Tourismus

Wie indische Reiseleiter Berlin für sich entdecken

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Sören Kittel

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Sie wollten Trabant fahren, die Mauer sehen und vegetarisch essen gehen. Sieben indische Reiseleiter kamen nach Berlin und testeten die Stadt. Unser Reporter hat sie begleitet.

Seena Nair lässt sich nicht anmerken, dass sie etwas überfordert ist. Der Gang will nicht so richtig reinrutschen, sie lacht, hält sich die Hand vor den Mund. Immerhin ist sie mit ihren 33 Jahren schon Senior-Managerin einer indischen Reiseagentur mit Hauptsitz in der südasiatischen Metropole Mumbai, da wird doch so ein Zweitakter in Berlin keine Hürde darstellen. Zum Glück gibt es Julia, die Trabant-Flüsterin, die ihren Kopf durch das kleine Fenster schiebt und Seena Nair leise auf Englisch erklärt, wie das alles funktioniert: „Das ist der erste, das der zweite Gang“, sagt Julia mit stark französischem Akzent. „Und hier ist der Blinker“, sagt sie noch. „Beim Trabant musst du den Blinker immer wieder selbst zurückstellen nach dem Abbiegen.“ Seena Nair nickt, blinkt und stoppt den Blinker, langsam tuckert der Trabant in Richtung Fernsehturm.

Seena Nair hat durch ihren Job in der Reisebranche mehrere Teile Indiens gesehen, kennt die Strände von Goa und die Berge im Norden. Aber jetzt besucht sie zum ersten Mal Deutschland, zum ersten Mal Berlin und sitzt mit sechs anderen Reiseunternehmern auf mehrere Trabanten verteilt, in denen sie durch die breiten Straßen von Berlin-Mitte steuern. „So ein Auto bin ich noch nie gefahren“, sagt sie entschuldigend zu ihrer Beifahrerin Bhavika Jariwala. Das mit der Gangschaltung ist leicht für sie, aber den Nachmittags-Verkehr sieht sie eher entspannt. „In Mumbai könnten wir so etwas nicht anbieten“, sagt sie, der Verkehr sei dort zu chaotisch. Punkt für Berlin. „Das Autofahren ist hier viel leichter“, sagen sie, „aber dafür ist alles so grau!“ Punkt gegen Berlin. Vor allem der Alexanderplatz, der sei so hässlich, sagt sie und fährt weiter in Richtung Ostbahnhof.

Die Touristen der Zukunft

Diese Gruppe von neun indischen Reiseexperten ist nach Berlin gekommen, um sich von den Vorzügen der Stadt zu überzeugen. Nach den US-amerikanischen Touristen und den Spaniern, die hier ihre Sommerwochen verbringen, sind es seit einigen Jahren auch die BRIC-Staaten, die gern nach Berlin kommen. BRIC bedeutet: Brasilien, Russland, Indien und China – vier große Länder, die eine stark wachsende Mittelschicht haben, die immer häufiger eines will: Reisen, um des Reisens willen. Gerade jetzt, wenn in der kommenden Woche die Internationale Tourismus-Börse (ITB) wieder startet, wird es darum gehen, auch diesen „Markt“ anzusprechen. Denn von dort werden sie kommen, die Touristen der Zukunft.

Dabei ist es zunächst sehr unpraktisch, dass sie sich ausgerechnet eine Winterwoche ausgesucht haben, um Deutschland kennen zu lernen. Sudeeksha Shukla aus Delhi sagt, dass für ihre Kunden das Wetter schon eine Rolle spiele. „Aber wenn sie nach Deutschland kommen, wollen sie andere Dinge tun.“ Sie wollen zwar auch, wie viele Touristen, in Museen und abends in die Clubs, aber daneben gibt es doch einige Besonderheiten. Susanne Ceron Baumann, die in dieser Woche die Reiseleitung dieser indischen Gruppe Reiseleiter übernommen hat, kennt diese Besonderheiten. Sie weiß zum Beispiel, dass Inder wenig Zeit bei ihren Reisen haben und deshalb gern das Wichtigste in wenigen Tagen sehen wollen. Für den Reisepunkt „Berlin an einem Tag“ bedeutet das: Checkpoint Charlie (Ost-West-Geschichte), Topografie des Terrors (Nazi-Vergangenheit) und eine Trabanten-Fahrt mit anschließendem Fernsehturm-Dinner (Erlebnis und Glamour).

