Deutsche Oper

Ballett „The Nights“ - Ein morgenländischer Mischmasch

„The Nights“ des Choreographen Angelin Preljocaj ist von „1001 Nacht“ inspiriert, stellt die Exotik und Erotik des Orients hemmungslos zur Schau. Für das Staatsballett Berlin denkbar ungeeignet.

Foto: Staatsballett Berlin

Verführerisch räkeln sich Frauen, im Spagat auf mannshohen Vasen turnend. Beim Pas de deux schieben sich Hände zwischen Beine, Pärchen scheinen zu kopulieren: Von „Tausendundeiner Nacht“ inspiriert, stellt der französische Choreograf Angelin Preljocaj in seinem Ballett „The Nights“ die sexuell aufgeladene Exotik des literarisch imaginierten Orients hemmungslos zur Schau.

Erfrischend, den Zusammenhang von Ballett und Erotik so eindeutig vorgeführt zu sehen. Und erschreckend, wie sehr Preljocaj dabei orientalistische Stereotype bedient. Wie Reisenden, Künstlern und Kolonialherren im 19. Jahrhundert gilt ihm der Orient offenbar als Ort zügelloser Libertinage, als anziehend-bedrohliche Fremde.

Den starken Frauen aus „Tausendundeiner Nacht“ wollte er „The Nights“ widmen, doch die Tänzerinnen des Staatsballetts sieht man als – auch im wörtlichen Sinne – bloße Menschenmasse, mit der er einen morgenländisch gemeinten Mischmasch ausstaffiert. Bollywood-Moves, klassische Ballettposen und zeitgenössischen Tanz verwendet Preljocaj für seine eklektizistische Nummernfolge, die weder ästhetisch noch inhaltlich überzeugt.

Nebel wallt, Brüste glänzen

Zu Beginn aalen sich die zwölf Damen aus dem Ensemble und der Solistenriege des Staatsballetts im fingierten Bade, ein Großteil oben ohne. Nebel wallt, Arme wellen, Beine, Bäuche, Brüste glänzen im Dämmerlicht. Das Programmheft legitimiert diese schlüpfrige Petitesse mit Ingres’ Gemälde „Das türkische Bad“ (1859). Schließlich stürmt ein Trupp schwarz Maskierter auf die Bühne und zerrt die Frauen an den Haaren auseinander.

Entführen hier die Schergen des rachlustigen Königs aus „Tausendundeiner Nacht“ Jungfrauen für dessen perverses Projekt? Seine Frau war untreu, und nun konsumiert der König jede Nacht eine Unschuldige, um sie am Morgen töten zu lassen. Erst Schehrezâds Erzählungen unterbrechen die Mordserie. Doch während das Buch dramaturgisch vom Aufschub lebt, ist für Preljocaj jedes Pas de deux ein explizites Vorspiel.

Man könnte die Badeszene auch als Plädoyer verstehen: Preljocaj wirbt für die Unschuld der erotisch-fantastischen Geschichten, die islamisch gesonnene Kräfte in Ägypten oder Saudi-Arabien immer einmal wieder zensieren wollen. Komplex in ihren möglichen Bedeutungen, bleibt diese Szene jedoch ein Einzelfall.

Platt provoziert Preljocaj, wenn er die zwölf Tänzerinnen in einer revueartigen Girlsline aufmarschieren lässt und sie in einer harmlosen Folge von Kicks, Fingerschnippen, Drehen unvermittelt die Mittelfinger recken. Eine wirkungslose Auflehnung, denn der Choreograf zwingt sie zu Natacha Atlas’ Interpretation von „It’s a Man’s World“ rigide in die Reihe. Vielleicht sollten die Tänzerinnen eine Revolte gegen ihre Verwendung anzetteln.

Mit dem Einkauf dieser geklittert wirkenden Show, die im Auftrag der Europäischen Kulturhauptstaadt Marseille 2013 entstand, hat sich das Staatsballett Berlin keinen Gefallen getan. Auch wenn man ihm in der letzten Spielzeit unter Vladimir Malakhov neben dem historisierenden „Nussknacker“ auch noch einen zeitgenössischen Erfolg wünscht – im Falle von „The Nights“ kann man nur hoffen, dass das ein kurzer schlechter Traum im Spielplan bleibt.