Andreas Knieriem

Berlins neuer Zoodirektor will Tieren mehr Platz verschaffen

Der künftige Direktor Andreas Knieriem möchte die Haltungsrichtlinien für Zootiere „übererfüllen“ und eigene Ideen einbringen. Die behält er jedoch noch für sich. Nun kommt er zu Besuch nach Berlin.

Foto: Stephanie Pilick / dpa

Ein sonniger, wenn auch sehr windiger Sonntag. Viele Berliner gehen da gerne in den Zoo. Doch schon an den Kassen warten die Besucher in langen Reihen. Die CDU-Politikerin Cornelia Seibeld twittert am späten Vormittag, es sei nur eine Kasse geöffnet, und die Schlange der Wartenden sei 200 Meter lang. „Wir brauchen kein neues Konzept, sondern Service und Dienstleistung“, schreibt sie weiter.

Ein bis zwei Stunden später hat sich die Lage nur leicht entspannt. Am Eingang Hardenbergplatz sind nur zwei von vier Kassen geöffnet, etwa 50 Besucher stehen davor. Am Elefantentor ist eine von zwei Kassen besetzt, dort warten allerdings nur wenige Besucher.

Verein gewinnt Mitglieder

Service und Dienstleistung – das sind Begriffe, die sicher eine Rolle spielen werden, wenn der künftige Direktor von Zoo und Tierpark am Dienstag wieder nach Berlin kommt. Andreas Knieriem wird sich den Förderern beider Häuser vorstellen. Der Vereinsvorsitzende Thomas Ziolko hat Knieriem, der noch Direktor des Münchener Zoos Hellabrunn ist, zu zwei Gesprächen geladen: Auf die erste Runde im Zoo folgt am Mittwoch die zweite im Tierpark.

„Das Interesse ist groß“, sagt Ziolko. Der Verein gewinnt wieder mehr Mitgliedern, seitdem bekannt wurde, dass Bernhard Blaszkiewitz, der 1991 Tierpark- und 2007 zusätzlich Zoo-Direktor wurde, nicht bleiben darf. Inzwischen liegt die Zahl bei 2100 Mitgliedern. Seit Jahresbeginn sind 130 Menschen dem Verein beigetreten, 2013 gab es 298 Neuzugänge.

Knieriem will sich ihnen vorstellen, aber keine Pläne zur Umgestaltung vorlegen. Er hat Ideen – doch er behält sie größtenteils für sich. Erst möchte er ein „schlüssiges Gesamtkonzept für Zoo und Tierpark“ vorlegen, bis Ende 2014, also in den nächsten zehn Monaten: einen Ziel- und Entwicklungsplan, der im Datenmaterial auch auf Analysen zurückgreift, die Knieriems Vorgängerin als Finanzdirektorin, Gabriele Thöne, für den Tierpark in Auftrag gegeben hat. „Bis dato gab es noch kein Material zum Tierpark in digitalisierter Form. Aber wir brauchen die Details zu Gebäudestandorten und -größen, Freiflächen, Wegesystem, Botanik, Sanierungsbedarf, Stand der Technik, Schmutz- und Trinkwasser. Das ist ein dickes Konvolut“, sagt Knieriem.

„Erlebnisreise durch die Kontinente“

Er knüpft an ähnliche Erhebungen an, die den erfolgreichen Umbauten der Zoos in Hannover und München, an denen er beteiligt war, vorangingen. Und er hat in Berlin, wie er einräumt, „schon mit dem Masterplan begonnen“. Noch ist es eine reine Kopfnummer, aber erste Aufträge zur Datenverarbeitung könnten im April rausgehen. Dazu gehört ein Masterplan-Leitthema für den Tierpark, das laut Knieriem „Erlebnisreise durch die Kontinente an einem Tag“ lauten könnte.

Der 49-Jährige spricht sich für „Themenschwerpunkte mit naturalistischen Tieranlagen“ und mehr Einsatz in den sozialen Netzwerken wie Twitter und Facebook sowie bei Youtube aus. Zum Vergleich: Der Tierpark Hellabrunn zeigt per Überwachungskamera, wie sein Eisbär-Nachwuchs hinter den Kulissen heranwächst. Und Knieriem will die Eingänge mit den veralteten Kassensystemen erneuern – der Berliner CDU-Abgeordnete Danny Freymark hatte sie vor Monaten als veraltet kritisiert und e-ticketing gefordert. Zudem sollen Begleitmedien den Wartenden mit Informationen zu Geburten, Jungtieren, Fütterungszeiten und -orten liefern und auf den Zoobesuch einstimmen.

