Oper

Rattle mit „Katja Kabanowa“ am Schiller Theater gefeiert

Eva-Maria Westbroek singt die Titelrolle in der Oper „Katja Kabanowa“ voller explodierender Sinnlichkeit. Und Sir Simon Rattle dirigiert Leoš Janáčeks Musik auf Hochspannung.

Foto: Soeren Stache / dpa

Bedrückender geht es kaum. In Leoš Janáčeks Oper „Katja Kabanowa“, die am Schiller Theater ihre gefeierte Premiere erlebte, lässt Regisseurin Andrea Breth keinen Lichtstrahl der Hoffnung zu. Sie zeichnet das Psychogramm der einsamen Titelheldin, die zu Beginn im Kühlschrank sitzt und die Erinnerungen vorbeiziehen lässt. Es ist die Geschichte eines seelischen Untergangs.

Das Städtchen Kalinow, am Ufer der Wolga gelegen, ist im Bühnenbild von Annette Murschetz nicht mehr als eine heruntergekommene Wohnung, in der eine böse, bigotte Großfamilie herrscht. Bei Andrea Breth spielt die Oper nicht mehr im 19. Jahrhundert, sondern im Heute – wo auch immer das genau sein mag. Die Regisseurin hat ihre Symbole für Kälte, Wärme, Einsamkeit oder Flucht gefunden. Es gibt mal einen Kühlschrank, einen Koffer, mal einen Sessel oder Ölradiator zu entdecken. Dazwischen etwas Unrat. Ein Anblick der Verwahrlosung, der Gleichgültigkeit, der Vergangenheit.

Die nötige Schwerblütigkeit

Die Katja wird von Eva-Maria Westbroek voller explodierender Sinnlichkeit gesungen. Die niederländische Sopranistin hat eine unglaubliche Bühnenpräsenz und die nötige Schwerblütigkeit. Es ist auch nicht zu überhören, dass sie zuvor Wagners Isolde gesungen hat. Es steckt noch in der Kehle. Ihre Katja ist kein unbedarftes Mädchen, sie weiß, was sie tut. Selbst wenn es in den Selbstmord führt. Bei Andrea Breth stürzt sie sich nicht in die Wolga, was so nach russischer Literatur klingt, sondern schneidet sich über der Badewanne die Pulsader auf. Die Kabanowa tut dies nicht, weil sie ihren lieblosen Ehemann Tichon (wunderbar abstoßend: Stephan Rügamer) mit dem schwächlichen Boris (wandlungsfähig: Pavel Cernoch) betrogen hat und als Sünderin büßen will, sondern weil sie keinen anderen Ausweg sieht, den Quälereien der Schwiegermutter Kabanicha (übergriffig und kiebig: Deborah Polaski) und der verrohten Dörfler zu entgehen.

Sir Simons Ausflug in die Opernwelt

Als gleich nach dem Schlusston das Licht im Zuschauersaal grell angeht, das Publikum eine Sekunde lang aufschreckt, wird Eva-Maria Westbroek als Katja vom Premierenpublikum bejubelt. Ebenso wie Simon Rattle, der als Philharmoniker-Chef wieder mal einen Ausflug in die Opernwelt macht, und Janáčeks Musik pausenlose 95 Minuten lang auf Hochspannung dirigiert. Sir Simon liefert die zärtlichen, melancholischen Töne in all dem Aufbegehren und Verzweifeln. Musikalisch ist der Abend grandios. Es ist eine der glücklichen Fügungen, dass die Regie nicht nur die Partitur bebildert oder das Orchester den Soundtrack für irgendeine szenische Neudeutung abliefert, sondern sich beide emotional ergänzen. Rattle lässt die hörbar hochmotivierte Staatskapelle Berlin all jene Gefühle ausspielen, die sich die Darsteller auf der Bühne verkneifen müssen.

Die Sängerschaar ist gut besetzt, es bleibt aber zuerst ein Heimspiel der unzufriedenen Frauen vom Lande – neben der Katja der Eva-Maria Westbroek ist es die Pflegetochter Varvara der Anna Lapkovskaja, die sich am Ende ebenfalls bejubelt sieht. Eine sehenswerte Produktion für alle, die schwermütig-artifizielle Stoffe mögen.