Ost-Berlin war eine Stadt der Parolen. Und ganz losgeworden ist speziell dieser Ort sie auch mehr als 24 Jahre, nachdem hier am Brandenburger Tor die Mauer fiel, noch nicht: Der Wind fegt die Worte „No to Ruhani! No to Ruhani!“ über den Pariser Platz. Iraner, die hier demonstrieren – und als ob der Kontrast gewollt sei, hält sich jemand im Micky-Maus-Kostüm die Hände auf die Ohren.

Der Mann mit den leicht gegelten Haaren beobachtet das kurz. Dann sagt Oliver Eller, der geschäftsführende Direktor des Hotel Adlon: „Was wir hier verkaufen, sind Erlebnisse. Luxus.“ Er zieht eine Packung Marlboro light aus seinem Jackett hervor. „Ein Besuch im Adlon beginnt nicht erst in der Lobby, sondern schon Zuhause. Wo die aufgeregte Großmutter erst nicht weiß, was sie anziehen soll, und dann doch lieber noch mal zum Friseur geht.“

Der Direktor zieht an seinem Glimmstängel, der verfilzte Plüschkopf von Micky Maus wippt; das Touristen-Maskottchen gibt zu Lachen vor. „Und dann fährt die Großmutter mit dem Taxi vor“, der Hoteldirektor zeigt auf den roten Teppich, dessen Flor mehrere Saugschläuche zieren. Platt wie ausgeweidete Beute liegen sie da, aus ihnen strömt noch ein bisschen Wasser. „Hier wird sie herzlich in Empfang genommen und dann läuft sie auch schon an dem ihr aus der Adlon-Verfilmung bekannten Elefantenbrunnen vorbei.“

Eingang nach Rohrbruch gesperrt

Die Dame im Haupteingang des Luxushotels tritt von ihrem einem roten Stöckelschuh auf den anderen. Nähert man sich der berockten Dame, teilt sie einem über beide Ohren strahlend mit, dass der Eingang heute leider gesperrt sei. Eine der Hauptwasserleitungen ist geplatzt. Noch vor wenigen Stunden stand die Lobby des Luxushotels knöchelhoch unter Wasser. Für einen Betrieb wie das Adlon ist so etwas eine der größten Katastrophen, die passieren können. Nasse Füße, das passt zu Luxus wie Sahne auf einen Hamburger.

Jetzt jagen kniehohe Industriestaubsauger über den Lobbyboden, es hämmert, es surrt, aber der Hotelbetrieb läuft weiter. „Und dann wird die Großmutter platziert und genießt einem gepflegten Afternoon-Tea.“ Der Hoteldirektor lächelt. „Was wir hier verkaufen, sind Erlebnisse“, sagt er noch mal. Dann tritt er seine Zigarette aus.

Man muss sich Oliver Eller, 47, als einen Mann vorstellen, der gerne redet. Vor allem über sein tolles Team – alles, was er leiste, sei letztlich Teamleistung. Er wird nicht müde das zu betonen, dass auch alle mit dem Rohrbruch so vorbildlich umgegangen seien. Aber noch ist der Schaden nicht zu 100 Prozent behoben, seine Anwesenheit ist gefragt, der Hoteldirektor kann sein Hotel nicht wie geplant für einen Spaziergang verlassen.

Allerorten Höflichkeit

Höchstens in einem kleinen Radius um das Adlon herum, sei er entbehrlich, erklärt er, während ein höfliches Verkäuferlächeln sein Gesicht dekoriert. Ob das denn in Ordnung sei? Man kann nicht anders als nicken. Die hier herrschende Höflichkeit, die einem die Jacke von den Schultern und die Butter vom Brot nimmt, gebietet es.

Eller schiebt noch eine Anekdote hinterher: „Meine Frau versucht auch häufiger, mit mir spazieren zu gehen. Aber sie hat selten Glück. Denn ich mag das eigentlich nicht“, sagt er: „Sich ohne Ziel fortzubewegen – wo ist da der Sinn?“

Oliver Eller hat es sein ganzes Leben immer nur dorthin gezogen, wo die nächste Herausforderung auf ihn wartete. Ein Stipendium brachte ihn von Bad Salzuflen nach Ithaca, New York. Nach dem Abschluss an der dortigen Cornell School of Administration arbeitete er in Miami, Buenos Aires und Bahrain. Der bloße Ort war es nie, der Eller angezogen hat. Und auch heute würde er für das richtige Angebot in jede Stadt und jedes Land umziehen. Denn wo auch immer er arbeitet, lebt Eller stets in einem sehr ähnlichen, internationalen Biotop: Einem Hotel.