Kaputte Scheiben am Eingang

Thomas Ziolko wird das freuen. Spaziert man dieser Tage mit dem 41-Jährigen durch den Tierpark, in dessen altem Verwaltungsgebäude der Förderverein sein Büro hat, sprudeln die Vorschläge aus dem Lichtenberger nur so heraus. Neben Bärenschaufenster und U-Bahn-Zugang deutet Ziolko auf Ruß und kaputte Scheiben am Tierpark-Eingang: Folgen eines Brandanschlags vom vergangenen Dezember, die bis heute nicht repariert wurden. Im Gelände selbst wird eine Bühne nicht genutzt, Ziolko würde sie mit vielen Abendveranstaltungen bespielen.

Dazu sieht er großen Bedarf an Kinderspielplätzen – es gibt auf 160 Hektar nur einen. Damit wird man bei Knieriem offene Türen einrennen, der Familienvater hat schon in München welche bauen lassen. Das gilt auch für den Vorschlag eines Artenschutzzentrums. In den Berliner Einrichtungen erfährt man wenig bis gar nichts über entsprechende Programme. Knieriem hält viel davon, in Hellabrunn entsteht eines, und er hat gute Kontakte zu dem am Tierpark gelegenen IZW (Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung), mit dem bislang offiziell nur eine magere Zusammenarbeit bestand.

Raubtierkäfige muten zu schmal an

„Manche Ideen gehen mir noch nicht weit genug“, sagt Knieriem, aber momentan seien Einzelbeispiele der dritte Schritt vor dem ersten. Er formuliert wenigstens, dass er künftig Haltungsrichtlinien „übererfüllen“ wolle. „Das Credo lautet: mehr Platz für Tiere.“ Im Tierpark gebe es genug Platz. Ziolko fallen die Eisbären ein, deren Steinfelsengehege mit Wassergraben man vergrößern könnte – auf Kosten eines asphaltierten Platzes.

„Der würde den Bären mehr dienen als jetzt den Besuchern“, sagt Ziolko. Genauso am Alfred-Brehm-Haus: Die Käfige der Raubtiere muten zu eng und schmal an. „Schon Tierpark-Begründer Heinrich Dathe hatte größere Flächen vorgesehen“, sagt Ziolko.

Ziolko sagt, dass der neue Direktor „Zeit und Raum für eine nachhaltige Planung benötigt“. Seine Vorschläge sind das Ergebnis von Treffen, bei denen Zoo- und Tierparkfreunde Verbesserungsvorschläge zusammentrugen. So müssten im Zoo die Freiflächen des neuen Vogelhauses belebter und die Volieren modernen Standards angepasst werden. Auch das Zoo-Raubtierhaus könne größere Gehege vertragen.

Plädoyer für Ideenbörsen

Ideenbörsen hält auch Knieriem für ein geeignetes Instrument, Missstände zu entdecken oder sich zu verbessern. „In München haben wir das für alle Mitarbeiter. Und für Besucher.“ Beide Gruppen sind für ihn, neben den Tieren, wichtige Elemente jedweder Zukunftsplanung.

Dazu kommen Politiker als Geldgeber. Der Tierpark braucht laut Wirtschaftsplan, der dem Abgeordneten vergangenen November vorgelegt wurde, sein Eigenkapital seit Jahren auf. Er hat für Ende 2014 nur noch geschätzte 271.000 Euro liquide Mittel und erhält Zuwendungen vom Land in Millionen-Höhe. So hatte der SPD-Fraktionschef Raed Saleh Ende 2013 ein Schwimmbad für den Tierpark angeregt – wohl eine Idee der Bäderbetriebe. Diesen Plan treibt das Bäder-Unternehmen nun voran. Knieriem kennt keine Denkverbote. „Ich bin für alle seriösen Vorschläge offen, möglicherweise entwickeln sich Synergieeffekte durch mehr Besucherverkehr an dem Standort. Allerdings löst ein Schwimmbad nicht die primären Attraktivitätsprobleme des Tierparks.“

Wann Knieriem kommt, ist offen. „Im April, Mai würde ich gerne loslegen“, sagt er. Urlaubspläne, das hat er Frau und Tochter schon mitgeteilt, hat er für dieses Jahr keine. „Meine Zeit muss in Zoo und Tierpark fließen.“