Die Bühne in der Philharmonie ist mal ganz anders verteilt: Linker Hand steht, agiert der Rundfunkchor, rechts sitzen um Sir Simon Rattle herum ausgewählte Philharmoniker. Und in der Mitte gestaltet der Evangelist eine Art Kammerspiel. Johann Sebastian Bachs „Johannes-Passion“ hat sich der amerikanische Regisseur Peter Sellars dieses Mal vorgenommen. Er macht aus Bachs Passion das, was die Leipziger Stadtherren ihrem neuen Thomas-Kantor einst untersagten: Theater! Mark Padmore ist ein charismatischer Evangelist, der weit mehr als der Berichterstatter ist. Mit seinem schlank geführten Tenor gestaltet er die Rezitative gewichtiger aus. Ihm zur Seite steht der Rundfunkchor, der alle Gemeinheit und Frömmigkeit, Hass und Liebe so wohlgeformt aussingt, dass es ein Abend des warmen Fröstelns wird. Die Bibelfesten haben es sicherlich leichter, alles zu verstehen, aber genaugenommen geht es in dieser Inszenierung mehr um Stimmung und Gefühl - vor allem Mitgefühl. Sir Simon lässt rundum Klangschönheit zelebrieren und hat gute Sänger im Spiel. Am Ende Jubel für alle Künstler.

vbl