorplatz der Berliner Stadtmission an der Lehrter Straße. In Erwartung, hier den Gestrandeten der Stadt zu begegnen, kommt mir eine fröhliche Schülergruppe entgegen, die sich mit ihren Rollkoffern Richtung benachbartem Hauptbahnhof trollt. Von dem kommt gerade ein junger Mann mit Rucksack auf dem Weg zu seiner Studentenbude. Ein älterer Mann schlurft hinter seinem Rollator zum Kiosk an der Eingangshalle.

Als mich der Direktor der Stadtmission, Pfarrer Hans-Georg Filker, dort begrüßt, liest er die Verblüffung sogleich aus meinen Gesichtszügen. Und schon sind wir ohne lange Vorrede beim Thema.

„Natürlich“ sagt er, „kümmern wir uns vor allem um Menschen in sozialer Not. Egal ob Obdachlose, Knackis, Alkoholkranke oder Asylbewerber – wir weisen niemanden ab, behandeln alle als Gäste. Aber wenn wir uns allein um Problemgruppen kümmern würden, wäre es sehr schwierig.“

„Zwischen Knast und Kanzleramt“

Das Gelände der Stadtmission zwischen „Knast und Kanzleramt“, wie der hünenhafte Gottesmann diese Arche für die Ärmsten unter uns in nachbarschaftlicher Nähe zum Moabiter U-Gefängnis und Angela Merkels Regierungszentrale zu titulieren beliebt, misst 30.000 Quadratmeter. Eine städtische Seniorenanlage aus den Sechzigerjahren mit unterschiedlich hohen grauen Wohnblöcken, die Ende der Neunzigerjahre wegen zu großen Sanierungsbedarfs verkauft werden sollte.

Da war Filker gerade zehn Jahre in Berlin und wurde für größenwahnsinnig erklärt, als er das Projekt für zehn Millionen Euro für die Mission erwarb, von denen ein Teil aus Spenden zu begleichen war. „Die Stadt ist uns entgegengekommen, wir andererseits wollten etwas Gutes für die Stadt tun. Getreu dem Motto der Stadtmission ‚Suchet der Stadt Bestes und betet für sie zum Herrn’, wie es der Prophet Jeremia verkündet. Wir haben es gewagt.“ Es hat sich gelohnt. Längst sind schon immer alle dafür gewesen.

Zum Glauben und damit zur Evangelischen Kirche hat der 64-Jährige eher zufällig gefunden. Aufgewachsen in Essen, konnten seine Eltern mit dem Christentum im Allgemeinen und den Pastoren im Besonderen nicht viel anfangen, „weil die so gestelzt reden und mit der Wirklichkeit nichts zu tun haben“, erinnert er sich an seine Kindheit.

Ein Nachbarsjunge bekehrte ihn. Der sprach ganz normal über Gott und seinen Glauben. „Das hat mir imponiert, mich neugierig gemacht. Besuch und Mitarbeit in christlichen Jugendgruppen folgte nach dem Abitur ein Theologiestudium, danach war ich in Wuppertal erst Assistent an der Kirchlichen Hochschule, dann Jugendpfarrer, bis mich im März 1989 der damalige Berliner Landesbischof Martin Kruse nach Berlin als Leiter der Stadtmission holte. Eine tolle Herausforderung. Ich bin Pfarrer, halte aber nichts von Frömmigkeit, die sich abschottet.“

Schlafplätze für 200 Obdachlose

Wie vielschichtig die Herausforderung auch nach nunmehr 25 Jahren geblieben ist, erklärt mir der unendliche Ruhe und ungebrochenen Optimismus ausstrahlende Missions-Chef während des Rundgangs über das Gelände. Fangen wir mit dem Haus der Straffälligenhilfe an. „In ihm betreuen wir Knackis, die mit dem Leben nach der Entlassung nicht klarkommen. Wir betreuen sie ein Jahr, bevor sie ihre Strafe abgesessen haben, und dann ein weiteres Jahr, um sie auf die Alltagswirklichkeit vorzubereiten.

Denn der stramme Max im Gefängnis ist in freier Wildbahn oft so klein mit Hut.“ Nur ein paar Meter weiter der Block, in dessen größerer Hälfte Familien im regulären Asylverfahren leben, im kleineren unheilbare Alkoholkranke. Schräg gegenüber ein stufenloser Abgang, der in die im Souterrain gelegene Notunterkunft führt. Dort finden des Nachts bis zu 200 Obdachlose einen Schlafplatz. „Berlins größte Notunterkunft. Direkt darüber liegt unser Veranstaltungssaal mit großer Gartenterrasse für bis zu 300 Personen. Den vermieten wir auch. SPD, CDU und Grüne haben hier schon getagt. Die reden plötzlich anders über die Welt, wenn sie hören, dass unter ihnen Obdachlose versorgt werden.“

Dass ein Christenmensch in einer Mission wie der Filker anvertrauten das Finanzielle nicht vergessen darf, wird an dem Neubau mit der bunten Fassade am nördlichen Rand des Areals klar. „Dieses Jugendhotel haben wir für ganz normale Berlin-Touristen noch vor Eröffnung des Hauptbahnhofs gebaut. Mit doppelter Zielsetzung: Es soll Geld in die Kasse spülen, andererseits, wie Sie richtig beobachtet haben, die Stimmung unter all den so unterschiedlichen Menschen hier bei uns aufhellen und Lebensfreude verbreiten." Gleiches gilt für ein Studentenheim mit 40 Plätzen.