Einen Luxusbettenburg in Russland zu leiten unterscheide sich im Grunde nicht wesentlich davon, eine Luxusbettenburg in Deutschland zu leiten. Das Unternehmensziel sei hier wie da Wachstum. „Natürlich gelten von Land zu Land unterschiedliche Gepflogenheiten im Umgang mit den Gästen.“

Hohe Fluktuation

Bei den Russen, sagt Eller, gelte beispielsweise : „Wer ohne Grund grinst, ist dumm.“ „Da kannst du dir vorstellen, wie ein typisch strahlender ,Hey, how are you doing?‘-Amerikaner in Russland ankommt“, fügt Eller, der immer und immer wieder in das indirekte „Du“ verfällt, lachend hinzu. „Die halten den Gute-Laune-Ami schlicht für geisteskrank.“ Und erneut lacht er.

Als er von 2005 bis 2010 das Ritz Carlton am Roten Platz in Moskau geleitet habe, habe er erlebt, dass die Russen sehr viel mehr im Hier und Jetzt lebten als die Deutschen. „Wir haben damals eine Krankenversicherung für die Mitarbeiter eingeführt und hatten eigentlich gedacht, dass sie uns mit Begeisterung danken würden, stattdessen fragten sie uns aber, ob sie das Geld auch Cash ausgezahlt bekommen könnten.“ Wieder ein Lachen. Er ist in zweiter Ehe mit einer Russin verheiratet.

Mit seiner Familie verbringe er aber weitaus weniger Zeit als mit seinen Angestellten. Denn er arbeitet nicht nur im Hotel, er lebt hier auch. 463 Mann und Frau zählen zu Oliver Ellers Team. Er weiß die Zahl genau, denn sie ändert sich häufig. Im Adlon herrsche, wie in in der Branche üblich, eine hohe Fluktuation. Im Hotelgewerbe setze man schließlich auf Auslanderfahrungen.

Einmal im Monat feiere er gemeinsam mit seiner Multikulti-Belegschaft einen Nationalitäten-Tag im Mitarbeiterrestaurant. „Integrationsprobleme oder Berührungsängste kennen wir hier nicht“, sagt Eller über das Haus, in dem täglich – so ist das Gesetz der Branche – berufslächelnde Geringverdiener auf berufsgestresste Besserverdiener treffen.

„Bin nur ein Angestellter“

Bevor ihn seine mittlerweile zwölfjährige Tochter Lisa aus erster Ehe zum ersten Mal im Adlon besucht habe, habe sie ihn gefragt, ob es dort denn auch einen Pool gäbe. Eller sagt, er habe diese Frage „supersüß“ gefunden: „Aber natürlich macht man sich auch Sorgen.“

Der Hoteldirektor steht jetzt unweit vom Hotel entfernt, am Holocaust-Mahnmal im Wind, er posiert für ein Foto, während ein Touristenführer seinem wissbegierigen, sonnenbebrillten Gefolge erklärt, dass das Mahnmal ein „mysterious place“ sei. Wichtiges Nicken.

Eller erklärt: „Ich will natürlich nicht, dass meine Tochter denkt, der Lebensstandard im Adlon sei die echte Welt. Denn das ist sie nicht.“ Auch er sage sich immer wieder: „Ich lebe zwar in diesem Luxus, aber ich gehöre zu dem Team, das ihn inszeniert und nicht zu denen, die ihn genießen können. Auch ich bin nur ein Angestellter.“ Der Fotograf drückt ab. Eller atmet tief ein. Er sorgt sich um seine Wohlstandsbeleibung.

In die Rolle des Luxus-Hotelmanagers ist der Sohn eines Bielefelder Vertriebsleiters und einer Verwaltungsangestellten nach und nach hineingewachsen. Die Etikette habe er während seiner Ausbildung in Bad Salzuflen gelernt. Und seine Hemmschwelle zum Luxus habe er über die Jahre einfach abgelegt. „Ich kann heute genauso entspannt in einem Drei-Sterne-Restaurant Austern essen, wie ich an einer Currywurstbude eine Bratwurst bestellen kann.“

Besuch im Waldorf Astoria

Etwas mit Hotels zu machen, das sei sein erster Berufswunsch gewesen. „Mein Vater ist als Vertriebsleiter einer Möbelfirma früher viel gereist. In den Schulferien durfte ich dann häufig mitkommen“, sagt Eller. „Das war klasse. Mein Vater hat mich morgens in den Pool gesteckt und abends hab ich mit ihm an der Hotelbar eine Bluna-Limonade getrunken.“ Das erste Vorstellungsgespräch seines Lebens sei das am Maritim Staatsbadhotel Bad Salzuflen gewesen. Von da an, sagt Eller, habe er seinen Beruf nie mehr in Frage gestellt. „Das, was ich mache, macht mir einfach einen Heidenspaß.“

Ähnlich wie sein Vater damals, steigt nun auch der Sohn regelmäßig beruflich in Hotels ab. Die Konkurrenz muss besucht werden. Zuletzt habe er eine Nacht im neuen Waldorf Astoria am Kurfürstendamm verbracht. Wie er es dort gefunden hat? Dazu will er nichts sagen. Ein Lieblingshotel? Das habe er auch nicht. „Denn wenn ich beruflich unterwegs bin, suche ich in einem Hotel was anders, als wenn ich privat in einem Hotel bin. Das kann man also schlecht verallgemeinern.“ Eller weicht aus.

