Insgesamt drei Stunden pendelt Tom Kiesling zurzeit noch täglich zur Humboldt-Universität und zurück. Der Informatik-Student lebt mit seinen Eltern in der Brandenburger Gemeinde Wandlitz. Von dort aus fährt er jeden Tag eineinhalb Stunden nach Berlin und wieder heim. Von diesem zeitraubenden Hin und Her hat der 19-Jährige nach drei Semestern die Nase voll. Eine Wohnung in Berlin muss her.

Ein Fernsehbericht machte Tom im vergangenen Juni auf eine ungewöhnliche Art des Wohnens aufmerksam: Ein Dorf aus wohnlich eingerichteten Containern sollte in Plänterwald entstehen. „Ich war so begeistert von der Idee, dass ich mich direkt beworben habe“, sagt er. Nun gehört Tom zu den ersten Studenten, die das Containerdorf „Frankie und Johnny“ in der Eichbuschallee 51 beziehen. Insgesamt 12 junge Menschen werden im März mit Sack und Pack in die umgebauten Frachtcontainer ziehen. Bis Ende des Jahres sollen ihnen 400 weitere folgen.

Ganz neu ist diese Art des Wohnens nicht, gibt Investor Jörg Duske zu. Ein Fernsehbeitrag über ein ähnliches Projekt in Amsterdam habe ihn vor etwa eineinhalb Jahren auf die Idee gebracht, ein Containerdorf in Berlin zu bauen.

Dafür nahm er finanziell einiges in die Hand: Insgesamt 16 Millionen Euro investierte der 51-Jährige in das Projekt. Bei der Idee ging es ihm um qualitativ hochwertige Wohnungen, nicht um eine Notlösung für Studenten, die auf dem angespannten Berliner Wohnungsmarkt nicht fündig geworden sind.

Duske schrieb einen Architekturwettbewerb aus, gewonnen hat schließlich der Entwurf „Frankie & Johnny“ des Schweizer Büros Holzer Kobler Architekturen. Drei Gebäudetrakte mit jeweils vier Etagen Container entstehen auf dem Gelände. Zwischen den Bauten bleibt viel Platz für Gemeinschaftsraum. Eine Galerie steht schon, bis zum Ende des Jahres sollen Wiese, Badeteich und eine Waschbar folgen.

Die ersten 20 Container sind schon bezugsfertig. Angeboten werden Single-, Double- und Triple-Wohnungen. Während die zukünftigen WGs sehr geräumig aussehen, muss man sich an den Schnitt der Einzelwohnungen erst einmal gewöhnen. 2,5 Meter sind sie schmal, Bad, Küche und Bett sind nacheinander in dem „Schlauch“ angeordnet. Zwei große Fenster, vom Fußboden bis zur Decke, sorgen für genügend Licht im Container.

Ansonsten unterschieden sich diese mit ihren gedämmten Wänden und isolierten Böden aber kaum von gewöhnlichen Wohnungen. Und auch, wenn es dem ein oder anderen mulmig werden dürfte beim Anblick der übereinander gestapelten Container: Das Studentendorf „Frankie und Johnny“ ist alles andere als eine wackelige Angelegenheit. „Ein Gutachten hat gezeigt, dass unsere Containertrakte genauso lange halten werden wie normale Gebäude“, sagt Duske.

Bunte Design-Tapeten schmücken die Wände

Bei der Inneneinrichtung haben die Planer sich besonders viel Mühe gegeben: Bunte Design-Tapeten schmücken die Wände, hippe Möbel geben den Wohnungen einen individuellen Anstrich.

Dafür müssen die zukünftigen Bewohner allerdings ganz schön in die Tasche greifen. Einzelwohnung wie WG-Zimmer kosten 389 Euro. Für diesen Preis werben die Planer mit einem Rundum-Paket: Möbel, High-Speed-Internet und andere Nebenkosten sind in der Miete enthalten. Die Studenten selbst müssen sich um kaum etwas kümmern.

Probleme, seinen Wohnraum zu vermitteln, hat Duske bisher nicht. Auf der Homepage des Projekts EBA51 gingen bereits 307 Anmeldungen ein, sagt Sprecherin Tina Sorgenlos. Ein Drittel davon stammt von Austauschstudenten. Viele von ihnen haben ein Zimmer in einer Container-WG gebucht. „Die wollen einfach schnell neue Leute kennenlernen“, vermutet Sorgenlos. Das ist allerdings nicht der einzige Grund, der für das Wohnen im Container spricht. „Anderswo finde ich nichts für einen vergleichbaren Preis“, sagt Student Tom.

Auch Antonia Hammermann kennt das Problem. Die 20-Jährige beginnt zum Sommersemester ein BWL-Studium in Berlin und zieht ebenfalls Anfang März in eine Container-Wohnung. Sie freut sich auf die grünen Außenanlagen, die Gemeinschaft zwischen den Studenten und die Ruhe etwas außerhalb des hektischen Stadtlebens. Auch abgesehen davon ist die Container-Wohnung in Plänterwald für sie ein Glücksfall: „Ich habe zuvor im Internet nach schönen Wohnungen gesucht. Aber etwas Bezahlbares habe ich nicht gefunden.“

Zu wenige Wohnheimplätze

Das Problem ist vielen Neuberlinern bekannt. Die Mieten in der Hauptstadt sind in den vergangenen Jahren in die Höhe geschossen. Gerade für Studienanfänger ist das schmerzhaft. Zu Beginn des vergangenen Semesters standen für die 150.000 Berliner Studenten nur 9456 Wohnplätze zur Verfügung.

Die Berliner Politik kennt das Problem. Im April versprach der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD), in den kommenden Jahren 5000 neue Wohnheimplätze für Studierende zu schaffen. Jörg Duske jedenfalls hat schon weitere Containerdörfer in Planung. Sein neuestes Projekt sind 1000 Wohnungen in Bratislava, der Hauptstadt der Slowakei. Für ähnliche Projekte in deutschen Städten sucht er bereits nach Investoren, auch den Bau anderer Containerdörfer in Berlin schließt er nicht aus.