Auseinandersetzungen sind nicht zu verhindern

Zentrale Aufgabe bleibt natürlich die Betreuung der um Hilfe suchenden Gäste aus mehr als 20 Nationen. Wo kurz, lang und dauerhaft gestrandete Menschen auf letztlich doch engem Raum nebeneinander leben, bleibt Aggressivität nicht aus. „Ob Obdachlose, Knackis oder Alkoholiker – wir begegnen allen auf Augenhöhe, wollen ihnen ihre manchmal verloren gegangene Würde zurückgeben. Dennoch sind Auseinandersetzungen, Streit und Schlägerei im Suff nicht zu verhindern. Wenn wir fair und offen mit den Kontrahenten umgehen, kann viel Gewaltpotenzial abgebaut werden. Aber wenn wir allein nicht mehr schlichten können, hilft uns die Bundespolizei vom benachbarten Hauptbahnhof oder die Landespolizei. Als Dank dafür laden wir die Beamten einmal im Jahr zu einem Dankgottesdienst ein.“

Am Ende unseres Rundgangs, an dem wir noch an einem Wohnhaus, in dem auch einige Senioren Mieter sind, vorbeikommen und an einem Übergangsheim, in dem Obdachlose, die wieder Fuß gefasst haben, bis zur Selbstständigkeit in eigenen vier Wänden leben, frage ich den Menschen-Kümmerer Filker nach der sozialen Not in unserem Lande. Ist sie größer, die Gesellschaft kälter geworden? „Die Standardantwort müsste lauten: ganz schlimm, immer schlimmer. Ich sage, es ist nicht so. Nicht, dass alles besser wird. Wir erleben, dass Not ihr Gesicht verändert. Mit den so viel gescholtenen Hartz-IV-Gesetzen zum Beispiel haben deutsche Obdachlose erstmals einen Rechtsanspruch auf ärztliche Behandlung. Ein großer Fortschritt. Dafür gibt es neue Probleme. Für wohnungslose Ausländer vor allem aus Osteuropa gilt diese Verbesserung nicht. Da müssen legale Wege gefunden werden, um auch ihnen zu helfen. Wir müssen die Politik darauf stoßen, wo es neue Probleme gibt.“

Und wie steht’s um die Spendenbereitschaft? „Wir brauchen jedes Jahr, um unsere Arbeit gut zu machen, mehr als zwei Millionen Euro an Spenden; neben den festen Einnahmen aus den verschiedenen Kirchen-, Landes- und Sozialkassen. Ganz viele Berliner Bürger und Firmen unterstützen uns, weil sie gesehen haben, was wir leisten und wie transparent alles ist. Ich stelle fest: Not wird öffentlich nur wahrgenommen, wenn sie größer wird. Dabei ist jeder einzelne Mensch wichtig. Wenn wir den Berlinern sagen, wir brauchen etwas, wie jetzt im Winter Schlafsäcke oder warme Kleidung, sind sie sehr hilfsbereit. Wir bauen auf kontinuierliche Hilfe, wollen nicht mit tränendrüsendrückenden Bildern Mitleidsgefühle wecken. Das beschädigt die Würde und führt Menschen vor. Wir wollen nachhaltig helfen. Und manche nachhaltige Hilfe kostet richtig Geld, ohne den Erfolg gleich zu erkennen.“

„Wir müssen die Welt nicht retten“

Eine Sisyphusarbeit? „Es hört sich ein bisschen zynisch an. Aber wir haben den gleichen Erfolg wie jeder Arzt: Alle Menschen müssen sterben. Wir können den Menschen hier helfen, ihren weiteren Absturz aufzuhalten.“ Seine Arbeit, sagt der Vater von vier Adoptiv- und zwei leiblichen Kindern, werde durch die christliche Einsicht erleichtert, „dass ich den Sinn meines Lebens nicht durch meine Hilfe gewinne, sondern weil mir dank meines Glaubens selbst geholfen wird. Dadurch kann ich anderen helfen. Und das ist unglaublich befreiend.“ Zugegeben, vielleicht etwas kompliziert. Filker ahnt es wohl und zitiert zur Verdeutlichung einen Freund: „Christlicher Glaube heißt mit ganzem Herzen halbe Sachen machen.“ So werde, jetzt wieder Filker, der Erfolgsdruck gemindert. „Es geht uns zu Herzen, aber wir müssen die Welt nicht retten.“