Privat sei aber zuletzt am Schwarzen Meer in einem Kempinski Hotel abgestiegen. Wie privat das sein kann? Eller zuckt mit den Schultern. „Natürlich trete ich dort auch als Hotelmanager des Flaggschiffs der Kette auf, aber trotzdem weiß ich abzuschalten“, versichert er nachdrücklich: „Es gibt bei mir auch Tage ohne Krawatte.“

Er macht eine Pause und schiebt dann etwas hinterher, das zum Kanon der Standardaussagen erfolgreicher Menschen gehört: „Aber ich habe auch gar nicht so den Drang, zwischen Beruf und Freizeit zu trennen. Denn das, was ich mache, mache ich gerne. Das ist nichts Unangenehmes, was ich von meinem Privatleben abtrennen müsste.“

Nachrichtenbörse Raucherraum

Eller sagt, dass, wenn man so will, er eigentlich nie frei hätte. Denn wenn er im Adlon seine Wohnung verlasse und auch nur ein herrenloses Stück Papier auf dem Fußboden nicht aufhebe, dann wäre das Adlon am nächsten Tag ein Stück dreckiger. „You’ve got to walk your talk“, sagt er und entschuldigt sich dann dafür. „Aber das mit dem Englisch ist bei uns in der Branche einfach so.“ Er lächelt und übersetzt vorsichtshalber noch mal, nur für den Fall, dass Englisch beim Gegenüber nicht so zur Branche gehört.

Oliver Eller zieht es in den Raucherraum. Nicht nur an diesem Nachmittag, an dem es in der Lobby kracht und rumst. Nein, im Adlon hat dieser Besuch auch generell eine sehr wichtige Funktion: Er könne sich jeden Morgen die Zahlen des Vortages ansehe, er könne auch einen Rundgang durch das Hotel machen, aber wenn er wirklich wissen wolle, was gerade im Hotel los sei, sagt, Eller, dann müsse er einer Raucherpause beiwohnen.

Im Raucherraum des Adlon reicht ein befrackter Kellner eine Etagere mit sechs Cookies und für Eller einen Cappuccino durch Zentimeter dicken, in der Nase schneidenden, alten Qualm. Als der hier rauchende Hoteldirektor vor drei Jahren vom Ritz Carlton in Moskau nach Berlin kam, ließ er sich zitieren, dass die Hauptstadt eine Herausforderung für ihn sei.

„Die Stadt boomt“

Weil Berlin keine Luxushauptstadt ist? Eller hält inne. „Nein, das müssen Sie mir erklären“, fordert er erst und findet dann doch von alleine, was er gesucht hat. Versieht seine Erklärungen aber alle fein säuberlich mit einem Fragezeichen: Weil die DAX-Konzerne hier nicht Zuhause seien? Weil es keine zehn Direktflüge in die Staaten gebe und es am neuen Flughafen keine Lounge für Lufthansa-First-Class-Vielflieger geben soll? Ja, nickt sein Gegenüber. Aber auch: Weil sich im Adlon mittlerweile viele Normalverdiener einmieten? Und weil Darth Vader und Mickey Maus auf dem Pariser Platz Hof halten?

Oliver Eller atmet hörbar aus. „Die Stadt boomt“, sagt er. „Manchmal ist die Stadt dann so voll, dass zu uns auch Gäste kommen, die normalerweise nicht zu uns kommen würden. Das ist richtig.“ Und der Pariser Platz? „Ich finde Kleinkunst ja gut“, sagt er diplomatisch „Aber ein Orgelspiel wäre doch passender als Micky Maus und Darth Vader.“ Und ja, er habe schon versucht, den Pariser Platz mit einem Adlon-Eisstand aufzuwerten. Dafür habe er aber keine Erlaubnis vom Senat bekommen.

Der Hoteldirektor hält inne. Das Päckchen Marlboro light verschwindet in dem violett irisierenden Innenfutter seines Jacketts. „Ob Berlin eine Luxusstadt ist oder nicht, liegt allein daran wie man Luxus definiert“, sagt er dann.

Für ihn sei Luxus die Freiheit, das tun zu können, was er wolle. Und das könne man in Berlin wohl doch. Oliver Eller nickt. Dann erreicht ihn der Anruf seiner Assistentin. Der Wasserrohrbruch ist endgültig behoben. Wenn er wollte, könnte er jetzt spazieren gehen.