Am Checkpoint Charlie am Morgen machen die Gäste zuerst Gruppenbilder mit Mauer. Mit auf den Bildern ist Christian Tänzler, Sprecher von „Berlin Visit“, jener Marketing-Firma, die mit „Be Berlin“ in der ganzen Welt für diese Stadt wirbt. „Gerade in den vergangenen fünf Jahren ist der Markt von Reisenden aus Ländern wie Indien stark gewachsen“, sagt er. Das werde noch mehr werden. „Auch dort weiß man, dass sich die Stadt stark verändert.“ Auf dieser kommenden ITB soll es allerdings auch darum gehen, Berlin als „Stadt der Zukunft“ bekannter zu machen, sagt er. Das habe auch mit Infrastruktur-Programmen zu tun. Er meint Projekte wie „die Grüne Stadt“ – die vor allem zeigen sollen, wie viel Natur es in und um Berlin gibt.

Reisen für die indische Oberschicht

Doch die indischen Reisenden erfährt zunächst mehr über die Geschichte – sehr emotional vermittelt. Im Asisi-Panorama am Checkpoint Charlie lernen sie, wie das Leben hinter der Mauer war – Ost und West. Sie schauen nach oben in den falschen Kreuzberger Himmel im Panorama, sehen die Sonne aufgehen, machen Bilder von sich mitten im realistisch nachgebildeten Berlin und hören schließlich den berühmten Satz: „Niemand hat die Absicht...“ Reiseunternehmer Ramesh Godia kennt diese Zitate. „Ich habe damals in Mumbai den Mauerfall noch am Fernseher verfolgt“, sagt er, „aber ich bin mir nicht sicher, ob sich viele Inder für diese Geschichte im einzelnen so interessieren.“ Trotzdem würde er auch diesen Ort wohl in eine Führung durch Berlin einbauen. „Auch meine Klientel sollte dieses Gefühl haben, dass der Checkpoint ein welthistorisch wichtiger Ort ist.“ Die meisten Reisen nach Deutschland, die er organisiert, seien jedoch nicht für die Mittelklasse, sondern für die indische Oberschicht. „Diese wollen eben auch mehr als schöne Hotels und schnelle Autos auf der Autobahn.“

Das bestätigen die offiziellen Zahlen über den Tourismus aus Indien in Deutschland. Es sind überwiegend wohlhabende und junge Menschen zwischen 25 und 40 Jahren. Der World Travel and Tourism Council bezeichnet zudem Indien als eine der weltweit am schnellsten wachsenden Reisenationen. China ist schon länger in diesem Wachstum, so kamen 2013 rund 84.000 chinesische Touristen nach Berlin, aber bisher nur 16.000 Inder. Doch das Wachstum betrug bei den Indern immerhin acht Prozent zum Vorjahr. Für Inder ist Deutschland in Europa immerhin Platz drei hinter der Schweiz und Frankreich. „Gegen die Schweiz kommt Deutschland so schnell nicht an“, sagt die deutsche Reiseleiterin Susanne Ceron Baumann von Alpha-Travels, „weil dort viele Bollywood-Filme gedreht werden.“ Es gebe Städte, die von Indern nur besucht werden, weil dort das Filmset eines großen Films aufgebaut ist. Frankreich sei wiederum beliebt wegen Paris, einer Stadt, die im internationalen Ranking noch immer weit vor Berlin liegt.

Diese sieben Inder, die gegen Mittag gut gelaunt ihre Regenschirme aufspannen, könnten das vielleicht ändern. „Regen ist nicht schlimm“, sagt die junge Seena Nair, „den gibt es in London auch.“ Aber Schnee hätten ihr besser gefallen, dann hätte sie Fotos machen können. Es ist noch etwas Zeit, bis sie in die gemieteten Trabanten steigen können, deshalb schlendert die Gruppe Inder in Richtung „Topografie des Terrors“. Dieser Teil der Geschichte ist in Indien ebenfalls sehr bekannt – auch wenn das Hakenkreuz dort jegliche Schrecklichkeit verloren hat. „Für uns ist es einfach ein Sonnensymbol“, sagt Bhavika Jariwala.

Start mit dem Trabant

Doch bei aller Beschäftigung mit der Geschichte und Kultur der Stadt – die Gruppe freut sich auf die Autofahrt mit dem Trabant. Das wiederum hat stark mit der Klientel zu tun, die die meisten Deutschland-Reisen in Indien derzeit bucht: Es sind die sogenannten MICE-Reisen. MICE ist eine englische Abkürzung (Meetings, Incentives, Conferences, Events) und steht kurz für Konferenzen und Belohnungsreisen. Inder kommen als Geschäftsreisende großer Firmen, bleiben im Durchschnitt sechs bis acht Tage in Deutschland und Berlin ist dabei Pflichtprogramm. Solche Reisenden wollen später etwas erzählen – und müssen deshalb etwas zum Erzählen haben. Ein Foto vor der Mauer reicht da nicht.