Wir spazieren jetzt durch die Nachbarschaft. Zum Hauptbahnhof und dann gegenüber durch die Gedenkstätte „Zellengefängnis Lehrter Straße“. Der Name erinnert an das Mitte des 19. Jahrhunderts unter Friedrich Wilhelm IV. erbaute Mustergefängnis mit Einzelzellen statt der bis dahin üblichen Gemeinschaftszellen. In ihm saß einst Wilhelm Voigt ein, der spätere Hauptmann von Köpenick, unter den Nazis waren hier Widerstandskämpfer wie Klaus Bonhoeffer, Ernst Busch oder Gustav Noske inhaftiert, nach dem Krieg vollstreckten die westlichen Alliierten ihre insgesamt 12 Berliner Todesurteile in der Anstalt, die Ende der fünfziger Jahre abgerissen wurde. Heute steht noch die Umfassungsmauer aus rotem Ziegelstein.

Zeit, Pfarrer Filker auf sein zweites, weniger bekanntes Aufgabenfeld anzusprechen. Er ist nämlich auch Beauftragter seiner Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz für Mission. Ein Missionar also, der Ungläubige bekehren, zumindest die Botschaft des Herrn verbreiten soll. Noch so eine Sisyphusaufgabe in einer Region, die weitgehend vom Glauben abgefallen ist? In Hans-Georg Filkers Gesicht macht sich einmal mehr das sanfte Lächeln eines Optimisten breit, den nichts zu erschüttern scheint.

Pfarrer an ungewöhnlichen Orten

„Zugegeben, das ist nicht ganz leicht. Christliche Missionsarbeit heißt ja eigentlich, wir teilen das Beste, was ein Mensch erfahren kann, mit anderen. Wir müssen also das Geschenk des Glaubens auspacken. Konkret: Wir müssen aus der Kirche raus und hin zu den Menschen. Viele wissen gar nichts vom christlichen Glauben oder haben eine negative Voreingenommenheit. Andere sind mit ihrem Glauben bei der Konfirmation stehen geblieben. Die müssen wir zum Glauben zurückführen, die nicht mehr Gläubigen und Zweifelnden über die Wahrheit des Christentums informieren. Das müssen wir unaggressiv, aber einladend weitergeben.“

Ein Mann vom Format Hans-Georg Filkers belässt es auch als Glaubensfischer nicht bei frommen Sprüchen. Er geht raus und predigt, schließlich ist er Pfarrer, an ungewöhnlichen Orten. Seine Schiffsgottesdienste auf der Spree sind legendär, die inzwischen traditionellen Weihnachts- und Osterandachten in der Halle des Hauptbahnhofs haben großen Zulauf. Der Konfirmation, also Festigung des Glaubens im wahrsten Sinne des Wortes, dient ein morgendlicher Gesprächskreis mit Regierungsbeamten aus den nahen Ministerien.

„Da tauschen wir uns über den christlichen Glauben aus. Die Teilnehmer sind konfirmiert, haben studiert und Karriere gemacht, darüber aber vergessen, was Glaube und Religion bedeuten. Sie können im Bekanntenkreis nicht mehr mitreden. Das finden sie für sich inakzeptabel“.

Nach einer eindrucksvollen Predigt sind die Besucher spendabel

Dieser Botschafter Gottes ist noch mit einer anderen Gabe gesegnet, die zu vielen seiner Kolleginnen und Kollegen leider abgeht. Hinsichtlich des Letzteren verkneift er sich lächelnd eine Bemerkung, widerspricht aber nicht, selbst ein guter Redner und damit überzeugender Prediger zu sein. „Ich leide unter langweiligen Reden oder Vorträgen. Wenn es etwas Interessantes gibt, muss es auch interessant vorgetragen werden. Unser Christentum und unser Glaube ist doch nun wirklich eine interessante Botschaft“. Nach so einer eindrucksvollen Predigt sind die Kirchenbesucher spendabler, wenn der Klingelbeutel herumgeht, manche danken auch als Schein-Werfer. Wer so stark im Glauben ist wie er, der knickt auch nicht vor Andersgläubigen ein. „Jeder aufrichtige Muslim würde doch nicht begreifen, wenn ich als aufrichtiger Christ ihm nicht die Schönheit meines Glaubens nahebringen würde.“ Sind die Christen zu defensiv? „Ja, viel zu defensiv. Deshalb nehmen uns viele gläubige Muslime nicht ernst.“

Kaum zu glauben, dass die Evangelische Kirche Hans-Georg Filker schon in einem Jahr in den Ruhestand schickt.