Kriminalität

Fast jeder fünfte Berliner Taschendieb ist minderjährig

Die Zahl der Taschendiebstähle hat sich in Berlin seit 2009 fast verdoppelt. Die Aufklärungsquote: 3,6 Prozent. 31 Prozent der Täter sind Rumänen, jeder fünfte minderjährig. Die Polizei ist ratlos.

Foto: pa/dpa

13 und 14 Jahre alt waren die drei Mädchen. Ihre Masche: der „Rolltreppentrick“. Am Bahnhof Friedrichstraße auf der Rolltreppe drängten sich die Mädchen an einen ahnlungslosen Reisenden. Eine der 14-Jährigen griff blitzschnell in die Gesäßtasche seiner Hose, die anderen beiden Mädchen verdeckten sie dabei. Trotzdem wurden sie von Zivilfahndern der Bundespolizei beobachtet.

Ergebnis der weiteren Ermittlungen in der vergangenen Woche: Die 13-Jährige ist schwanger, die 14-Jährigen wegen Diebstahls bekannt. Alle drei stammen aus Rumänien. Das schwangere Mädchen war beim Kindernotdienst vermisst gemeldet. Sie wurde dort den Sozialarbeitern übergeben, die beiden 14-Jährigen brachte die Polizei zum Jugendnotdienst und leitete ein Verfahren ein.

Der Fall ist offenbar keine Ausnahme, so legt es die Kriminalstatistik 2013 nahe, die am Montag veröffentlicht wurde. In fünf Jahren hat sich die Zahl der Taschendiebstähle in Berlin fast verdoppelt. Die Aufklärungsquote: 3,6 Prozent. Die Taten sind auch deshalb schwer aufzuklären, weil den Opfern der Verlust von Smartphone oder Geldbörse oft erst spät und fern des Tatorts auffällt. Nur 659 Tatverdächtige wurden ermittelt. Unter ihnen waren laut Polizei 31 Prozent rumänische Staatsangehörige sowie knapp zehn Prozent Bulgaren. Und der Anteil von Kindern und Jugendlichen stieg von 13,3 auf 17,3 Prozent: Fast jeder fünfte Taschendieb ist minderjährig.

Polizei beklagt steigende Zahl jugendlicher Taschendiebe

Gerade die strafunmündigen Kinder machen die Polizei ratlos. „Unsere einzige Möglichkeit ist, sie zum Kindernotdienst zu bringen“, sagt Birgit Spier, Kommissariatsleiterin beim Landeskriminalamt 711, stadtweit zuständig für Taschendiebstahl. Wenn Fahnder Kinder aufgreifen, nehmen sie sie erst mit auf die Dienststelle. Da beginnen die Schwierigkeiten.

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Die Kinder hätten nie Ausweispapiere bei sich, sagt Spier. Zur Verständigung müsse erst einmal ein Dolmetscher bestellt werden. „Unser Ansinnen ist es eigentlich immer, die Eltern ausfindig zu machen“, sagt Spier. Doch gerade bei den rumänischen Kinder seien in Berlin oft keine Erziehungsberechtigten zu finden, viele Kinder würden nicht einmal sagen, wo sie wohnen. „Unser Verdacht ist, dass die Kinder organisiert zum Stehlen geschickt werden. Zwölfjährige kommen nicht allein auf die Idee.“ Doch über Hintermänner sei nichts zu erfahren. Manche Kinder seien sehr eingeschüchtert, andere auffallend frech. Und manche von ihnen wüssten nicht einmal, wann und wo sie geboren wurden. „Das kann einem schon leid tun“, sagt Spier.

Beim Kindernotdienst seien die Kinder „oft nach fünf Minuten wieder draußen“ – bis sie vielleicht das nächste Mal aufgegriffen würden. Dieser „Drehtüreffekt“ sei demotivierend, für Polizei wie Sozialarbeiter, sagt Spier. Das Schriftstück ans Jugendamt, das die Polizei stets anfertigen muss, helfe auch nicht.

Täter sind mit 14 Jahren strafmündig

Auch die Senatsjugendverwaltung räumt ein, dass die rechtlichen Möglichkeiten von Land oder Bezirken, in solchen Fällen tätig zu werden, „begrenzt“ seien, wenn keine akute Gefährdung des Kindswohles vorliege und deshalb eine Inobhutnahme angeordnet werden könne. Dabei spiele Alter, möglicher Elternkontakt und Schwere der Tat eine Rolle, sagt Torsten Metter, Sprecher von Jugendsenatorin Sandra Scheeres (SPD). „Natürlich wird versucht, die Kinder oder Jugendlichen über pädagogische oder soziale Maßnahmen zu erreichen.“

Erst wenn die Strafmündigkeit mit 14 Jahren erreicht ist, kann die Polizei versuchen, ihre Mittel auszuschöpfen. „Jugendliche können wir bei entsprechenden Haftgründen auch mal eine Nacht festhalten und einem Haftrichter vorführen“, sagt die Kommissariatsleiterin. „Wir haben auch schon 14 Jahre alte Wiederholungstäter in Untersuchungshaft gebracht.“ Manchmal müssen die Polizisten aber auch mit einem richterlich genehmigten Altersgutachten erst prüfen lassen, ob ein Verdächtiger wirklich 14 oder vielleicht schon 21 Jahre alt ist, wie kürzlich bei einem Fall.

Repressive Maßnahmen gehören zur Strategie beim LKA 711. „Für uns ist es besonders wichtig, Taschendiebe auf frischer Tat festzunehmen und ein Verfahren danach anzustoßen“, so Spier. Das spreche sich herum, ebenso wie Vorladungen beim Haftrichter. Die Hoffnung: Abschreckung, Verdrängung.

Die Taschendiebe sind oft in ganz Europa unterwegs

Bei Taschendieben handelt es sich laut Polizei oft um „reisende Täter“, die organisiert in Europa unterwegs sind. Internationale Polizeianfragen zu einzelnen Tätern etwa mittels Fingerabdrücken hätten manchmal Treffer in Frankreich oder Spanien zur Folge, sagt Spier. Überhaupt sei es gut, wenn die internationale Zusammenarbeit intensiviert werde. Spier begrüßt daher, dass Innensenator Frank Henkel (CDU) im März den Innenminister Rumäniens besucht.

Außerdem will die Polizei beim Taschendiebstahl mehr auf Prävention setzen, etwa im Nahverkehr, wo besonders viele Fälle zu verzeichnen sind, die Reisenden gezielt auf die Gefahren und Tricks ansprechen. Zusätzlich sollen Einsatzhundertschaften beim Kampf gegen die Straßenkriminalität helfen. 200.000 Arbeitsstunden hat Polizeipräsident Klaus Kandt für 2014 vereinbart. Grünen-Innenexperte Benedikt Lux kritisiert jedoch, die Polizei müsse mehr tun, um auch die Hintermänner der Taschendiebe zu ermitteln. „Das ist für die Polizei sehr schwierig, aber es gibt keine andere Möglichkeit“, sagt Lux.

Birgit Spiers Abteilung hat gerade einmal 20 Fahnder und 25 Sachbearbeiter. Die explodierten Fallzahlen bedeuteten für die Kollegen viele Überstunden, sagt Spier. Sie sei daher „doch stolz darauf“, dass ihre Abteilung trotz der Vielzahl der Fälle und dem damit verbundenen Verwaltungsaufwand noch 755 Fälle aufklären konnte – fast so viele wie im Vorjahr.