Nach der Hakenkreuz-Geschichte steigen sie deshalb in die Trabanten, teilen sich auf drei Autos auf, Julia erklärt die Bedienung und es geht los. Seena Nair im pinken Wagen fährt ganz hinten, lässt sich aber beim ersten Stopp an der East Side Gallery von Bhavika Jariwala aus Mumbai ablösen. Immer wieder überqueren sie auf der Fahrt die Mauer, Ost, West, Ost, West. Erstaunlich leicht fügen sie sich in den beginnenden Feierabendverkehr. „Von diesen Autos hatte ich gehört“, sagt Ramesh Godia aus Mumbai. „Aber dass wir sie selbst fahren können, ist schon besonders.“ Er schimpft über den Verkehr in Indien. Über Lautsprecher erfährt er, dass diese Autos nur mit Ausnahmegenehmigung fahren, weil sie den Abgasregelungen Berlins widersprechen. Deepak Paney aus Delhi holt tief Luft und ruft: „Das ist so typisch Deutsch!“ Er will das Lenkrad nicht mehr loslassen. Draußen auf der Karosserie steht: I love Berlin.

Wenn kommende Woche die ITB in Berlin startet, wird der Gehalt dieser These noch einmal überprüft. Gerade in dieser Woche nämlich titelten mehrere US-amerikanische Blogs, dass der Berlin-Hype jetzt vorbei sei. Zuvor hatten Internationale Magazine wie „Time“ und „Rolling Stone“ vorausgesagt, dass der Run auf die deutsche Hauptstadt bald nachlassen werde, es sei längst nicht mehr so günstig und die Club-Szene nicht mehr so spannend wie vor zehn Jahren. Das Klatsch-Portal „Gawker“ schrieb sogar: Berlin muss den Titel „cooleste Stadt in der Welt“ aufgeben. Über dem Text steht groß: „Berlin’s over“ – Berlin ist vorbei.

„Der Hype um Berlin wurde immer wieder totgesagt“

Berlin-Tourismus-Marketing-Sprecher Christian Tänzler sieht solche Statements in der Presse entspannt. „Der Hype um Berlin wurde immer wieder totgesagt“, sagt er, „und in dieser Woche stand gleichzeitig in der New York Times das Gegenteil, nämlich das Berlin noch immer das neue New York sei.“ Aber selbst wenn es mit dem Hype einmal vorbei sei, habe die Stadt längst vorgesorgt. „Wir schauen nicht nur auf die Club- und die Subkultur als einzigen Motor des Tourismus“, sagt er. Vielmehr soll es darum gehen, Berlin als Metropole mit hoher Lebensqualität bei Besuchern zu etablieren – auch jenseits der Lebenshaltungskosten und den Bars ohne Schließzeiten.

Die indische Reisegruppe jedenfalls weiß bisher wenig über die sonst so bekannte Clubkultur. Techno ist in Indien erst seit wenigen Jahren verbreitet und das Goethe-Institut lädt immer wieder auch Berliner DJs ein, um diese Musik dort bekannter zu machen. Aber Berghain? Bar 25? Berliner Weiße? Von all dem hat die siebenköpfige Gruppe noch nie gehört. Auch dass Berlin mit seinen vielen Startups ein neues Silicon Valley werden will, hat sich noch nicht bis nach Delhi und Mumbai herumgesprochen. Zum Glück haben sie aber auch nicht vom Debakel um den Flughafen BER gehört. Bhavika Jariwala hatte sich nur gewundert, warum der Flughafen so alt wirke.

Am Abend sitzen die sieben Inder im Fernsehturm und warten auf ihr (meist vegetarisches) Hauptgericht. Sie wägen ab, was sich noch ändern könnte – während die Kellner in diesem höchsten Restaurant Berlins nicht zu den freundlichsten gehören. „Ist das typisch Deutsch?“, fragt einer von ihnen später beim Bezahlen.

Doch die Reiseleiterin Susanne Ceron Baumann von Alpha Travels sagt, dass Berlin schon sehr „Inderfreundlich“ sei. „Eines der Hauptprobleme für indische Touristen in Europa ist häufig das Essen.“ Viele seien Vegetarier und auch aus dieser Gruppe essen nur zwei regelmäßig Fleisch. „Wenn wir Reisen mit Indern planen, achten wir darauf, dass sie alle zwei bis drei Tage indisches Essen bekommen.“ Ein größeres Problem aber kann sie nicht lösen: „Deutschland tut sich sehr schwer mit der Vergabe von Visa.“ Andere Länder in der EU vergeben diese leichter an Inder. Deshalb machen Touristen aus Delhi eben doch nur einen Tagesausflug nach Deutschland – und wenn es nur zum Testen der Autobahn ist. Diese unbegrenzte Geschwindigkeit, das geht sonst nirgendwo. Den Trabanten-Tour gibt es nur in Berlin.